30 Januar 2013


Colangelo glaubt, mit Gay einen Superstar verpflichtet zu haben. Das dachte er bei Bargnani auch. (Photo: NBACHEF)

Rudy Gay ist kein Memphis Grizzly mehr! Die Nachricht über einen bevorstehenden Trade zu den Toronto Raptors hielt sich den gesamten Mittwoch über prominent in den Schlagzeilen, während die Kanadier in ihren Bemühungen um den 26-jährigen Flügelspieler nicht nachlassen wollten und Grizzlies-GM Chris Wallace am Telefon penetrant bedrängten. Die Beharrlichkeit zahlte sich letztendlich aus, allerdings nicht für die Raptors. Dazu gleich mehr. Gay wechselt in einem de facto Drei-Team-Trade, der aber von der NBA als zwei separate katalogisiert wird, nach Toronto und nimmt den besten iranischen Basketballer aller Zeiten, Hamed Haddadi, gleich mit. Im Gegenzug verlassen Ed DavisJosé Calderon und ein künftiger Zweitrundenpick Kanada. Die Grizzlies, die für den spanischen Aufbauspieler keinerlei Verwendung haben, leiten Calderon umgehend zu den Detroit Pistons weiter und bekommen dafür Tayshaun Prince und Austin Daye. Das Ganze nochmals auf einen Blick:


Memphis
Abgänge: Rudy Gay, Hamed Haddadi
Zugänge: Ed Davis, Tayshaun Prince, Austin Daye, Second Rounder

Toronto
Abgänge: José Calderon, Ed Davis, Second Rounder
Zugänge: Rudy Gay, Hamed Haddadi

Detroit
Abgänge: Tayshaun Prince, Austin Daye
Zugänge: José Calderon


Viele - ich eingeschlossen - hatten nach dem Salary Dump der Grizzlies vor einigen Tagen, bei dem sie Marreese Speights, Wayne Ellington und Josh Selby für Platz unter dem Cap nach Cleveland schickten angenommen, dass das Team von Besitzer Robert Pera nun keinerlei Dringlichkeit mehr verspürte, einen der hoch dotierten Verträge von Rudy Gay oder Zach Randolph abzustossen. Man hatte sich mit einem Schlag unter die Luxury Tax Grenze manövriert und schien aus sportlicher Sicht mit dem Conley-Allen-Gay-Randolph-Gasol Nukleus gut genug aufgestellt zu sein, um in den Western Conference Playoffs anzugreifen. Ich schrieb:

Und wenngleich man für dieses Fiskaljahr auf der sicheren Seite sein sollte, läuft man in spätestens zwölf Monaten vor die gleiche "CBA Small Market Problemwand", die ein neues Wirtschaften erfordern wird. Ob man dann aber Gay oder Randolph veräussert, das sind jetzt Probleme für einen anderen Tag.

Kaum eine Woche später, und Gay ist weg. Eine solche Möglichkeit wie heute hätte sich den Grizzlies aber wahrscheinlich nie wieder geboten: einen der kostspieligsten und in Relation zu seinem Jahressalär unproduktivsten Möchtegern-Stars der Liga für gleich drei Rotationsspieler, die in der Summe einfach besser sind, einzutauschen und dabei Geld einzusparen, ist in dieser Form ein absoluter Geniestreich. Verschont mich mit der Leier von Gay als werdendem Superstar. Ja, er bringt alle körperlichen und basketballspezifischen Voraussetzungen mit, um theoretisch ein All-Star zu werden. Er ist ein netter, aufrichtiger Kerl, der trotz aller Widrigkeiten für ihn persönlich in Memphis professionell geblieben ist und nie zum grossen Rundumschlag ausholte - auch nicht, als er sein athletisches Slasher-Spiel mehr und mehr umstellen musste, weil Randolph und Gasol bei den Grizzlies ständig die Zonen und damit seine Driving Range versperrten. Dass er dennoch das Team im Scoring anführte (17.2 PPG) zeigt nur, wie talentiert Gay eigentlich ist. Aber Talent und Produktivität gehen nicht immer einher. Unterm Strich stagnierte der Forward bereits seit 2007, seinem zweiten Jahr in der NBA. In dieser Saison ist Gays Produktion - trotz gleich gebliebener Möglichkeiten in Memphis (seine Wurfanzahl ist seit 2007 konstant bei 16 pro Partie) unterdurchschnittlich, was auch sein PER von 14.39 bestätigt (der Ligadurchschnitt ist 15.0). Seine Trefferquote aus dem Feld liegt bei peinlichen 40.8%, die True Shooting Percentage ist mit 47.8 auch unter aller Sau. Beides sind natürlich Karrieretiefstwerte und seit November stetig im Sinken begriffen. Aber Gay hilft doch dann wenigstens beim Rebounding oder in der Defense aus, oder? Ebenfalls weit gefehlt. Die Rebounds (5.9 RPG) und Steals/Blocks Kombo (2.0) sind auf dem tiefsten Stand seit 2008. Für so einen enttäuschenden Spielertypen dann im Endeffekt 16.5 Millionen Dollar in diesem Jahr und weitere 37 Millionen bis 2015 hinzublättern, machte für Pera und die neuen Entscheidungsträger absolut keinen Sinn mehr.

Der Deal erlaubt Memphis nicht nur, eine tickende finanzielle Zeitbombe ein für allemal zu entschärfen (man hat jetzt durch die beiden Januar-Deals mehr als 12 Mio. $ jährlich eingespart), sondern stellt auch klar, wer für die neuen Macher die Schlüsselspieler in Zukunft sind: Marc Gasol, Mike Conley und - mit Abstrichen, weil älter - Randolph. Dass man sich bei diesem Trade kurz- bis mittelfristig sogar spielerisch verstärken konnte, ist die Sahne auf dem Bärentörtchen. Ed Davis ist erst 23 Jahre alt und einer der besten jungen Frontcourt-Spieler der Liga, den keiner kennt. Mit 9.7 PPG und 6.7 RPG hat sich der vielseitige Big nicht nur in Toronto zum Favoriten von Trainer Dwane Casey hoch gearbeitet, sondern weist sogar bessere Effizienz-Werte als Gay auf. Auf 36 Minuten hoch gerechnet kommt Davis auf 14.5 PPG und 10 RPG bei 55% aus dem Feld. Gay bringt es trotz höherer Nutzungsrate auf gerade mal 16.9 PPG und 5.8 RPG. Hab ich schon erwähnt, dass Davis gerade Mal 10 Mio. $ in den nächsten drei Jahren verdient? Der Youngster passt mit seiner Spielweise gut nach Memphis, wird viel von Randolph und Gasol lernen und die zweite Fünf viel besser verankern, als es zum Beispiel ein Marreese Speights je konnte. Die Gasol-Randolph-Davis-Darrell Arthur Big Man Rotation gehört jetzt zur absoluten NBA-Elite.

Zusätzlich kommt mit Tayshaun Prince ein Playoff- und Meisterschafts-erfahrener Veteranen-Flügel, der Gay in der Startformation ersetzen dürfte und den Grizzlies in keinem Aspekt des Spiels schadet. Auch mit seinen 32 Jahren und obwohl er in Detroit als einziges Überbleibsel des ehemaligen Championship-Teams völlig deplatziert war - ein Eindruck, der sich in London vor Ort absolut bestätigt hat - ist Prince nach wie vor der absolute Vorzeigeprofi, der immer sein Bestes gibt und sowohl im Angriff, als auch in der Verteidigung immer noch seinen Mann stehen kann. Die Stats sind nicht weltbewegend (11.7 PPG, 4.7 RPG, 2.5 APG), aber auch er ist billiger (7 Mio. $/Jahr) als Gay und hilft dem Team als selbstlose vierte/fünfte Offensivoption. Zwei kleine taktische Aspekte, die es nicht unter den Tisch zu kehren gilt: Prince zählt dank seiner Länge und seinen Instinkten nach wie vor zu den besseren Perimeter-Verteidigern der Liga und ist immer noch in der Lage, die LeBrons, Melos und Durants der Liga einzudämmen, so gut das eben geht. Und: er trifft in diesem Jahr so sicher von Aussen wie noch nie (43.4% Dreier und weit über die Hälfte aus den Ecken). Austin Daye, der dritte Neuzugang, galt mal als grosses Talent, hat in Detroit aber nie den Sprung geschafft. Vielleicht hilft ihm eine professionellere Umkleide, seine NBA-Tauglichkeit regelmässiger unter Beweis zu stellen. Er ist gross (2,11m), beweglich und hat einen exzellenten Wurf (52.5% Dreier, 58% True Shooting). Gut möglich, dass Lionel Hollins für ihn als Stretch Vierer von der Bank ein wenig Verwendung findet.

Detroit trennt sich derweil nicht nur von zwei Spielern, die in den langfristigen Plänen der Pistons absolut keine Rolle mehr spielten, sondern rasiert auch einen empfindlichen Teil seiner zukünftigen Gehaltsverpflichtungen ab und macht sich finanziell wieder handlungsfähig. Bleibt abzuwarten, ob Joe Dumars die neu gewonnene Freiheit (statt Prince noch drei Jahre mit sich herum zu schleifen, hat man im kommenden Sommer nun fast 25 Millionen Dollar Platz unter dem Cap) diesmal smarter zu nutzen weiss, als in der Vergangenheit (Ben Gordon/Charlie Villanueva/Allen Iverson). Mit José Calderon holt man einen der besten Vorbereiter der Association (9.4 Assists pro 36 MPG) und einen tödlichen Aussenschützen, der gleich mehrere Dinge sicherstellt: Brandon Knight kann wieder auf die Zwei rücken und Rookie Kyle Singler auf die Bank. Die vielen Youngster lernen die Bedeutung von uneigennützigem Teamplay kennen. Die jungen Bigs (Greg Monroe/Andre Drummond) profitieren von Calderons Beschlagenheit im Pick & Roll. Und Detroit kann bei nur 5 Siegen Rückstand auf Platz acht einen kleinen Playoff-Push wagen. Selbst, wenn das Vorhaben scheitern sollte: der 10 Mio. $ Vertrag des Spaniers läuft im Sommer aus. Sowohl er, als auch die heute abgegebenen Spieler sind für die Kolben von Morgen mehr als entbehrlich.

Calderon-Trade-Gerüchte waren ja schon in den letzten Jahren wie berieselnde Deadline-Hintergrund-Dauermusik. Umso erstaunlicher, dass die Raptors in diesem Jahr endlich den Abzug drückten. Die Frage ist aber, was genau sich Bryan Colangelo bei diesem Deal gedacht hat. Wie man ihn kennt: vermutlich nichts, wie immer! Erste Reaktionen eurerseits suggerierten mir, dass viele die Dinos bereits als grosse Gewinner des Trades feiern. Ich bringe nur ungern eure Euphorie-Bläschen zum Platzen, aber aus Torontos Sicht ist dieser Tauschhandel ein absolut Fiasko. Natürlich ist es smart, einen auslaufenden Vertrag wie den von Calderon dazu zu nutzen, um sich im Gegenzug neues, junges Talent zu angeln. Aber wie viel besser macht Gay dieses Team? Und zu welchem Preis? In der Theorie übernimmt Kyle Lowry jetzt die Amtsgeschäfte auf der Eins, harmoniert perfekt mit seinem Kumpel und Bald-All-Star Gay, der neben DeMar DeRozan den Flügel verankert, und wenn dann noch Andrea Bargnani gesund zurück kommt, bildet der mit Kampfsau Jonas Valanciunas einen vielseitigen Frontcourt, der Torontos Starting Lineup in eine glorreiche Zukunft führt - mit Gay als designierten Superstar, versteht sich. Einziges Problem: Gay ist kein Superstar (obwohl er wie einer bezahlt wird). Es kann auch nicht darum gehen, dass der Neuzugang zum besten Flügelspieler der Kanadier seit den Tagen von Vince Carter avanciert. Das hätten DeRozan (23) oder Terrence Ross (21) nämlich genauso geschafft.

Colangelo bindet sich hier einen Spieler ans Bein, den er zwar schon vor dem Draft 2006 ganz oben auf seiner Wunschliste stehen hatte - die Raptors überlegten bis zur letzten Sekunden zwischen Gay und Bargnani hin und her - und von dem er glaubt, die Dinos in ein neues Zeitalter führen zu können, der das Team und die Hoffnung der Fanbasis aber statt dessen nach unten ziehen wird. Lassen wir mal die Tatsache aussen vor, dass die Raptors mit Davis einen jungen, günstigen, produktiven Big Man verlieren und ihn durch einen ineffektiven, überbezahlten Flügelspieler ersetzen. Lassen wir mal unkommentiert, dass Toronto den vielversprechenden Ross auf die Ersatzbank verbannt und mit Gay und DeRozan zwei ineffiziente, beinahe identische Flügelspieler-Klone auf's Parkett schickt, die nichts von aussen treffen und mies verteidigen. Und ignorieren wir auch mal die Tatsache, dass nach der Rückkehr von Bargnani, einem weiteren hochvolumigen Gunner, nicht einmal ansatzweise genug Spaldings im Air Canada Center verfügbar sein werden, um alle glücklich zu stellen. Schaut eigentlich irgend jemand in Toronto auf die Finanzen? Der Club wird nächste Saison die Luxussteuer bezahlen müssen (es sei denn, man verzichtet auf Lowry) für einen Mannschaftskern, der nichts trifft, nicht weiss, wie man den Ball laufen lässt und im allerbesten Fall um Platz acht mitspielen kann. Und dem man, weil man ja bereits über der 70 Millionen Grenze liegt und sich mit langfristigen, unattraktiven Deals jeglichen Handlungsspielraum genommen hat, keinerlei Puzzleteile mehr hinzufügen kann. Es sei denn, man macht aus Bargnani in den nächsten Wochen irgendwie DeMarcus Cousins. Viel Glück dabei.

Die Raptors waren eigentlich auf einem guten Weg. Mit günstigen Youngstern wie Ross, Davis, Valanciunas und einem ganzen Batzen an zukünftiger Flexibilität schien man langfristig wieder etwas aufbauen zu können. Dann erzählte irgendjemand in Toronto Colangelo von all diesen neuen Faktoren wie Spieleffizienz, True Shooting Quoten, Nutzungsraten und dem ominösen "Kosten-Nutzen Prinzip". Nur die Details und wie genau all diese Informationen zusammen hängen und man sie gewinnbringend einsetzt, das hatte man dem Manager vorenthalten. Dumm für die Raptors... wie so oft.


nbachef meint: Nachteil Toronto