15 Februar 2013



von Roman Schmidt

I'm feeling good, but like I said, if it's where it's taking me a long time and I'm still not feeling right, I don't mind missing this year.

Autsch. Das Comeback von Rose schien zum Greifen nah, doch Bulls-Fans auf der ganzen Welt haben nun einen Dorn im Finger - einen erheblichen sogar. Derrick Rose hat während des Aufenthaltes in Boston erwähnt, dass ein Verpassen der Saison 2012/13 für ihn eventuell möglich wäre. Er hatte das am 12. Februar 2013 in einem Interview mit USA Today bereits angedeutet und die Aussage „I don't mind missing this year” ist seitdem quer durch alle Medien gegangen und hat großes Aufsehen erregt. Wie wahrscheinlich ist es wirklich, dass die Bulls für den Rest der Season auf Rose verzichten müssen und was sind Faktoren, die seine Rückkehr beeinflussen?

Tom Thibodeau wiederholt seit Sommer 2012 gebetsmühlenartig „He’s right on schedule“ („Alles läuft nach Plan“). Es wurde schnell über einen Rückschlag in der Reha des Point Guards spekuliert, doch Thibs hat nach dem USA Today Interview bereits verlauten lassen, dass sich nichts geändert hat. Es herrscht Konsens darüber, dass D-Rose nach dem All-Star Break wieder Spiele für die Bulls machen und langsam herangeführt werden soll. Auch bei Experten herrschte die Meinung einer Rückkehr im späten Februar oder frühen März. Dieser Zeitplan stammt allerdings nicht aus Bulls-Kreisen und auch Thibodeau hat ebenfalls wieder betont, dass der einzige, der den Zeitpunkt der Rückkehr bestimmt, Derrick selbst ist. Der ehemalige MVP trainiert zurzeit mit Vollkontakt in 3 gegen 3 Situationen und ist in der entsprechenden Phase der Reha, in der er sein sollte. Rose wird in der Woche nach dem All-Star Break mit der letzten Phase beginnen: dem 5 gegen 5.

Doch das scheint alles nicht mehr so einfach zu sein. Ein Grund für das Drosseln der Erwartungen könnte der Druck sein. Die Bulls werden im Osten als Sleeper gehandelt und könnten allen Teams wehtun - vorausgesetzt Derrick Rose steht in den Playoffs auf dem Court. Es wurde von Seiten der Bullen zwar immer behauptet, dass diese Saison eher ein Übergangsjahr darstellen soll und man Derrick Zeit lassen will, um wieder vollständig fit zu werden. Jedoch kann kein Verantwortlicher, Spieler oder Fan ohne schlechtes Gewissen sagen, dass man (ganz tief vergraben) nicht dennoch ein wenig Hoffnung für die Playoffs hat und sich dort etwas ausrechnet. Diese Hoffnungen würden allerdings auf den Schultern - und dem Knie - eines Rose lasten, dem fast ein Jahr Spielpraxis fehlt. Der allgemeine Tenor ist, dass ein Athlet nach einer solchen Verletzung bis zu einem Jahr brauchen kann, um seine Prä-Kreuzbandriss-Form wiederzufinden. Bis zu den Playoffs wären es bei einer Rückkehr im März keine zwei Monate für Rose. Aus Derricks Umfeld ist zu hören, dass man ihn dem Druck, in einer hitzigen East-Serie wie sein altes Ich spielen zu müssen, nicht aussetzen möchte und er vielleicht lieber einen frischen Start in die neue Saison anstreben soll. Ebenfalls ist Thibodeau nicht gerade dafür bekannt, besondere Nachsicht mit seinen Startern zu haben, was Verantwortung und Minuten angeht.
Man muss sich also fragen, inwiefern die Einreden nahestehender Personen Einfluss auf Roses Rückkehr haben.

You're not jeopardizing winning a championship, but you're jeopardizing Derrick's career if he plays and gets hurt again. A lot of people are seeing him doing 1-on-1 or 2-on-2, but he's not ready. He's not 100 percent yet.“

Das sagte eine namentlich nicht genannte, Rose nahestehende Quelle, erst kürzlich ESPN Chicago. Und es stimmt, auch dem Frontoffice ist vermutlich klar, dass es auch mit ihrem Star dieses Jahr sehr wahrscheinlich kein Vorbeikommen an den Miami Heat gibt. Das wirklich beunruhigende Element ist eher, dass die Bulls möglicherweise weniger Einfluss auf Derricks Rückkehr haben könnten als andere, unbekannte „Kräfte“.

Das Wort von B.J. Armstrong (ehemaliger Bulls-Spieler und heute Agent und Mentor) hat für Rose Gewicht. Armstrong gehört zur Wasserman Media Group aus Kalifornien, die den jungen Point Guard in Mediensachen vertritt und berät. Das USA Today Interview war beispielsweise von eben dieser Mediengruppe angesetzt, sowie zwei weitere Interviews, die bei anderen Medienvertretern in den kommenden Tagen noch ausgestrahlt oder hochgeladen werden. Warum, nach monatelangem Schweigen gegenüber der Presse, gerade jetzt? Der Zeitpunkt so kurz vor dem vielzitierten All Star Break schien perfekt, um die Rückkehr anzukündigen, stattdessen scheint Rose die Handbremse angezogen zu haben. Ist es möglich, dass seine Agenten ihn dahingehend beraten haben? Eine Antwort könnte sich ergeben, wenn man sich den zweiten Teil der Aussage vom namentlich nicht erwähnten Nahestehenden ansieht:

”He has to feel comfortable. There's no way in hell he's going to feel pressure. There's too much at stake. He has signed all these deals.”

Katsching. Geld regiert die Welt und vor allem Adidas hat eine Menge davon in seinen Schützling investiert. Sogar 160 Mio. $ mehr als die Bulls mit ihrem knapp 100 Millionen Dollar Max-Contract, um genau zu sein. Könnte es also sogar einen Einfluss von Adidas geben? Kaum ein Wort, das Rose seit dem Kreuzbandriss in den Medien gewählt hat, war Zufall. Adidas hat - auch wenn die Werbeclips motivierend und gut gemacht sind - Roses Genesung und Reha zum Medienereignis gemacht und auf den Fernsehbildschirm und ins Internet gebracht. Rose selbst war auch nicht zurückhaltend und es finden sich inzwischen unendliche Verweise, wenn man #TheReturn in die Suchmaschine eingibt. Auch seine Twitterabstinenz hat er aufgegeben und nutzt die Plattform teilweise für Werbung in Sachen Adidas. Unter Fans und Experten entwickelte sich die Befürchtung, dass Rose möglicherweise in die Fänge von Global Players geraten ist und keine Kontrolle mehr über seine eigene Rückkehr ins Bullsjersey haben könnte.

Wenn man alle Fakten und Aussagen, die in den letzten Tagen an der Derrick-Rose-Front hereingebrochen sind, beurteilt, muss man die vielen Befürchtungen und Zweifel ins Land der Verschwörungstheorien verbannen. Im Endeffekt hat Rose nichts Neues gesagt: Er fühlt sich gut, sein Bein fühlt sich noch immer nicht ganz richtig an, er weiß nicht wann er zurückkommt, vielleicht heute, vielleicht in einem Monat, vielleicht im Oktober. Dass in letzterem Falle eine Welle der Enttäuschung kommen würde, war abzusehen. Denn, dass er die Saison verpassen könnte, wurde von Anfang an klargestellt - nur keiner hat es wirklich erwartet und die fortwährenden Medienspekulationen taten ihr Übriges.

Das Ende vom Lied ist, dass Rose, sein Agent Armstrong, Team Executives John Paxson und Gar Forman und seine Trainer und Ärzte bei der Entscheidung zusammenarbeiten. "Aber es liegt im Endeffekt an mir, die Entscheidung zu treffen, wann ich wieder spiele. Es ist cool, dass sie mir das letztendlich überlassen." Im Endeffekt bleibt es also, trotz des großen Medienaufschreis, einzig und allein eine Entscheidung von Derrick Rose, wann er zurückkommt - und zwar bei 110%. Alles andere wäre ja auch grosser Bull....