24 Januar 2013




So weit, so gut für die Phoenix Suns, die unter ihrem neuen Interimstrainer noch ungeschlagen sind. Natürlich saß Lindsey Hunter bisher erst einmal auf dem Cheftrainerposten, gestern, beim 106-96 Auswärtssieg der Suns in Sacramento. Der 42-jährige ehemalige NBA-Profi wurde am Sonntag zur Übergangslösung bis zum Saisonende auserkoren, nachdem sich die Clubführung mit dem bisherigen Head Coach Alvin Gentry in gegenseitigem Einvernehmen auf eine vorzeitige Trennung geeinigt hatte. Gentrys Vertrag wäre im Sommer ohnehin ausgelaufen.

Hunter war vergangene Saison als Koordinator für Spielerentwicklung in die Wüste gekommen und sollte als einer der Entscheidungsträger den sogenannten post-Nash Rebuild orchestrieren. Dass er jetzt über Nacht zum Cheftrainer empor stieg, überraschte viele in der Organisation - und ausserhalb ebenfalls. Immerhin standen mit Elston Turner und Dan Majerle zwei hochkarätige Optionen für die Zeit nach Gentry parat. Beide Assistant Coaches sind schon lange mit den Suns assoziiert und hätten eine Chance mehr als verdient gehabt. Die Art, wie Teambesitzer Robert Sarver plus das Management um GM Lance Blanks und President of Basketball Operations Lon Babby mit Gentry und der Situation umgingen, stiess Turner und Majerle derart übel auf, dass beide mit sofortiger Wirkung das Team verliessen. Viele Fans sind ebenfalls angefressen und sehen diese neueste Episode als Sahnehäubchen auf dem Sarver-Dessert der Inkompetenz.

Auch in Spielerkreisen wurde die Entlassung von Gentry mitten in der Saison kritisch aufgenommen. Fürsprecher wie Goran Dragic, der im Sommer ein lukratives Angebot der Houston Rockets ausschlug, um unter Gentry in Phoenix spielen zu können, zeigte sich ebenso angefressen wie Jermaine O'Neal, der seinem Frust zu Wochenbeginn in einer lautstarken Auseinandersetzung mit Manager Blanks Luft machte und nicht mit nach Sacramento reiste. Die vielen Niederlagen in dieser Saison haben Spuren hinterlassen: Phoenix rangiert - auch nach dem Sieg gestern - mit 28 Niederlagen aus 42 Partien auf dem letzten Platz in der Western Conference.

Unter Gentry hatte man 13 der letzten 15 Partien verloren, das Team präsentierte sich blutleer. Was auch immer der erfolgreiche und sehr beliebte Head Coach ausprobierte, welche Lineup und Rotation er auch immer auf's Parkett schickte, die Ergebnisse waren stets die gleichen. Lethargisch, ineffizient, lustlos - und dazu ohne jegliche Perspektive - so zermürbt man schnell auch die optimistischsten Fans. Dass es nach der Steve Nash Ära schwer werden würde, damit hatte man gerechnet. Damit, dass es so ein tiefer Absturz würde, nicht. Gentry war seit 2008 auf Gewinnmaximierung gepolt und - wir erinnern uns - vor gerade einmal drei Jahren dank Steve Nash und Amar'e Stoudemire nur zwei Siege von den NBA-Finals entfernt. Von so jemandem plötzlich zu verlangen, seine schlechtesten Spieler einzusetzen, weil man lieber um Lotterie-Bällchen als Ws mitspielen möchte, ist respektlos. Und planlos. Also im Endeffekt beides. Aber das deckt sich mit der Desorganisation und Apathie unter Sarver, dem seit Jahren ein prägnanter Plan fehlt und der Mut, einen solchen auch durch zu ziehen.

Je mehr die vielen Niederlagen Gentry zusetzten, desto grösser wurde die Kluft zwischen seinen Instinkten als Head Coach (effektive Basketballplays maximieren, Spiele gewinnen) und dem Langzeitplan der Organisation (junge Spieler entwickeln, Spiele verlieren, hohe Draft-Picks absahnen). Die Folge: die Suns gerieten nicht nur in einen verheerenden, deprimierenden Abwärtsstrudel, sondern vergraulten auch noch die Fans und vernachlässigten die Youngster im Team. Michael Beasley, Markieff Morris und Kendall Marshall erhielten wenig bis gar keine Spielzeit, Gentry war mit seinem Latein offensichtlich am Ende. Das soll unter Hunter nun anders werden. Der ehemalige "Chef der Entwicklungsabteilung" soll aus mindestens einem der angesprochenen Youngster einen brauchbaren NBA-Spieler modellieren. Darüber hinaus will Hunter eine Identität etablieren, am liebsten als Defensivmannschaft. Die Suns rangieren hinten auf Rang 25 (104.7 Def. Eff.), die Offensive ist derweil mit 99.8 Punkten pro 100 Angriffe nicht viel durchschlagfähiger (Rang 23).

Hunter, der als kleiner Guard 17 Jahre in der NBA aktiv war (Detroit, Milwaukee, LA Lakers, Toronto und Chicago) und mit den Pistons und Lakers zwei Meisterschaften gewann, versteht tatsächlich etwas von Verteidigung. Er zählte als Spieler zu den aggressivsten On-Ball Defendern der NBA und konnte sich nur dadurch so lange bei den Profis halten. "Ich möchte, dass wir ein aggressives, kompromissloses Defensivteam werden, mit Leidenschaft spielen und einfach besser werden", betonte der neue Coach während seiner ersten Tage im Amt, die er ausschliesslich dazu nutzte, ein neues, einfacheres Defensivschema zu lehren (Zone dicht, mehr Biss beim Verteidigen von Pick & Rolls, schnellere Rotationen). Gegen Sacramento klappten gleich zwei Dinge nach Wunsch: Beasley dominierte, und die Defensive brachte das Comeback-W unter Dach und Fach. Es wird sich zeigen, ob die Suns auf Hunters Stimme auch mittelfristig besser reagieren als zuletzt auf Gentry und sie irgend etwas von der miesesten Saison seit 25 Jahren retten können. Denn dann geht der Reigen von vorne los. Den Suns fehlt nach wie vor eine klare Linie und eine Vision, die von ganz oben umgesetzt wird. Von Stars, wie sie Nash oder Stoudemire einst waren, ganz zu schweigen. Ohne diese Faktoren bleibt das Basketballprodukt in Phoenix genauso lauwarm wie Januar-Tage in Arizona...