23 März 2013


Der perfekte NBA-Point Guard: Ty Miller alias Andre Lawson. (Photo: NBACHEF)

Jeremias Heppeler 23. Mar, 2013                                 


Diskussionen bezüglich der Frage, wer denn nun jetzt der beste Pointguard der Liga ist, fehlte in letzter Zeit ein wenig das Feuer: Angesichts der zunehmenden Altersschwäche der lebenden Legenden Jason Kidd und Steve Nash, dem Verletzungspech von Derrick Rose und dem rapiden Leistungsabbau von Deron Williams konnte die Antwort nur Chris Paul heißen. Denn Paul ist Floor General und Clutch-Shooter in Personalunion und kann das Spiel je nach Lust und Laune als Pass-First-Pointguard oder Scoring-Maschine dominieren. Gegen dieses unwiderstehliche Gesamtpaket kommen auch Pass-Professoren wie Rajon Rondo, Highspeed-Roboter wie Russell Westbrook oder die junge Garde um Kyrie Irving und Damian Lillard nicht an. Diskussion beendet? Halt Stop: Denn jetzt folgt ja die steile (nicht ganz ernst gemeinte) These: Tief in Colorado, am Fuße der Rocky Mountains, hat sich ein Pointguard entwickelt, der es ganz ähnlich wie Paul versteht, das Spiel auf unterschiedliche Art und Weise effektiv zu beeinflussen. Ein Mutant, mit zwei Gesichtern, eine Point-Guard-Hydra. Die Rede ist von Ty Miller beziehungsweise Andre Lawson.

Nach dem Blockbuster-Trade von Carmelo Anthony hat George Karl einen ganz speziellen Game-Plan entwickelt, in welchem sein denkbar unterschiedliches Pointguard-Duo eine elementare Rolle spielt. Miller hatte bereits von 2003 bis 2006 das Nuggets-Jersey übergestreift, dann bei den 76ers und den Trailblazers die Fäden gezogen, ehe Karl einige seiner frisch gewonnenen Assets aus dem Anthony-Trade (namentlich Raymond Felton) auf den Spieltisch warf, um Miller zurück in die Mile High City zu lotsen. Die Meinung Karls bezüglich seines Floor-Generals ist ohnehin denkbar hoch: "I’m talking about a true point guard, who plays the game the way a point guard should play, not (necessarily) with the 3-ball and the scoring point guards. But the ‘trueness’ of the position, I think he’s one of the best." Lawson wurde indes nach einer überragenden Collegekarriere 2008 an Position 18 von den Minnesota Timberwolves gezogen, dann aber direkt nach Denver transferiert und ist somit der einzige Spieler im gesamten Nuggets-Kader, der die Anthony-Ära noch live miterlebte. Der gerade mal 1,80m große Guard agierte dabei zunächst als Back-Up für Chauncey Billups, ehe dessen Trade zu den Knicks ihn auf die Starter-Position schwemmte. Vergangenes Jahr erfolgte dann der Durchbruch: 16.4 Punkte und 6.6 Assists im Schnitt, sowie Career-Highs in allen relevanten Kategorien machten Lawson zum ernsthaften Kandidaten für den MIP-Award.

Der holprige Start der Nuggets in die aktuelle Saison Nuggets gründete vor allem im selten dämlichen Spielplan. Rückblickend könnte man die aktuelle Form der Klumpen auch in direkten Bezug zum brachialen Formanstieg ihres Point Guards setzen. Lawson startete angesichts der großen Erwartungen nach seinem zurückliegenden Karriere-Jahre mies in die Saison und raffte sich erst nach dem Jahreswechsel zusammen. Und wie: 2013 ist bislang "Lawson-Jahr". Der Roadrunner spielt seit knapp drei Monaten definitiv auf All-Star-Niveau, agiert als echter Anführer und als einer der  Hauptverantwortlichen für die ellenlangen Winning-Streaks der Nuggets. Im November und Dezember hatte Lawson gerade mal 13.5 Punkte aufgelegt, ehe er im Januar drei Punkte im Schnitt oben drauf klatschte und sich im Februar auf bockstarke 23.3 PPG steigerte. Der Unterschied zwischen Pre- (15.8 PPG) und Post Allstar Game (20.6 PPG) ist ebenfalls eindrucksvoll. Kurzum: Wir sehen momentan den besten Ty Lawson aller Zeiten – zumindest was das Scoring angeht. Bei allen Statistik-Spielereien lässt sich der Einfluss Lawsons auf den Erfolg der Nuggets nur bedingt in Zahlen messen: Denn der 25-Jährige ist Motor und Herz des erbarmungslosen Transition-Games, das die Klumpen zu einem Topteam der Western Conference transformierte.

Egal ob nach erfolgreichen Defensiv-Rebounds oder gegnerischen Punkten, die Pille wandert im Normalfall sofort in die Hände von Ty Lawson, der seinen Kopf ständig oben hält und sich dabei drei Angriffs-Varianten bewahrt. Entweder leitet Lawson die einfachen Punkte per Langpass direkt ein oder er dringt in die noch unorganisierte gegnerische Hälfte vor, wo er in Spielern wie Brewer, Chandler, Faried oder Iguodala zahlreiche potentielle Abnehmer für Alley-Oop-Anspiele oder Pässe in den Back-Door-Cut findet. Und natürlich ist da noch Variante drei: Lawson attackiert selbst unwiderstehlich den Korbs, schließt per Korbleger ab oder kickt den Ball in Richtung Three-Point-Land. Doch auch abseits des Transition-Games hat sich Lawson im Laufe der aktuellen Spielzeit stark verbessert und strahlt auch durch schnell abgedrückte Pull-Up-Jumper, die angesprochenen Drives und seinen soliden Dreier stetige Gefahr (auch in der Crunch-Time) aus.

Ein wenig anders gestaltet sich das Spiel der Nuggets, wenn Andre Miller den Spielaufbau übernimmt: Der 37-Jährige Oldschool-Pointguard gehört ohne Frage zu den intelligentesten Spielern der Liga und ist einer der besten Vorbereiter der Geschichte des Spiels (nicht ohne Grund enterte er die mit Legenden gespickten Top-Ten der ewigen Assist-Bestenliste). Auch 2012/13 kredenzt Miller noch starke 6 Vorlagen pro Spiel in gerade mal 25 Minuten Einsatzzeit und ergänzt das ganze durch 9.2 PPG. Besonders wichtig ist Miller aber als Gegenentwurf zu Lawson, als Spielveränderer und Gehirn der Second-Unit und in Crunch-Time Situationen. Dabei hat Coach Karl eine feinfühlige Balance im Bezug auf sein Spielermaterial gefunden. So versucht er beispielsweise Javalee McGee immer zusammen mit Miller aufzubieten – vor allem weil McGee ein idealer Abnehmer für die genialen miller'schen Alley-Oop-Anspiele darstellt und zum anderen, weil der zusammengerechnete Basketball-IQ der beiden Gamer sich auf Durchschnitts-Niveau einpendelt (und Miller wohl einer der wenigen Spieler ist, der in dieser Kategorie McGees Defizite ausgleichen kann). Millers Spiel ist dabei einzigartig: Tiefenentspannt wie kein zweiter seziert er die gegnerischen Abwehrreihen, grast mit dem Ball in der Hand das gesamte Spielfeld ab, mal mit Blick zum Korb, mal im Low-Post und findet immer wieder die Schwachstellen, die er unbarmherzig attackiert.

Der Statement-Win der Nuggets am 19. März gegen die Oklahoma City Thunder, immerhin der 13. des mittlerweile historischen Nuggets-Runs (bei Redaktionsschluss am Samstag 14 in Folge) markiert dabei ein ideales Anschauungsbeispiel für das ausgewogene Spiel des außergewöhnlichen Point-Guard-Duos. Bereits im Locker-Room hatte Miller das Wort ergriffen, was Kenneth Faried nach dem Spiel eine Lobeshymne anstimmen ließ: "He said it doesn't matter that we're coming off a back-to-back, it doesn't matter that we went to overtime — we're going to play this game hard and with pride. We don't have any excuses. Andre Miller is a guy who doesn't really say much, but when he talks, everybody listens, nobody's playing around. Everybody looks in."

In den ersten drei Vierteln war es zunächst Ty Lawson, der im Lichtgeschwindigkeitsduell mit Russell Westbrook keinen Millimeter abschenkte, bereits Mitte des dritten Viertels 22 Punkte auf der Habenseite verbuchen konnte und mit mehreren Big Plays entscheidend zum wichtigen Run Anfang des dritten Viertels beitrug. Im letzten Viertel übernahm dann die Time-Travel-Version von Andre Miller das Ruder, der an seinem 37. Geburtstag eine durch und durch exquisite Vorstellung ablieferte: 13 Punkte, vier von sieben aus dem Feld, fünf von sechs von der Linie, sechs Rebounds und drei Assists bei null Turnovern alleine im letzten Viertel. Denver gewann einmal mehr, dank der Einser. Und jetzt mal ehrlich: Wer braucht da noch einen Chris Paul?