22 März 2013


Kehrt D-Rose noch in dieser Saison auf's Parkett zurück? Bulls-Fans halten den Atem an. (Photo: Adifans.net)

Sebastian Dumitru 22. Mar, 2013                                   


Die Chicago Bulls haben ein Problem. Und es ist auf gewaltige Ausmaße angewachsen. Da krankt es zunächst einmal personell, sprich im aktuellen Kader. Von den 14 Spielern, mit denen man in die Saison gegangen war, haben nur zwei (Nate Robinson und Jimmy Butler) alle 67 Saisonspiele absolviert. Taj Gibson (10), Kirk Hinrich und Rip Hamilton (jeweils 22) haben Spiele im zweistelligen Bereich verpasst. Auch Joakim Noah, Carlos Boozer und Luol Deng waren hier und da mal angeschlagen. Das Team von Tom Thibodeau quält sich von Woche zu Woche und muss immer mal wieder auf einen oder gleich mehrere Leistungsträger verzichten. So kannst du natürlich keine Kontinuität aufbauen. Gegen Portland am Donnerstag kehrten Gibson und Hinrich in die Lineup zurück. Hinrich ruschte gleich in die Startformation (weil Thibodeau Nate Robinson auf der Eins nicht vertraut - und wer will's ihm verdenken?). Beide waren weit von ihrer normalen Leistungsstärke entfernt und konnten die niedergeschlagenen Bulls nicht wieder aufrichten.

Niedergeschlagen sind sie alle dieser Tage in Chicago, wo man die Zielgerade der Saison auf allen Vieren entlang kriecht. Die Zunge hängt, das Japsen ist unüberhörbar, und die kollektive Stimmung könnte tiefer im Keller nicht sein. Sogar Thibodeau ist nach fast drei Jahren Dauerdurchhalteparolen und minutiöser taktischer Adaptierung mit seinem Latein am Ende. Die Bulls haben sechs ihrer letzten acht Partien und 14 aus 22 verloren. Schlimmer noch: seit Februar ist man nicht nur in der Tabelle nach hinten durchgereicht worden wie Arbeitsblätter in euren überfüllten Uni-Hörsäälen, sondern man hat gleichzeitig all das eingebüßt, was Bulls-Basketball seit 2010 eigentlich ausmacht: Defense, Verve, Einsatzbereitschaft und der Glaube, immer genug beisammen zu haben, um jeden Gegner aus der Halle zu raufen. Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht, was ich meine:

Chicagos offensive/defensive Effizienz
Zwischen dem 30. Oktober und 31. Januar belegte Chicago in der Defensive Platz 3 mit einer defensiven Effizienz (also kassierte Punkte pro 100 Angriffe) von 97.6. Im Angriff war man mit 100.4 Off. Eff. zumindest im mittleren NBA-Drittel, was unter Thibodeau im Prinzip schon immer so war. Seit dem 1. Februar kassieren die Bulls plötzlich unfassbare 104.5 Punkte pro 100 Angriffe und liegen damit auf NBA-Platz 20. Die ohnehin schon wacklige Offensive ist mit 98.5 Off. Eff (Platz 25) fast vollständig zum Erliegen gekommen. Man braucht keine Zahlen, um den alarmierenden Trend zu begreifen: fünf Minuten League Pass TV reichen schon aus, und man erkennt eine völlig überforderte Mannschaft, die über keinen einzigen Spieler verfügt, der sich effizient den eigenen Wurf erarbeiten kann (nein, Nate Robinson ist kein effizienter Shot-Creator, wenngleich er sicherlich nicht für die Probleme der Bulls verantwortlich ist).

Zusätzlich zu den Problemen der Protagonisten war die Personalpolitik im Sommer ein einziger Griff ins Klo. Die Abgänge von Omer Asik, Kyle Korver, CJ Watson, Ronnie Brewer und John Lucas III. wurden durch Hinrich, Marco Belinelli, Vladimir Radmanovic, Nazr Mohammed und eben Robinson aufzufangen versucht. Während Hinrich, Vlad-Rad und Nazr zusammen 87 Partien verpasst haben und keiner von ihnen auf einen Effizienz-Wert von über 10.8 kommt, produzieren Korver, Asik und Watson in 96% aller möglichen Begegnungen mehr als solide (allesamt PER-Werte zwischen 13 und 15). Oder anders formuliert: wären Watson/Korver für 5.9 Millionen Dollar Gehalt nicht um einiges zuträglicher gewesen, als Hinrich/Mohmammed/Radmanovic für 5.6 Millionen zu verpflichten?

Die Entscheidungen des Managements, den starken Bench Mob ziehen zu lassen (Asik einmal aussen vor), um besagte "Verstärkungen" zu holen und Geld einzusparen, wurden spätestens durch das Nicht-Handeln zur Trade-Deadline ab absurdum geführt. Der chronisch knausrige Teambesitzer Jerry Reinsdorf hatte sich all die Jahre religiös geweigert, auch nur einmal die Luxussteuer zu bezahlen - bis zu dieser Saison. Warum er ausgerechnet für diese Bulls-Edition erstmals in die Luxury Tax geht, bleibt ein kontrovers diskutiertes Gesprächsthema.

Man munkelt, dass die Bulls-Organisation insgeheim - durch die Bank weg vom Besitzer bis zu den Balljungen - immer davon ausging, dass Derrick Rose nach der All-Star Pause wieder einsatzbereit wäre und die Bulls als Heilsbringer zum Titel führen könnte. Dazu braucht's natürlich Komparsen, Rollenspieler wie Hamilton und Hinrich, die man behielt, obwohl die Gelegenheit, sie abzustoßen, durchaus da war (Denver war u.a. an Hamilton interessiert).

Man munkelt auch, dass die Teamdoktoren der Bulls Rose vor einigen Wochen grünes Licht gegeben hätten, weil das von oberster Stelle so angeordnet worden wäre. Wer weiß...? Nicht, dass Roses chirugisch repariertes Knie strukturell nicht längst wieder völlig hergestellt ist. Das ist es zehn Monate nach der Kreuzband-OP mit Sicherheit. Iman Shumpert und Ricky Rubio, die sich ebenfalls vergangenen Frühling schwer verletzten, kehrten bereits vor Monaten auf's Parkett zurück. Rose trainiert schon längst wieder mit, sogar im Fünf-gegen-Fünf, und wirkt auf viele Beobachter bereit für die lang antizipierte Rückkehr.

Auf viele, ausser auf sich selbst. Und genau da muss Rose egoistisch sein. Er ist es nämlich, der sich zu 100 Prozent wohlfühlen muss, der vollkommenes Vertrauen in seine physischen Fähigkeiten wieder erlangen muss, der im Kopf verarbeiten muss, wenn er den ersten Schlag auf sein linkes Knie bekommt oder mit einer 130-Kilo-Kante unter dem Korb kollidiert und seltsam aufkommt. "Es ist immer noch so, dass beim Aufwärmen alles schön locker ist und dann, sobald ich die Intensität erhöhe, ich ein Ziehen und Drücken merke und es sich wund anfühlt. Wenn ich bereit bin, dann werde ich auflaufen." Wann das denn genau sein würde, wollen natürlich alle wissen: "Das weiss niemand ausser Gott", so Rose.

Gott verriet NBACHEF heute Morgen exklusiv: "Nicht mehr in dieser Saison!" Das ist natürlich bitter für alle Bulls-Fans und Roses Teamkollegen, die in ihrer dunkelsten Stunde (Boston ist in der Tabelle auf Platz 6 gleich gezogen, Milwaukee auf 8 nur noch 2 Siege entfernt) dringend einen Funken Hoffnung gebrauchen können, einen Anzünder, um irgendwie zu retten, was noch zu retten ist. Aber was hätten Chicago und Rose denn davon? Das Team in dieser Form und in dieser personellen Konstellation wäre nicht einmal mit einem 100% fitten und hochexplosiven Rose in MVP-Form in der Lage, die Miami Heat in einer Best-of-Seven Serie zu schlagen. Und da Rose frühestens Anfang 2014 wieder sein altes Spielniveau erreichen wird (die Anzahl der ACL-Patienten, die danach jemals ihre alte Athletik zurück erlangten, ist übrigens Null), wären sogar Teams wie Indiana, New York, Brooklyn oder Boston alles andere als Selbstläufer für die Bulls. Seien wir ehrlich: für das Team in dieser Form wäre das Überstehen der ersten Runde schon eine Sensation.

Natürlich würden die meisten es gerne darauf ankommen lassen. Rose solange drängen, bis er einlenkt und für die letzten zwei, drei Wochen und eins bis zwei Playoff-Serien zurück kehrt. Und seinem komatösen Team wie ein Defibrillator neues Leben gibt. Man zweifelt bereits offen an seiner Bereitschaft, zurück zu kehren. Möglicherweise auch Reinsdorf, der sich öffentlich bedeckt gibt. Hintergedanke: je weiter man in der Postseason avanciert, desto mehr Dukaten spuckt David Sterns Dagobert Ducks Tresorraum in Entenhausen aus... Pfennigfuchser Reinsdorf wäre folglich 'very angetan'.

Momentum. Eine Reaktionskette von vollzogenen oder unterlassenen Handlungen, die in geballter Form ebenso konstruktive wie zerstörerische Wirkung entfalten können. Miami und Denver haben gerade positives Momentum auf ihrer Seite, die Spurs ebenfalls, auch Memphis. Rechtzeitig zu den Playoffs finden sich diese Teams und funktionieren nahezu perfekt. Die Chicago Bulls sind am anderen Ende des Spektrums, weil sie nach sechs Monaten Hoffen und Bangen und Warten realisiert haben, dass der Heilsbringer vielleicht doch nicht zurück kehrt und sie rettet. Das schlaucht, körperlich wie auch mental. Thibodeaus Team geht auf dem Zahnfleisch.

Negatives Momentum hatten auch Spieler wie Antonio McDyess, Grant Hill oder Amar'e Stoudemire (letzterer erst kürzlich wieder), die sich unter Druck setzten (oder setzen ließen) und viel zu früh von ernsthaften Verletzungen zurück kehrten, nur um nie auch nur annähernd wieder die Alten zu werden. Derrick Rose scheint smarter zu sein. Er weiss, dass die Gefahren, sich eine Hall of Fame Karriere jetzt zu verbauen, nur um es allen anderen Recht zu machen, weitaus größer sind, als der potentielle Gewinn, den eine sicherlich emotionale Rückkehr im März oder April bewirken würde: "Ich will so unbedingt zurück auf's Feld. Aber ich bin erst 24, habe die ganze Zukunft noch vor mir. Alles zu seiner Zeit." Momentum eben...