12 Februar 2013



von Wagner Markus   @Dino_Jumper

Die Meinung in den Medien und unter den Fans war eindeutig: Erst wurde ein Trade von Gay nach Toronto als positiv für die Raptors gesehen, nach dem Deal schlug die Stimmung um und viele sahen die Raptors als Verlierer an. Stellvertretend hierfür die ohnehin umstrittene Website „Bleacherreport“, die Stunden vor dem Trade der Meinung war, dass die Raptors unbedingt Gay holen sollten – um keine 24 Stunden später den Raptors Konzeptlosigkeit vorzuwerfen. Leider erkannten viele nicht, in welcher Situation die Raptors steckten, dass es außer Gay nicht viele Alternativen gab und dass der Trade sich nicht unbedingt sportlich wie finanziell zum Nachteil entwickeln muss. In einem Q&A im Klaus-Augenthaler-Stil möchte ich euch, knapp zwei Wochen nach der Abwicklung, die Umstände des Trades aus der Sicht eines Raptors-Fans noch einmal erläutern: Die Fragen stelle ich, selbstverständlich bin ich so nett und beantworte sie auch.

Hat der Trade sportlich überhaupt etwas gebracht?

Die Raptors haben seit dem Deal Ende Januar fünf ihrer sieben Partien im Februar gewonnen - darunter Heimsiege gegen die Los Angeles Clippers und die Denver Nuggets, sowie auswärts in Indiana und New York. Zuletzt gab es mit vier Siegen in Folge die zweitlängste Erfolgsserie der Saison zu feiern. Die einzigen Niederlagen setzte es gegen Miami und Boston - beide knapp und wohl der mangelnden Erfahrung geschuldet, nicht offensichtlichen Qualitätsnachteilen. Vor allem Gay hat die Erwartungen bisher übertroffen und profitiert von mehr Würfen und mehr Vertrauen als in Memphis. 

War der Trade nun sinnvoll oder wirklich eine halbe Katastrophe?

Der Trade ist ein Risiko, aber: Ja, er war richtig und man musste ihn machen. Das Team in der alten Form hatte einen reservierten Sitzplatz erster Klasse für den Zug nach Nirgendwo, auch in den nächsten 2-3 Jahren wäre nicht mehr als Platz 9-11 im Osten drin gewesen. Aus dem Inneren konnte die Lösung nicht kommen, das hat man dieses Jahr gesehen und vermutlich ist der eigene Draft-Pick ebenfalls weg (OKC). Man hat nicht die Attraktivität und die Trade-Assets, um einen Superstar oder einen hochkarätigen Free Agent nach Kanada zu holen, da bringt auch eventueller Capspace nicht viel. Man hatte nur zwei Möglichkeiten: Entweder wieder einen kompletten Rebuild zu starten oder einen Trade für einen Semi-Star einzufädeln, um in den nächsten Jahren den Fans zumindest die eine oder andere Playoff-Teilnahme zu bieten.

Man hat sich aus durchaus nachvollziehbaren Gründen für die zweite Variante entschieden. Rudy Gay war auf dem Markt (Rudy Gay war erst der fünfte Spieler mit mindestens 17 PPG und 5 RPG, der in den letzten fünf Jahren getradet wurde) und passt beinahe perfekt ins Anforderungsprofil: Small Forward, kann die Rolle als Go-To-Guy übernehmen, steht in der Defense seinen Mann und löst eventuell die Probleme in der Crunchtime. Rudy Gay ist kein Star und wird auch nie einer werden, er wird die Raptors nicht alleine in die Playoffs führen, aber er könnte das fehlende Puzzlestück für Platz 7/8 in den nächsten Jahren sein. Er ist vermutlich für Toronto eine bessere Lösung als ein Danny Granger oder ein Pau Gasol. Wenn man nicht den Rebuildknopf drücken wollte, dann musste man den Trade durchziehen.


Warum kein Rebuild?

Schon nach dem katastrophalen Saisonstart hätten einige Fans lieber das Einläuten eines kompletten Rebuilds gesehen. Das Ziel aller Träume: Andrew Wiggins, in Toronto geboren und aufgewachsen, High-School-Star und vermutlicher Nummer Eins Pick 2014 mit Superstar-Label. In der romantischen Vorstellung ziehen die Raptors beim Draft dann Wiggins, er wird wirklich der kommende kanadische Superstar der NBA und man spielt in 6-7 Jahren ernsthaft um den Titel mit. Der Gedanke wird mit Sicherheit auch in den Köpfen des Front Office mitgespielt haben, aber hat man wirklich das Losglück, trotz der schlechtesten Bilanz in '13-14 Wiggins zu ziehen? Entwickelt er sich wirklich zum absoluten Superstar? Kann man um ihn ein Team aufbauen? Zu viele Fragezeichen und zuviele Risiken, die das Front Office nicht eingehen wollte. Alleine schon das Verpassen des Nr.1-Picks bei der Lottery nach einer Saison am Tabellenende würde für einen gewaltigen Aufschrei sorgen, welcher vielleicht der Anfang vom Ende der Franchise wäre. In den nächsten 2-3 Jahren laufen fast alle Verträge aus, dann wäre nach dieser recht kurzen Zeitspanne die Möglichkeit eines Rebuilds wieder gegeben - zwar ohne Wiggins, aber auch ohne die Gefahr, ihn draften zu müssen.

Zahlt man demnächst Luxus-Steuer? Ist man durch die deutliche Capüberschreitung in Zukunft stark eingeschränkt?

Ein zentraler Streitpunkt des Trades war die Frage, ob der Raptors-Cap nun auf Jahre ausgelastet ist und man ab der kommenden Saison die Luxus-Steuer bezahlen muss. Richtig ist, dass Toronto mit dem aktuellen Kader in der nächsten Saison knapp über der Luxus-Grenze liegt. Aber: wie wahrscheinlich ist ein Verbleib von Spielern wie Mickael Pietrus oder Hamed Haddadi? Außerdem hat man noch die theoretische Möglichkeit, von der Amnesty-Klausel Gebrauch zu machen, die mit ziemlicher Sicherheit bei Andrea Bargnani oder Linas Kleisza genutzt wird. Man liegt zwar im kommenden Sommer über dem Cap, aber mit Trades sowie dem sinnvollen Einsatz von Exceptions ist der eine oder andere Move drin. Ab 2014 liegt man nach jetzigem Stand mindestens 10 Millionen $ unter dem Cap, genügend Platz also, um einen guten Free Agent zu holen. Viel schlimmer für die Cap-Belastung als der Gay-Trade war das Landry Fields Signing und der neue Vertrag für DeMar DeRozan – zu früh, zu lang, zu teuer.

War es ein Fehler, Ed Davis abzugeben?

Ed Davis hatte in diesem Jahr seine Breakout-Saison, der 13.Pick des Jahres 2010 profitierte von Bargnani's Verletzung und verbesserte sich insbesondere bei den Advanced Stats. Doch trotz der ganzen Steigerung in einzelnen Kategorien: Alleine schon die aktuellen nackten Zahlen (9,7 Punkte, 6,7 Rebounds, 0,8 Blocks bei 24 Min) legen nahe, dass Davis zwar ein sehr guter Rotationsspieler ist, aber nie ein Star wird. Davis wird vermutlich nie ein besserer Spieler als Gay werden, vermutlich nie in einem Team mit Ambitionen starten. In Toronto hält man viel von den beiden Rookies Terrence Ross und Jonas Valauncias, zumal sie noch am Anfang ihrer Rookieverträge stehen und Davis nächste Saison ins letzte Vertragsjahr geht. Ed Davis hätte man natürlich gerne noch in Toronto behalten, aber für den Trade musste man einen der drei jungen Wilden abgeben, und da war Davis der Entbehrlichste.

Wo gibt es noch für Baustellen im Kader?

Ein Starting Power Forward, der idealerweise ein Stretch Four ist und und nicht Andrea Bargnani heißt, wird noch gesucht; Zudem sollte man sich noch um einen Point Guard bemühen. Die letzten Spiele haben gezeigt, dass John Lucas III. nicht die Lösung ist. Auch Kyle Lowry muss in der zweiten Saisonhälfte zeigen, dass man in Zukunft mit ihm auf der Eins bauen kann: Nach einem starken Saisonstart wird er zunehmend kritischer beäugt, er muss es schaffen im Halbfeld besser für andere Mitspieler zu kreieren.

Hat Bargnani doch noch eine eine Zukunft Toronto?

Schwacher Saisonstart, in den letzten zwei Saisons ständig verletzt, öffentlich von Colangelo angezählt und zum Trade freigegeben, pausenlos Pfiffe im Air Canada Centre bei seinen Comeback und die jahrelangen Enttäuschungen – Bargnani's Zeit in Toronto ist spätestens im Sommer per Amnesty-Regelung vorbei. Das Front Office wird jedoch alles versuchen, um ihn noch vor der Deadline zu traden, doch Bargnani's Tradewert ist momentan noch tiefer im Keller als Greuther Fürth in der Bundesliga.

Hält die sportliche Trendwende an und schaffen es die Raptors doch noch in die Playoffs?

Ja und Nein. Ich bin überzeugt davon, dass man mit Gay eine deutlich bessere zweite Saisonhälfte spielen wird, aber die Playoffplätze sind mittlerweile zu weit entfernt. Selbst wenn eines der ersten acht Teams noch deutlich an Boden verliert (wenn überhaupt, dann Atlanta oder Milwaukee), dann hätte man mit den immer stärker werdenden Detroit Pistons und den Philadelphia 76ers (dann mit Andrew Bynum) starke Konkurrenz um den verbliebenen Spot. Die Playoffs im April werden ohne Toronto stattfinden.

Wird Colangelo's Vertrag verlängert?

Ich kriege Angstzustände, wenn ich an das mittlerweile realistische Szenario einer Vertragsverlängerung für BC denke. Wenn Colangelo es noch schafft, Bargnani zu traden und man eine gute zweite Saisonhälfte spielt, dann ist das Momentum ganz auf seiner Seite. „The trend is your friend“ gilt auch in der NBA und der Stillstand der Franchise in den vergangenen sieben Jahren unter Colangelo wird dann in dem Fall wohl unter den Teppich gekehrt werden... leider.