20 Januar 2013



von  Onur Alagöz   @NothingButNetDe

Keiner kann überraschende Upsets vorhersagen. Darum sind sie ja überraschend. Dass ein eigentlicher Juggernaut wie die Lakers vielleicht ein wenig Startschwierigkeiten haben oder phasenweise die Konzentration/Motivation verlieren würde, konnte man vielleicht erahnen. Dass aber nun ernsthaft ein Playoffplatz in Gefahr ist, nicht. 

Die Krise will einfach nicht aufhören. Nach 6 Niederlagen in Folge kam ein dringend benötigter Sieg im Paket mit Howards Rückkehr genau richtig. Aber sind wir mal ehrlich: Gegen eines der drei schlechtesten Teams der Liga, die Cavaliers, war auch dieser Blowout-Sieg kein Grund für Jubelarien. Das vor der Saison erklärte Minimalziel, die Western Conference Championship, scheint nun nahezu unmöglich zu sein. Die Thunder, Clippers, Spurs, Grizzlies und Warriors legen den Lakers massive Brocken in den Weg und die Lila-Goldenen scheinen im Moment nicht in der Lage zu sein, auch nur Kieselsteine aus dem Weg zu räumen.

Ein Sportteam ist eine komplexe Maschinerie. Hier lebt der Schmetterlingseffekt. Verändert man nur einige wenige Parameter, sieht das Endergebnis möglicherweise komplett anders aus als erwartet. Prinzipiell hat dieses Lakers-Team, was es braucht: elitärer Spielmacher und Shooter, der Spiele closen kann (Nash); begnadeter Scorer und all-time Legende, bewiesener Champion (Kobe); vielseitiger, hochintelligenter Big Man mit Gardemaß und Erfahrung (Gasol); dominante Naturgewalt und defensiver Anker (Howard). Eigentlich – aber eben nur eigentlich – sollte allein dieser Kern, die vor der Spielzeit angepriesene „Big Four“ also, im Alleingang 50 bis 55 Spiele gewinnen können. Aber nagende Verletzungen, mangelnde Chemie, fehlende Rollenverteilung und ein inkompatibles System sabotieren den gesamten Plan. Gibt es in dieser Saison noch Hoffnung auf Besserung?

Wie bereits geschrieben, hier fehlt nur die Feinjustierung einiger weniger Komponenten, um starken Auftrieb zu bekommen. Das pure Talent, das dieser Kader vorzuweisen hat, muss nicht mal maximiert werden, um oben mitzuspielen. In der jetzigen Verfassung können die Lakers in den Playoffs aber höchstens mit Steinen auf Panzer werfen – sollten sie diese überhaupt erreichen: 17 zu 22 beträgt momentan die Gewinn-Niederlagen-Bilanz, was den 11. Platz im Westen ergibt. Letzte Saison konnten die Mavericks und die Jazz mit einer Siegesquote von 54,5% die Endrunde erreichen, was bei 82 Spielen 45 Siege bedeuten würde. Nach Adam Riese müsste die Mannschaft von Mike D’Antoni also in den verbleibenden 45 Spielen noch 29 Siege holen, wenn man allein statistische Durchschnittswerte in Betrachtung zieht.

Allerdings - und hier kommt der warnende Finger - war die Siegesquote der Mavs/Jazz in der vorgangenen Saison die schlechteste Quote der letzten sieben Jahre, die noch eine Teilnahme an den Playoffs möglich gemacht hatte. So kompetitiv wie der Westen dieses Jahr ist, wird eine 45-37 Bilanz wohl kaum reichen. Zusammenfassend bedeutet dies also, dass eine Siegesquote von 55% für die verbleibenden Spiele MINDESTENS nötig ist, um überhaupt in die Playoffs zu kommen - vom Heimvorteil ganz zu schweigen.

Wo drückt denn der Schuh? Wie kann man diesen epischen Zusammensturz des lila-gelben Prunkwerks überhaupt noch abwenden? Kobe Bryant im April schon in den Sommerurlaub? Unerhört! Um mal Tacheles zu reden: Die Defense stinkt einfach zum Himmel. Da passt keine Rotation, da sitzt keine Absprache. Die defensive Effizienz rangiert momentan auf dem 17. Platz in der Association, sämtliche Bedenken, die bei der Einstellung D’Antonis über seine mangelnde Expertise in der Verteidigung geäußert wurden, scheinen sich als wahr herauszustellen. Eines der Hauptprobleme in dieser Hinsicht ist die fehlende Aggressivität von Dwight Howard und Steve Nash. Ich bin mir nicht sicher, ob Howard immer noch an seinem Bandscheibenvorfall leidet, aber die brachiale Athletik, die ihn zum besten Center der Liga gemacht hat, lässt er meistens missen.

Vorne wird er laut SynergySports vergleichsweise zu oft im Postup (46,5%) verwendet und viel zu selten als Roll Man im Pick-and-Roll (9,9%). Absolut unverständlich, macht er dort doch überragende 1,08 Punkte pro Ballbesitz. Würden wir jetzt noch tiefer in die mangelnden defensiven Fertigkeiten der Lakers eintauchen, könnte man bemängeln, dass sie 1,14 PPP (Points per possession, also erlaubte Punkte je Ballbesitz) vom Abroller beim P&R erlauben (Rang 30 ligaweit) oder 1,24 PPP nach Cuts zum Korb (Rang 26). Ob Statistikspielereien oder nicht, Fakt ist und bleibt, dass die Lakers in dieser Saison und mit diesem Team ganz ernsthaft Gefahr laufen, die Playoffs zu verpassen. Spontan würde mir keine größere Enttäuschung einfallen, die es in diesem Ausmaß in der Ligavergangenheit gegeben hätte.

Die Hoffnung bleibt dennoch. Wie man es auch dreht und wendet, auf dem Papier ist dieses Team talentiert wie kaum ein anderes. Allerdings bleibt die Erkenntnis, dass auf dem Papier keine Meisterschaften gewonnen werden, im Konferenzsaal eines GMs keine Overtime-Spiele stattfinden und dass Starpower alleine keine Banner an der Decke garantiert. In Minnesota, Toronto oder Washington mag man sich vielleicht über den 8. Seed freuen, in Los Angeles Lakers zählt aber seit jeher nur, ob man im Sommer beim Juwelier anrufen darf oder nicht.