25 Februar 2013



von Daniel Schlechtriem

Deadline-Daryl did it again...

Seit Daryl Morey im Jahr 2007 den Posten des General Managers der Houston Rockets übernahm, tätigte er an jeder Trade Deadline mindestens einen Deal. Selbst wenn, wie am vergangenen Donnerstag, in der restlichen Liga gähnende Leere herrscht und höchstens ein bisschen Ramschware weitergeschoben wird – auf Deadline-Daryl ist Verlass. Er hat auch 2013 zugeschlagen. Und wie: in zwei separaten Trades schicken die Rockets ihren Starting (Patterson) und Backup (Morris) Power Forward, den Backup Point Guard (Douglas) und einen Bankwärmer (Aldrich) nach Sacramento respektive Phoenix. Gleich drei Spieler aus der Rotation stehen nicht mehr zur Verfügung.

OUT:
Patrick Patterson, Marcus Morris, Cole Aldrich, Toney Douglas
IN:
Thomas Robinson, Francisco Garcia, Tyler Honeycutt, 2nd Round Pick der Phoenix Suns

Dafür kommen Youngster Tyler Honeycutt, Veteran Francisco Garcia und den Spieler, um den sich diese Geschichte dreht: Thomas Robinson, der fünfte Pick im letzten Draft. Robinson, klassischer Power Forward mit Stärken im Rebounding und in Korbnähe, kam bei den Kings nicht sonderlich zurecht. Eigentlich kein Grund, einen so hoch gedrafteten Spieler abzugeben, doch in Sacramento ticken die Uhren bekanntlich anders, so dass im Medienecho einhellig die Rockets als klarer Sieger dieses Trades gelten. Die Chance auf ein formbares Top-5 Talent des laufenden Jahrgangs ließ Morey gar keine andere Wahl, als das eigene Team zu sprengen und seine Serie aufrecht zu erhalten. 

Auch der Pick der Suns ist nicht zu unterschätzen: Phoenix wird am Ende der Saison zu den schlechtplatziertesten Teams der Liga gehören, somit bewegt sich der Pick voraussichtlich zwischen #31 und #35. Mit Second Roundern hatte Morey zuletzt ein besseres Händchen als in der Lottery, man denke an Chase Budinger oder aber Chandler Parsons. Einen weiteren Spieler diesen Kalibers zu draften ist nicht selbstverständlich, allerdings auch nicht auszuschließen. Deadline-Daryl hätte Marcus Morris nicht abgegeben, wäre nicht längst schon der Blick auf das ein oder andere verheißungsvolle Talent gerichtet. 

Die neue Rotation

C: ASIK / Smith
PF: DELFINO / Motiejunas / Robinson
SF: PARSONS / Garcia
SG: HARDEN / Anderson
PG: LIN / Beverley

Carlos Delfino rutscht in die Starting Five. Das bedeutet nichts geringeres als die Auflösung des Power Forwards. Parsons entspricht mit 2,06m noch am ehesten den Ansprüchen dieser Position, wird jedoch weiterhin eher die gegnerischen Flügel verteidigen. Am Freitag in Brooklyn stellte ihn Coach McHale sogar gegen den gegnerischen Point Guard, Deron Williams. Daher bekleidet Carlos Delfino nominell den Posten des Vierers, in der Zone wird man ihn aber dennoch nicht sehen. Die Rockets spielen also noch mehr Small Ball, als ohnehin schon. Vier gefährliche Schützen außen, ein Big Man in der Mitte – so lautet das Konzept. Neuzugang Robinson dürfte zunächst kaum Minuten sehen, sondern nach und nach aufgebaut werden. Gut möglich, dass er bis zum Sommer eher die Bank als das Parkett des Toyota Centers kennen lernt. Garcia ist der wichtigste Baustein für die laufende Saison. Bisher war Delfino erster Scorer von der Bank, diese Rolle übernimmt nun der Haudegen aus der Dominikanischen Republik, der einen Schnitt 5,2 Punkte und 38% Trefferquote, davon 37% von Downtown mit nach Texas bringt. Mit dem Abgang Pattersons und Morris' werden außerdem Minuten für die Youngster frei. Donatas Motiejunas ließ zuletzt sein Können aufblitzen (8,8 Punkte und 3,0 Rebounds in den letzten vier Spielen) und hat sich in die Rotation gespielt, Terrence Jones könnte ebenfalls bald wieder eine Chance erhalten. Ein kleines Fragezeichen steht hinter der Position des Backup Point Guards: Toney Douglas war ein bewährter Arbeiter von der Bank, unter den zahlreichen Youngstern sogar eine Art Veteran, der defensiv mit hohem Einsatz glänzte und in der Crunchtime wichtige Dreier traf. Patrick Beverley ist dazu zwar ebenfalls in der Lage, jedoch erst seit Januar NBA-Profi und somit noch ganz schön grün hinter den Ohren. Wegen Lins fehlender Konstanz wäre man mit einem Veteranen, der Ruhe ins Spiel bringen kann, fraglos besser bedient.


Fazit: Die Rockets haben sich auf den ersten Blick kurzfristig etwas geschwächt, wenngleich die Abgänge keine unersetzlichen Faktoren waren. Thomas Robinson macht das Team nicht sofort besser, bekommt nun aber eine neue Chance, seine hohe Draftposition zu rechtfertigen. Gelingt es ihm, im neuen zuhause sein Potential auszuschöpfen, wird er schon in der nächsten Saison zum Leistungsträger aufsteigen und diesen Trade zu einer Farce aus Sicht der Kings machen. Honeycutt wurde bereits zu den Vipers geschickt und wird dort auch bleiben, Garcia aller Voraussicht nach im Sommer Free Agent – sein Vertrag ist nur noch bis zum Saisonende garantiert. Deadline-Daryl hat alles richtig gemacht und sich nicht nur ein Top Talent des Jahrgangs gesichert, sondern auch noch zusätzlichen Platz geschaffen, um im Sommer einen hochdekorierten Free Agent an Land zu ziehen.

Was ist mit Tim Ohlbrecht?

Ein Kaderplatz bliebt offen, den Deadline-Daryl mit dem Deutschen Tim Ohlbrecht füllt. Ohlbrecht spielt in der laufenden Saison beim Farmteam der Rockets, den Rio Grande Valley Vipers und legt dort anständige 13,4 Punkte und 7,4 Rebounds auf. Sein Profivertrag entspricht dem Standard für junge, ungedraftete Spieler: Drei Jahre Laufzeit, ab kommendem Sommer nicht-garantiert. Für den gebürtigen Wuppertaler könnte Houston genau das richtige Pflaster sein: Hier haben schon vor ihm Spieler aus der zweiten Draftrunde oder, wie auch er selbst, gar nicht gedraftete, beispielsweise Chuck Hayes und Greg Smith, eine echte Chance bekommen – und sie genutzt. Darüber hinaus ist jede Trainingsstunde mit Headcoach Kevin McHale für den 24-jährigen unbezahlbar. Viel Zeit auf dem Feld wird er dennoch erst einmal nicht bekommen, falls überhaupt bleibt lediglich Garbage Time. Asik gehört die Mitte, sein Backup Smith gewinnt an Souveränität und in den letzten Minuten lässt McHale auch gerne ohne echten Center spielen. Bei den Power Forwards ist, siehe oben, ohnehin kein Platz für Ohlbrecht.
Für die Rockets zählt in den finalen Wochen der Saison im Kampf um die Playoffs jedes einzelne Spiel, Experimente sind verboten. Die Gelegenheiten für ein Ausrufezeichen werden dem deutschen Nationalspieler also nicht zufliegen und die Verantwortlichen ihn eher zwischen den Vipers und Rockets hin- und herschieben. Ohlbrechts Vertrag dient für jene eher der Sicherheit, dass ihm nicht ein anderes Team – wie die Boston Celtics, die ihm einen 10-Tages-Vertrag angeboten haben – auf den Zahn fühlt und selbst bindet. So können ihn die Rockets bei Bedarf in ihr Summer League Team aufnehmen, dann im Trainingslager zur neuen Saison wirklichen Einblick erhalten, ob er den hohen NBA-Ansprüchen genügt. Für Ohlbrecht selbst ist das ein großer Karriereschritt, doch ein langer Weg liegt immer noch vor ihm. Schon im Juli könnte er bereits wieder ohne Vertrag dastehen und sich von neuem eine Chance erkämpfen müssen.

Ein kurioser Fakt zum Abschluss. Seit dem Trade vergangene Woche und dem Abgang Patrick Pattersons ist Houstons dienstältester Spieler: Chandler Parsons, der vor gut einem Jahr, am 29.12.2011 sein Debüt gab.