25 Februar 2013



von Jeremias Heppeler

Die alte Geschichte forscht seit vielen hundert Jahren tief in der Geschichte und den Geschichten der Antike und stützt sich dabei in erster Linie auf Originalquellen: aus Chroniken, Urkunden und Lexika rekonstruiert man Kaiserbiografien, detaillierte Abläufe aus Griechenland und Rom, ja die gesamte frühe Weltgeschichte. Dabei gibt es aber ein Problem: Über all diesen Konstruktionen, Interpretationen und Ideen schwebt durchgehend ein „Horror Vacui“, die sogenannte "Angst vor der Leere". Vielleicht war ja alles anders – vielleicht lügen alle Quellen – und ein Grossteil der alten Geschichtswissenschaft, wie wir sie kennen, steht auf einem falschen Boden, auf einem schwarzen Loch.

Vielleicht. 

Zugegeben, der Sprung aus der Antike und den angestaubten Universitätsbibliotheken in die Pepsi-Arena der Mile High City wirkt jetzt ein wenig konstruiert, macht aber insofern Sinn, als doch auf das aufregende Projekt „Denver Nuggets“ ein ähnliches Damoklesschwert seinen ekligen Schatten wirft. Natürlich spricht die ganze NBA-affine Welt zur Zeit über den Highspeed-Tsunami voller Highflyer, der momentan durch die NBA rasiert, und natürlich hat der fraglos talentierte GM Masai Ujiri zusammen mit Coach George Karl ein Team zusammengestellt, das so effektiv wie ein Schweizer Uhrwerk funktionieren kann. Das die Carmelo Anthony-Ära längst vergessen gemacht hat. Dessen Kader vermeintlich tiefer ist als jede andere Truppen der Liga. Das mit Danilo Gallinari, Ty Lawson, Kenneth Faried, Andre Iguodala und mit Abstrichen (wir wissen alle wieso) JaVale McGee eine komplette Starting Five voller Borderline-Sternchen auf die Platte schicken kann. Man könnte jetzt ewig so weiterschwärmen. Doch genau im letzten Punkt liegt der sprichwörtliche Hund begraben: Denver besitzt keinen Superstar, keinen unangefochtenen go to guy und trotz all der Siege, trotz allen Potentials und all den cleveren Moves gibt es eben diese eine Frage, die die Herren Ujiri und Karl mindestens einmal wöchentlich schweißgebadet aus den Träumen reißt: Kann man im Jahre 2013 mit Teambasketball überhaupt einen NBA-Titel erringen?

Die Geschichte sagt: Nein! NBA-Champions, ja selbst die meisten erfolgreichen Playoff-Teams der vergangenen Jahrzehnte, hatten klare Hierarchien und mindestens einen, meistens aber zwei, in seltenen Fällen sogar drei überragende Baller in ihren Reihen. Superstars. Spieler, die ganze Spiele mit einem Atemzug inhalieren konnten. Ein anschauliches Beispiel für diesen Gedankenkomplex sind wohl die San Antonio Spurs und ihre Big Three, denen es über fantastischen Kollektivbasketball immer noch gelingt, die Regular Season nach Belieben zu dominieren, denen in den vergangenen Jahren aber einige Prozentpunkte Starpower fehlten, um einen überragenden Playoff-Run hinzulegen (im Gegensatz zu den ganz großen Triumphen, als Duncan, Parker oder Ginobili im entscheidenden Moment noch absolut dominierten).

"We're going to try to shock the world and become the first team to win a championship without a superstar. Without an All-Star." (George Karl)

Coach Karl indes sagt: Ja! "We're going to try to shock the world and become the first team to win a championship without a superstar. Without an All-Star." Euphorisiert ließ sich der Meister Eder der NBA nach einem Sieg in Cleveland am 9. Februar zu dieser klaren Kampfansage hinreißen. Doch was ist wirklich möglich für die Klumpen, und warum spielt der Superstar-Faktor im NBA-Basketball eine so unglaublich wichtige Rolle? Der Blick in andere Mannschaft-Ballsportarten zeigt: Im Handball und Fußball kann ein funktionierendes Kollektiv auch ohne absoluten Ausnahmekönner erfolgreich sein (man denke nur an Griechenlands EM-Triumph, Inter Mailands Championsleague-Sieg oder das Olympia-Silber der isländischen Handballnationalmannschaft). Klar, vor allem bei den Kickern, aber auch beim Handball, stehen mehr Spieler auf dem Feld und damit mehr Optionen. Das Kollektiv gewinnt an Bedeutung. 

Bewegt man sich aber in NBA-Diskussionen in diesem Diskurs, spielt vor allen Dingen ein Argument eine entscheidende Rolle: die "Clutchness". Der entscheidende Wurf, der entscheidende Block, der entscheidende Freiwurf, der Sekundenbruchteil, der das Momentum verschiebt  – das alles sind Faktoren, die spätestens in Playoff-Spielen den Ausschlag geben. Und: Das alles sind Faktoren, für die in der Regel die Superstars der Liga zuständig sind. Im Bezug auf die Denver Nuggets könnte dieses Argument irgendwie obsolet werden. Denn genau in diesen Momenten schöpfen die Klumpen immer wieder aus der Tiefe ihres Kaders: Gallo hat sich in der Crunch-Time bereits mehrfach kälter als ein Mafiosi-Killer gezeigt; Lawson besitzt zwar keine ausgemachten Clutch-Eier, vermag aber im Road-Runner-Style auch in brenzligen Situationen einfache Punkte zu kreieren; und der abgefahrene Frontcourt, bestehend aus „Manimal“ und Tragic Bronson, ist immer mal wieder für einen Tip-In oder einen absurden Dunk gut (Stichwort: Momentum). Dazu kommt mit Andre Miller ein mit allen Wassern gewaschener Old-School-Pointguard, der instinktiv das richtige Play vorbereitet. Die Offensive ist eine Naturgewalt. Und die Gefahr des Extra-Passes ist allgegenwärtig. Kurzum: Denver ist vorne insgesamt Clutch! 

Zu viel Kollektiv, zu wenige Superstars? Vielleicht. (Photo: Stan Fair) 
Die wirklichen Probleme liegen am anderen Ende des Courts. Erfolgreiche Kollektive definieren sich normalerweise immer auch über die Defensive. Davon sind die Denver Nuggets allerdings kilometerweit entfernt. Denver kassiert die viertmeisten Punkte der gesamten Liga (schlechter sind nur die Schwererziehbaren aus Sacramento, die Rollator-Gang aus Dallas, die Young Guns der Rockets und...ja klar, die Bobcats). Die bittere Wahrheit: In der Defensive sind die Nuggets oftmals gar kein Kollektiv, sondern ein Sauhaufen. Das hat eine Menge Gründe: So überfüllt die offensive Waffenkammer daher kommt, so sehr fehlt es an starken Verteidigern. Einzig Iguodala ist besonders hervor zu heben, und für ihn musste man mit Arron Afflalo den ehemals besten Perimeter-Verteidiger abgeben. Entsprechend schwach ist also die Outside-D, reihenweise stehen die gegnerischen Schützen komplett frei an der Dreierlinie (nur Charlotte kassiert mehr Dreier pro Spiel als die Nuggets). Besorgniserregend ist die Situation auch unter den Körben: dort täuscht die Tatsache, dass die Nuggets insgesamt die zweitmeisten Rebounds der Liga abgreifen (und Faried und McGee regelmäßig monsterblocken), ein wenig darüber hinweg, dass die Big-Men-Rotation und damit einhergehend auch die Inside-Defensive technisch unterdurchschnittlich agiert und sich von ordentlichen Frontcourt-Brocken immer wieder hin und her mobben lässt (Timofey Mozgov ziert wohl mehr Poster als Michael Jordan – und das ist kein Kompliment!). 

Trotz genannter Schwächen steht für mich dennoch steht, dass die Nuggets die erste Playoff-Runde erreichen und dort auf die Memphis Grizzlies treffen werden (die Golden State Warriors werden wohl ein bisschen einbrechen, die Clippers scheinen mit Chris Paul zu gefestigt zu sein). Die Frage für Denver ist jedoch, ob mit oder ohne Heimvorteil. Kritiker sehen in Memphis' Safari-Frontcourt (spanischer Bär und schwarzer Wasserbüffel) ohnehin den absoluten Match-Up-Albtraum für die angesprochene miserable Defensive der Nuggets unter den Körben. Andererseits hat Denver in dieser Saison bereits zweimal auswärts in Memphis gewonnen. Sollten Karl und sein Team tatsächlich noch auf Rang vier klettern (was angesichts des ausgedünnten Grizzlies-Kaders und nur drei Siegen Rückstand sicherlich im Bereich des Möglichen liegt), sehe ich sie in einer möglichen Playoffserie durchaus in der Favoritenrolle. Das liegt in erster Linie an der tiefen, funktionierenden, feinjustierten Bank – und dem gerupften Hühnerhaufen, der ihr auf Grizzlie-Seite entgegen steht. Angesichts dieser Gesamtkonstellation wäre dann also sogar die zweite Runde im Bereich des Möglichen. Doch eine überstandene Runde eins interessiert zunächst noch niemanden, erst vier Siege später spricht man von einem "guten Run". Könnte man sogar bis ins Conference Finale? De Facto räume ich den Nuggets gegen jedes Team im Westen gute Chancen ein – bis auf die Oklahoma City Thunder.

Trotz der beneidenswerten Tiefe des Kaders gibt es einige Spieler, die wohl unersetzlich sind. Als vor kurzer Zeit sowohl Gallinari als auch Iguodala ausfielen, stotterte die Denver Maschine gewaltig. Ohne ihren Defensiv-Motor und den italienischen Clutch-Shooter fehlten den Nuggets die entscheidenden PS, die sie während ihres sensationellen Januarlaufes zu Siegen in Serie trieben. Sollte es Karl aber gelingen, seine wilde Bande bis zu den Playoff zusammenzuhalten, die Defensive weiter zu stärken und vor allem seinen rohen Frontcourt auf körperlich starke Gegenspieler besser einzustellen, bin ich mir sicher, dass die Denver Nuggets in den Playoffs für mächtig Furore sorgen können. Vielleicht ist ja dann in der Mile High City tatsächlich alles möglich. Wie gesagt: Vielleicht.