27 Januar 2013



von  Onur Alagöz   @NothingButNetDe

Dicke SUVs, Promiskuität und Schönheitschirurgie: Hollywood platzt nur so vor Klischees. Hier ist man Starallüren und übergroße Egos gewohnt. Die gehören zum Alltag wie Papparazzi und der Sunset Strip. Wir als Fans vergessen manchmal, dass die Akteure, die auf einer Kinoleinwand zu sehen sind oder – in unserem Fall – auf dem Parkett der Basketballarenen, nicht schlichte Personen sind, sondern Marken und Unternehmen, die Millionen von Dollar erwirtschaften. Ohne das nötige Selbstbewusstsein kann man in Süd-Kalifornien nicht bestehen. Unzählige sind hierher gekommen in der Hoffnung, es zu schaffen und sind kläglich gescheitert. Entweder du verkaufst dein Produkt oder du kannst wieder abziehen, so simpel ist das.

Quasi um die Ecke von Hollywood liegt die Figueroa Street, Nummer 1111, die Adresse des Staples Center. In dieser Multifunktionshalle spielen zwei NBA-Teams, deren Vergangenheit und Gegenwart nicht unterschiedlicher sein könnte. Die Clippers, jahrzehntelang verspottet und belächelt, „durften“ sich das Spielfeld mit den Lakers teilen, ihres Zeichens der Erfolgsgarant, der Goliath, die Musterorganisation, nicht nur der Stadt, sondern der NBA. So anziehend diese Franchise auch immer gewesen sein mag, sie war auch immer unbarmherzig. Vielen sind die grellen Lichter Hollywoods zu heiß, vielen der Druck zu groß. Einzig und allein Meisterschaften sind hier die harte Währung, mit der man sich Ruhm und Anerkennung besorgen kann. Am Spielfeldrand sitzen hier Legenden wie Jack Nicholson und Denzel Washington, hunderte von Kameras sind auf die Spieler gerichtet. Das Gold-Lilane Trikot überstreifen zu dürfen ist seit den 70er Jahren eine Ehre, ein Privileg, das massive Verantwortung mit sich bringt. 

Es schien immer alles so zu laufen, wie die Lakers es wollten: Die dicksten Fische auf dem Personalmarkt konnten hier an Land gezogen werden, angefangen von Elgin Baylor, Jerry West und Wilt Chamberlain über Magic Johnson, Shaquille O’Neal, Kobe Bryant bis hin zu Pau Gasol und kürzlich Steve Nash sowie Dwight Howard. Das Fortbestehen der Relevanz, ja der Dominanz konnte augenscheinlich immer gesichert werden. Nicht wenige warfen L.A. gar verschwörerische Machenschaften vor, als man z.B. 2007 Pau Gasol aus Memphis holte oder auch vergangenen Sommer, in dem Dwight Howard seinem Wunschziel Brooklyn vor der Nase weggeschnappt wurde.

Nach zwei enttäuschenden Playoff-Serien mit insgesamt nur einem Sieg sollte diese Saison eigentlich mit der Kettensäge an Miamis Thron gesägt werden. Stattdessen ist im Augenblick das NBA-Schlusslicht näher dran an der eigenen Tabellen-Position als der Spitzenreiter. Man muss zusehen, wie der hässliche kleine Bruder Clippers zum Ballkönig mutiert ist und nicht nur besser in den Standings steht, sondern schlicht und ergreifend besseren Basketball spielt. Wie groß die Schmach ist, mit einem Team, das aus vier – jetzt ehemaligen – All-Stars besteht, nur in der Peripherie der Playoff-Plätze zu sein, ist unbeschreiblich. 

Das Hollywood-typische Divenverhalten zeigt nun in der Umkleidekabine der Lakers seine hässliche Fratze, und es sieht nicht nach Besserung aus. Was stimmt nicht? Alles. Diese Parodie einer Saison ging bereits los, als hinter den Kulissen ausgemacht wurde, nach nur fünf Spielen mit Mike Brown zu brechen. Der völlig fehlgeleitete Versuch, die Princeton Offense zu etablieren, spielte hierbei allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Ein Team, das so viele neue Teile zum Gesamtbild zusammenfügen musste, kann nach fünf Spielen noch gar nicht in voller Fahrt sein. Zumal man von Beginn an mit zahlreichen Verletzungen zu kämpfen hatte: Dwight Howard wurde nach seinem Bandscheibenvorfall viel zu früh schon zum Spielbetrieb freigegeben, was prompt zum Ausfoulen des Pivoten geführt hatte. Dennoch stand er schon im Season Opener gegen Dallas 38 Minuten auf dem Feld und verbuchte absolut akzeptable 19 Punkte und 10 Rebounds. Die Niederlage konnte er jedoch, wie auch am folgenden Abend gegen Portland, auch nicht abwenden. Ein vollkommen rostiger und verunsicherter Howard schaffte es trotzdem in satten 41 Minuten 33 Punkte, 14 Rebounds und 5 Assists abzuliefern. 

Die nächste Zeit verlief nicht weniger turbulent. Das Team gewann nur 5 der nächsten 10 Partien und die nächste Hiobsbotschaft kam prompt: Steve Nash zog sich einen Haarriss im Bein zu und fiel sieben Wochen aus. Die komplette Lakersnation, unter anderem ich, übte sich in Geduld und blieb optimistisch. Schließlich schienen sich viele der Probleme, die den Lakers Niederlage nach Niederlage einbrachten, mit Nash als Regisseur beheben zu lassen. Anfangs sah es auch so aus, drei der ersten vier Spiele nach Nashs Rückkehr im Dezember konnte man zu seinen Gunsten entscheiden, aber die Talfahrt ward nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Sechs „Ls“ in Folge, zwei Siege, dann nochmal aktuell eine vierfache Niederlagenserie. Es will einfach nicht funktionieren.

Da half es auch nichts, dass Kobe Bryant den besten Saisonstart seiner wahrlich illustren Karriere hinlegte. In einer Spanne von 15 Spielen von Mitte Dezember bis Anfang Januar durchbrach Kobe 13 Mal die 30er Marke in der Punktespalte. Er führte das Team als Playmaker, Scorer, emotionaler Leader und Rebounder. Er tat sein Möglichstes, um die peinlichen Vorstellungen vergessen zu machen, aber es war ein Kampf gegen Windmühlen. Auch er konnte den Zug nicht vor dem Entgleisen retten und so ging sie fröhlich weiter, die „How not to reach the playoffs“ NBA-Satire, gespielt von den L.A. Lakers.

Was passiert, wenn ein Team hinter seinen Erwartungen zurückbleibt? Richtig, die Medien suchen die Schuldigen und freuen sich über jeden Sündenbock, den sie bekommen können. Zum einen ist da Mike D’Antoni, dessen Verpflichtung von Anfang an unter einem schlechten Stern stand. Schließlich sollte der Deal mit dem Architekten der Meisterteams, Phil Jackson, eigentlich unter Dach und Fach sein. Der wahnsinnig inkompetente und verhaltensgestörte Chef Jim Buss sah sich gezwungen, Machtspielchen zu spielen und wollte Jax demonstrieren, dass er das Sagen hat. Buss entschied sich für D’Antoni und hatte es wieder einmal geschafft, medienwirksam zu zeigen, wie man aus Personalfragen eine Farce machen kann. Wie Bill Simmons auf Grantland.com treffend beschrieb, war D’Antoni niemals ein Coach, der seinen Kader auf Gewinnmaximierung hin trainieren konnte. Ihm was es von Anfang an viel wichtiger, sein System gut aussehen zu lassen. Er wollte gewinnen, aber ohne Kompromisse und ohne Anpassungen seines Systems. Die Spieler wurden zunehmend unmotivierter und entfernten sich mental von D’Antoni.


"Siehste, Stevey... so in etwa geht das mit diesen Freiwürfen. Capiche...?!" (Photo: Bridget Samuels)

Wie dysfunktional dieses Team top-to-bottom wirklich ist bzw. geworden ist, zeigen mehrere Beispiele, angefangen beim Team-Meeting, bei dem Kobe Bryant frei heraus die Frage an Dwight äußerte, ob dieser wirklich gerne mit ihm zusammenspielt. Allein die Tatsache, dass Kobe sich gezwungen fühlt, so etwas zu fragen, spricht Bände. Der selbe Mann, der fünf Titel in seinem Lebenslauf präsentieren kann, einer der zehn besten Spieler aller Zeiten, jahrelang als Egomane verschrien mit einem pathologischen Drang zu gewinnen, koste es was es wolle, selbst er sucht nach Antworten, auch er ist perplex und wundert sich, wie es soweit kommen konnte. Manch einer mag nun vorwerfen, dass auch mit meinem Statement ein gewisser Drang zur Melodramatik besteht. Aber Fakt ist: Diese Saison ist ganz gewaltig am Arsch. 

Jim und Jeanie Buss, Geschwister und Sprösslinge des Teambesitzers Jerry Buss, reden bereits seit November nicht mehr miteinander. Wie kann ein Team, ja ein Unternehmen denn reibungslos funktionieren, wenn zwei hochrangige Funktionäre nicht mal mehr ein Wort wechseln? Wie abzusehen war, gibt es nun einen Haufen Tradegerüchte und Debatten um D’Antonis Verbleib in der Stadt der Engel. Pau Gasol, der ja bekanntlich bereits vor Beginn der letzten Saison für Chris Paul weggegeben wurde, scheint hier den Löwenanteil der Schlagzeilen auf sich zu ziehen. Verständlich, wenn der mittlerweile schlechtere der Gasol-Brüder auf dem Feld wirkt wie ein Fan, der zufällig ein Lakers-Trikot übergestreift hat. Wie viel hier sein (mangelndes) Selbstbewusstsein, wie viel D’Antonis System ausmachen, ist eine Frage, die offen bleibt. Unverständlich hingegen ist immer noch, wie man es sich erlauben kann, einen mehrfachen All-Star, zweifachen Champion und einen der vielseitigsten Big Men der NBA-Geschichte von der Bank kommen zu lassen. Gasol war ein integraler Bestandteil zweier Meisterteams, ein hochintelligenter, aber auch hochsensibler Mann. Wenn er von der Bank kommen muss, um den Erfolg zu gewährleisten, stimmt nicht nur etwas mit ihm nicht, sondern auch ganz gewaltig mit dem System. Ihn nun für 'nen Appel und ein Ei zu verramschen wäre pure Verschwendung. Viel mehr bekommt man im Augenblick ja nicht mehr, nachdem man seinen Tradewert so dermaßen in den Keller hat fallen lassen, dass man höchstens noch eine Handvoll gehobener Rollenspieler für ihn herausschlagen kann. 

Viel erschreckender ist, dass in den letzten Tagen auch immer häufiger Howards Name im Zusammenhang mit Wechselgerüchten auftaucht. Vor Beginn der Spielzeit war geplant, diese und nächste Saison mit Kobe und Nash auf Top-Niveau noch um den Titel mitzuspielen und ihn möglichst auch zu gewinnen. Und in ein paar Jahren sollte dann um Dwight als Franchise-Anker das Team der Zukunft aufgebaut werden. Jetzt fragen sich aber die Verantwortlichen, ob nicht vielleicht doch ein offenes Ohr in Richtung Markt gehalten werden sollte. Howard wirkt zwar nicht mehr wie er selbst, also wie der Superstar, der man aus Magic-Tagen kennt, dennoch wären hier 29 Teams der Association ganz heiß darauf, ihn zu bekommen. Vielleicht hat man seine Dominanz und brachiale Gewalt mit Entschlossenheit und Siegeswillen verwechselt. Dass er 2009 eine Gruppe Zirkusartisten wie Rashard Lewis und Hedo Turkoglu in die Finals gehievt hat, wurde hier vielleicht fälschlicherweise für Führungsqualität gehalten. Howard war aber schon immer zu nett, um wirklich zu dominieren. Bescheidenheit, Freundlichkeit und Spaß am Spiel mögen ja gut sein, aber die wirklich Großartigen haben den Antrieb und die Kraft, ihre Mannschaft mitzureißen. Das macht einen Kobe aus, einen Kevin Durant und seit letzter Saison einen LeBron James. Diese Spieler machen ihr Umfeld durch ihre Präsenz besser, nicht nur durch ihre Skills auf dem Hardwood. In welcher Misere man sich also in LA befindet, zeigt dieser Aspekt am Allermeisten. 

Was also tun? Wie geht es weiter? Der Coach und sein System sind vollkommen inkompatibel mit dem Spielermaterial. Die Bank ist dünner als Lindsay Lohan. Dwight ist nicht fit, weder mental noch körperlich. Selbiges gilt für Pau Gasol. Steve Nash findet seinen Rhythmus noch nicht, wird eben auch langsam alt. Kobe spielt nach wie vor auf hohem Niveau, kann sich aber immer noch schlecht unterordnen und muss seine Balance von '09/10 wieder finden. Mitch Kupchak muss sich jedes Angebot anhören, dass dieses Team weiterbringen könnte, ganz gleich um wen es geht. Die Mannschaft muss den negativen Vibe abschütteln und eine gemeinsame Identität finden. Erst danach kann man die Probleme auf dem Feld in Angriff nehmen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Lakers sich zumindest in der Off-Season fangen und aus der jetzigen Saison gelernt haben. Ziel ist und bleibt der Titel für Purple-Gold. Ob man jetzt Dwight Howard für Kevin Love plus Rotationsspieler tradet oder Pau für einen Haufen ehemaliger KGB-Agenten, ist vollkommen egal. Aber in den nächsten Wochen muss etwas passieren, um dieses Team aus dem kollektiven Winterschlaf zu reißen. Alles andere wäre eine Schmach und eine Schande für diesen legendären Verein. Hoffentlich klappt alles und die Lösung wird schnell gefunden. Wir wollen Action auf dem Hardwood, nicht á la Hollywood. Dieses Team gleicht momentan einer Soap-Opera, und um’s mal auf den Punkt zu bringen: Zur Zeit macht es überhaupt keinen Spaß, Laker-Fan zu sein.