15 Januar 2013



von Daniel Schlechtriem

«Who the hell is Chandler Parsons... ?» … fragte sich vergangenen November der mehr für unqualifizierte Kommentare denn wirklich kluge Beiträge berüchtigte ESPN Analyst Stephen A. Smith. Die Rockets hatten gerade Smiths New York Knicks mit 131:101 aus dem Toyota Center gefegt und waren dabei noch ziemlich gnädig. Überragender Mann (neben James Harden, versteht sich): Eben jener Chandler Parsons, der den Knicks einen Karriere-Bestwert von 31 Punkten einschenkte, 13-17 aus dem Feld, 4-7 Dreier, dazu fünf Rebounds, vier Assists, vier Steals und ein Block. Wurden im Vorfeld ausschließlich Jeremy Lin und dessen erstes Wiedersehen mit den alten Kollegen thematisiert, stand nun plötzlich der Sophomore aus Florida im Mittelpunkt. 

Selbstverständlich hat jeder, der sich etwas eingehender mit der NBA beschäftigt, den Namen längst gehört und gelesen und auch Stephen A. weiß nur zu genau, wer Chandler Parsons ist. Dafür war dessen rasanter Aufstieg im Rookie Jahr, die daraus resultierende und nur konsequente Wahl ins All-Rookie Second Team zu eindrucksvoll, als dass selbst ein Ignorant wie Smith davon nichts mitbekommen hätte. Jener wiederholte übrigens diese Respektlosigkeit im Vorbericht des Rückspiels kurz vor Weihnachten noch einmal (s. Video, ab 1:45) – und lieferte damit unfreiwillig einen der Hauptgründe für Parsons' so überraschend schnellen Erfolg: Er wurde von Anfang an unterschätzt. Damit so etwas nicht mehr vorkommt, hilft With the 14th Pick Stephen A. und allen interessierten Lesern mit dem folgenden Kurzportrait über einen der versiertesten All-Rounder der Liga auf die Sprünge.

Gute Gene

Don Parsons (Photo: Rutgers)
Parsons, geboren und aufgewachsen in Florida, entstammt einer sportlichen Familie. Bereits sein Großvater Don Parsons (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Eishockey-Teambesitzer) spielte Basketball, wurde 1950 sogar gedraftet – ausgerechnet von den New York Knicks. Doch Don entschied sich gegen die NBA. Das den damaligen Verhältnissen entsprechende Angebot über 3.800$ im Jahr lag unter dem, was er in seinem regulären Job bei einem Finanzdienstleistungsunternehmen verdiente. Auch Chandlers Vater Gary war talentiert. Er galt als Tier an den Brettern, in seinem vierten Jahr im Rollins College (nahe Orlando) erzielte er im Schnitt beachtliche 21 Punkte und 11 Rebounds. Gary hätte in Europa Profi werden können, entschied sich aber wie sein Vater für einen sicheren Arbeitsplatz. Die Familie musste noch eine Generation warten, bis sie einen der Ihren auf der großen Bühne sehen würden. 

Dabei war dieser Weg keinesfalls vorgezeichnet. Chandler verbrachte wie Großvater und Vater alle vier Jahre auf dem College, was heutzutage nicht die beste Voraussetzung ist, um in der NBA Karriere zu machen. Nach Ansicht vieler Scouts offenbart ein dortiges drittes oder gar viertes Jahr eher Schwächen und Mängel, als dass es ein Talent spielerisch weiterbringt. Dennoch hoffte Parsons darauf, noch in der ersten Runde des nicht besonders tief besetzten 2011er Drafts seinen Namen zu hören. Aus wirtschaftlicher Sicht bedeutet das garantiertes Geld und damit auch Planungssicherheit. Entsprechend enttäuscht war der Small Forward, als es nicht einmal für einen der frühen Zweitrundenpicks reichte und er erst an 38. Stelle gezogen wurde. Doch Parsons ließ sich davon nicht beirren und nahm die Herausforderung in Houston an – nach dem Lock-Out. Jenen verbrachte er in Frankreich bei Cholet Basket. Denn das ist charakteristisch für ihn: Er sucht die Herausforderung und setzt hohe Ansprüche an sich selbst. Einzeltraining fernab des sportlichen Wettbewerbs war für ihn keine Option. Auch wenn er nur drei Spiele in der französischen Liga absolvierte, war diese kurze Erfahrung von unschätzbarem Wert. Er kehrte in exzellenter Verfassung nach Houston zurück, war dementsprechend im Trainingscamp körperlich wesentlich weiter als viele Kollegen, so dass Coach McHale bald schon praktisch gar keine anderen Wahl hatte, als auf seinen Rookie zu setzen – und zwar nicht auf den 14. Pick Marcus Morris, der sich früh in der D-League wiederfand, sondern auf Parsons. In den ersten vier Spielen im Dezember 2011 wurde er nur zwei Mal eingesetzt, bekam aber bereits jeweils respektable 17 Minuten auf dem Court. Das finale Spiel des Jahres, das vierte der Saison, ein Heimsieg über die Atlanta Hawks, sollte das letzte werden, in dem die Rockets freiwillig auf ihn verzichteten. Mit seinem persönlichen Aufstieg registrierten Dauerkarteninhaber im Toyota Center einen merkliche Zunahme weiblicher Zuschauer auf den Rängen – Zusammenhänge lassen sich erschließen. Und die entflammten Damschaften bekamen immer mehr von ihm zu sehen: 26,5 Minuten im Januar, 28,6 im Februar und ein Höchstwert von 32,5 im März. Der ehemalige Florida Gator verdrängte früh Chase Budinger als Starter auf der Drei und verteidigte gegen die Elite der Liga wie Kevin Durant und Kobe Bryant. Letzterer war zunächst sehr überrascht, einen unbekannten Rookie gegen sich gestellt zu bekommen, verteilte hinterher aber seltenes Lob für seinen Gegenspieler, der ihm einen aufreibenden Arbeitstag beschert hatte. 

Nur mit Unterschätzung und Arbeitsmoral lässt sich so eine geradezu unerhörte Entwicklung freilich nicht erklären, wenngleich es mit der Einstellung beginnt. Richten viele Mitspieler und Gegner nach einem Wurf ihren Blick auf den Ball und degradieren sich selbst somit zu Zuschauer, die gespannt starren, ob der Spalding reingeht (strenger Seitenblick in Richtung Patrick Patterson), antizipiert Parsons längst. Er hat ein instinktives Gespür dafür, wo ein möglicher Rebound zu holen ist, auch wenn man nicht in der Zone steht. Seine ersten Ausrufezeichen setzte er dementsprechend mit krachenden Tip Dunks, die ihm schnell dem Spitznamen „Chandler Bang“ einbrachten. Aber auch das reicht nicht, um als Secound Rounder in wenigen Wochen zum Starter zu avancieren. Parsons ist so wichtig für das Team, weil er auf dem Feld alles kann. Der Floridaner hat keine Paradedisziplin, dafür aber auch praktisch keine Schwächen: Wurf, Athletik, Passspiel, Sprungkraft Verteidigung, Rebounding auf beiden Seiten – alles vorhanden und bei weitem noch nicht auf dem Zenit. Erkennt er Makel im eigenen Spiel, wie vergangenes Jahr die schwache Quote an der Freiwurflinie von 55%, merzt er diese aus. Inzwischen steht er bei anständigen 75%, Luft nach oben immer noch vorhanden. Einem Sophomore Slump – zu deutsch ein Leistungstief, in das Youngster in ihrem zweiten Jahr nach einem meist anständigen bis guten ersten fallen – wollte er keinerlei Spielraum geben, deshalb nutzte er den Sommer, um intensiv die Freiwurfquote und auch sein gesamtes Spiel zu verbessern.

Freundschaft mit Jeremy Lin

Mit Erfolg: Selbst wenn er im Box Score kaum auffällig wird, ist Parsons für sein Team unersetzlich. Er macht die vielen kleinen, aber wichtigen Dinge, die in keiner Statistik auftauchen: Help Defense, Box-Out, Ball Movement, Bewegung ohne den Ball um Räume zu schaffen, hohe Flexibilität offensiv wie defensiv, Absicherung eines jeden noch so freien Lay-Ups der Kollegen. Der Small Forward ist gedankenschneller als die meisten anderen auf dem Feld und verfügt gleichzeitig sowohl über einen ausgezeichneten Basketball-IQ, als auch Bescheidenheit und Teamspirit, die jeden Anflug von Egoismus von vorne herein ausschließen. Parsons ist ein Teamplayer, ein Vollprofi. Das lässt sich auf seinen Werdegang zurückführen. Er musste sehr hart arbeiten, um überhaupt einen Platz in der NBA zu finden, bekam als junger Spieler keinen metaphorischen Zucker in den Hintern geblasen. Raum für persönliche Eitelkeiten öffnete sich gar nicht erst. So lässt sich auch seine Freundschaft mit Jeremy Lin erklären: Beide kamen im Dezember 2011 als totale Außenseiter nach Houston. Der Konkurrenzdruck im gut gefüllten Roster war enorm. Sie wussten beide genau, dass jeder Tag im wegen des Lock-Outs verkürzten Trainingscamps ihr letzter sein könnte und sie ohne einen einzigen garantierten Cent arbeitslos wären. Genau so traf es dann auch Lin, der bekanntlich sein Glück in New York fand. Parsons und Lin mussten bei ihrem Start in Houston ums nackte Überleben kämpfen, so etwas schweißt zusammen und bildet den Charakter. Kein Wunder also, dass sich Lin erst einmal bei Parsons einquartierte, als er nach einer für beide ereignisreichen ersten Jahreshälfte 2012 nach Houston zurückkehrte.


Das beste Preis-Leistungsverhältnis der Liga 

Chandlers Qualitäten lassen sich auch in Zahlen ausdrücken: Er ist zweitbester Scorer des Rockets (14,4), greift die zweitmeisten Rebounds (6,2) und ist interner Dritter in Assists (3,5) und Steals (1,22), außerdem steht er am zweitlängsten auf dem Feld (36,3 Minuten). Was er dafür vergleichsweise verdient, spottet jeder Beschreibung. Erst seit dem 1. Januar 2013 bekommt der Floridaner garantiertes Geld. Die Rockets hätten ihn theoretisch bis Ende vergangenen Jahres von heute auf morgen entlassen können, ohne ihm auch nur einen Cent Entschädigung zahlen zu müssen. Das stand selbstverständlich nie zur Debatte, zeigt aber, unter welchem Leistungsdruck Parsons von Anfang an stand. Seine Leistungen werden bis ins Jahr 2015 nicht gerecht entlohnt werden, denn als Second Rounder verdient er nicht einmal eine Million Dollar pro Jahr, bis der Rookie-Vertrag ausläuft. Einen Spieler, der derartige Zahlen auflegt, findet man für eine solche Summe ligaweit kein zweites Mal. 

Die Rockets haben auf ihn gesetzt und es nicht bereut. Denn: Für eine kurze Zeit war Parsons ein Timberwolf. Houston hatte den 38. Pick ursprünglich inne, tradete ihn aber im Laufe des Draft-Abends zusammen mit dem 23. (Nikola Mirotic) nach Minnesota, um an 20. Stelle Donatas Motiejunas nach Texas zu holen. Die Wolves hatten jedoch gar kein Interesse an diesem Second Round Pick, deshalb kauften ihn die Rockets mit Blick auf Parsons direkt wieder zurück. Motiejunas sitzt heute größtenteils auf der Bank. Großes Talent wird ihm bescheinigt, ob er je Starter-Qualitäten haben wird, steht aber noch in den Sternen. Gleiches gilt für die Frage, ob Mirotic überhaupt jemals in der NBA spielen wird. Ganz im Gegenteil zu Parsons, der sich in bemerkenswert kurzer Zeit zu einem echten Leistungsträger entwickelte. Und dabei hat er eben erst begonnen...