01 Januar 2013


Drei der etwas grösseren Stories in 2012: Dwight, LeBron, Beard. (Photos: Adidas | Keith Allison | Derral Chen)

Ein frenetisches Basketball-Jahr verblasst bereits im kollektiven Rückspiegel, während wir unseren Blick schon längst auf alles Neue, Bessere in 2013 gerichtet haben. Aus gegebenem Anlass hier dennoch ein kurzer, kompakter Blick zurück auf ein paar Highlights, die das NBA-Jahr 2012 so unvergesslich gemacht haben.


LeBron James

2012 wird in die Geschichtsbücher eingehen als das Jahr des LeBron James. NBA-Champion, Most Valuable Player, Finals-MVP, Olympiasieger... es kann nicht besser laufen für einen Basketballer als für James in den zurück liegenden zwölf Monaten. Und LBJ demonstrierte 2012 eindrucksvoll, dass er derzeit der kompletteste und beste Baller dieses Planeten ist. Für uns alle war sein Titelgewinn im Sommer deshalb so wichtig, weil er das Narrativ ein für alle mal veränderte. Nach neun langen Jahren, nach vielen Versuchen und zahlreichen Enttäuschungen, keine grösser als die Finalniederlage 2011 gegen Dallas, hatte der beste Spieler seiner Generation endlich den NBA-Gipfel erklommen. "Der Beste" stand endlich einmal sinnbildlich für echten Erfolg, auch auf Teamebene. Und wir konnten uns endlich neuen Themen widmen, anstatt Jahr für Jahr die selbe sinnlos-verblödete Debatte über James' Persönlichkeit, Leistungsschwankungen und wackligen Status als ernst zu nehmender All-Timer zu führen. Ob 40 Punkte, 18 Rebounds und 9 Assists in Spiel 4 des Semifinals gegen die aufmüpfigen Pacers, die 45-Punkte Explosion im vorentscheidenden Spiel 6 der Conference Finals gegen Boston oder die dominanten Leistungen in den NBA Finals gegen Oklahoma City - James legitimierte mit einer Playoff-Leistung für die Ewigkeit endlich seinen Platz unter den Besten der Besten.

Fear the Beard

Kaum ein anderer Akteur hatte bewegtere zwölf Monate als Houstons James Harden. Vom Schlüsselspieler der Oklahoma City Thunder auf deren forschen Weg durch die NBA-Playoffs über die Auszeichnung 'Sixth Man of the Year', dem unerklärlichem Untertauchen auf der grössten aller Basketballbühnen und der anschliessenden Nominierung ins Team USA bis zum schockierenden Trade kurz vor Saisonbeginn zu den Houston Rockets, die er als fünftbester Scorer der Liga (26.1 PPG) und All-NBA-Kandidat zu einer der grössten Überraschungen in 2012/13 machte... Hardens persönliche Errungenschaften waren mächtiger als sein ikonischer Bart. Der 23-Jährige war sichtlich überwältigt, wie sein letztes Statement des Jahres zeigte: "So many memories in 2012 that I will never forget. Some changed my life forever! 2013 will be better."

CP3s Clippers

Der kleine, aber feine Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg, zwischen dem dunklen Fluch der Vergangenheit und glanzvollen Taten im Hier und Jetzt, ist ein 1,80m grosser Point Guard, der nicht nur die unumstrittene Nummer Eins auf seiner Position ist, sondern etwas vollbracht hat, das eigentlich schon jetzt mit dem 'Lifetime Achievement Award' belohnt werden müsste. Die Los Angeles Clippers sind unter Pauls Leitung in 2012 erwachsen geworden und haben sich im Rekordtempo unter die allergrössten Meisterschaftsfavoriten gespielt. Die aktuelle 17-Spiele Erfolgsserie inklusive ungeschlagenem Dezember beendet ein Jahr, in dem Lob City 64 seiner 94 Partien (68-103 inklusive Playoffs) gewinnen konnte. Das macht nach Adam Riese 68% für einen Club, der in den 33 Jahren vor Pauls Ankunft nur drei Mal überhaupt mehr als die Hälfte seiner Partien für sich entschied. Von der grössten Lachnummer der Liga zum Titelanwärter. Was der richtige kleine Mann alles ausmachen kann...

Linsanity

Die kurze, wilde Achterbahn-Story von Jeremy Lin wird den Meisten länger im Gedächtnis bleiben als gesamte Playoff-Serien oder statistische Highlights dieses Jahres. Ein ungedrafteter US-Taiwanese, in einem Moment kurz vor dem Rausschmiss aus der Liga, im Nächsten die grösste Underdog-Geschichte, die die NBA je gesehen hat. 25 und 7 von der Bank gegen New Jersey. 28 und 8 in seinem ersten Start gegen Utah. 23 und 10 gegen Washington. Spektakuläre 38 Punkte und 7 Assists gegen die LA Lakers im Madison Square Garden. Der Gamewinner gegen Toronto. Selbst in einer sportverrückten Stadt wie New York sprengte 'Linsanity' die Grenzen alles vorher Dagewesenen. Zwar dauerte alles nicht mehr als ein paar Wochen, Lin verletzte sich, wechselte im Sommer nach Houston und spielt im neuen Dress viel erdgebundener. Linsanity war genauso schnell wieder vorüber, wie es gekommen war. Aber der sozio-kulturelle und sportliche Einfluss dieses ungedrafteten Guards, der im Februar zum heissesten Namen im Sport wurde, bleibt... Wahrscheinlich für immer.

Tod der Mitteldistanz

Spätestens der Einzug von Advanced Stats in die NBA-Chefetagen und den kollektiven Diskurs hat verdeutlicht, dass der lange Zweier, also der Wurf aus der Mitteldistanz, den ineffektivsten Abschluss im Basketball konstituiert. Moderne Zahlen belegen das, und die Liga als Ganzes hat begonnen, sich auf den neuen Effizienz-Fetisch einzustellen. Mittlerweile kommen gut ein Viertel (24%) aller Wurfversuche von jenseits der Drei-Punkte Linie (einfach deshalb, weil der lange Ball zu den effektivsten Würfen überhaupt zählt), während ein Team nach dem anderen mit vertrackten Sets auf den freien Dreier aus den Ecken abzielt (die mit Abstand höchste Risiko/Ertrag Waffe auf dem NBA-Parkett). In Anbetracht der Tatsache, dass Teams mehr und mehr von aussen oder eben direkt am Ring punkten wollen, lässt sich das Aussterben des langen Two-Pointers, also aller Würfe zwischen Zone und 7,24m Linie, nicht mehr aufhalten.

Dunks satt


Big Cities, Small World

Dwight Howard, Steve Nash und Antawn Jamison zu den Lakers. Jamal Crawford, Lamar Odom, Grant Hill und Matt Barnes zu den Clippers. Jason Kidd, Marcus Camby, Rasheed Wallace, Raymond Felton und Kurt Thomas zu den Knicks. 300 Millionen Dollar allein für die Startformation in Brooklyn, wo Mikhail Prokhorov mit Geld nur so um sich schmiss. Die Anziehungskraft der beiden Metropolen Los Angeles und New York ist grösser denn je, die Mär von Big Market/Small Market Gleichberechtigung nach dem Lockout nach wie vor absoluter Schwachsinn. Besser als der finanzielle und kulturelle Überschuss in Tinseltown und im Big Apple - Faktoren, die diesen Städten auf immer und ewig entscheidende Vorteile im Kampf um die besten Spieler verschaffen werden - war in 2012 aber die direkte sportliche Konkurrenz in den einzigen Städten mit je zwei NBA-Mannschaften. Die Clippers haben die Lakers in den vergangenen Monaten ganz klar in der Hierarchie überflügelt und führen auch in der neuen Saison die Pacific Division souverän an. Knicks/Nets hat sich derweil in der City nach drei hochkarätigen Duellen in den ersten zwei Monaten auf Anhieb zu einer der besten modernen Rivalitäten entwickelt. Wer würde nicht sein letztes Hemd für eine Clippers/Lakers und/oder Knicks/Nets Playoff-Serie geben?

Midwest Superpowers

Dass es auch ohne Big Market Vorteile geht, wenn hinter den Kulissen perfekt gearbeitet wird, zeigten die Thunder und Spurs auf beeindruckende Art und Weise. Es ist erst vier Jahre her, dass Oklahoma City mit 1-16 Siegen in die Saison startete. Heuer gehen sie als amtierender Western Conference Champion ins Rennen und versuchen, nach einem magischen Jahr eine Serie mehr zu gewinnen, als im Mai/Juni 2012. Auch ohne James Harden - den man aus Kostengründen ziehen lassen musste - gilt OKC als grösster Favorit auf eine Finalteilnahme im wilden Westen. San Antonio hat währenddessen unter der Ägide von Gregg Popovich das Rad neu erfunden und sich trotz fortschreitendem Alter seiner Leistungsträger unter den besten Teams der Liga gehalten. Seit Popovichs erster voller Saison an der Seitenlinie haben die Spurs 16 Mal in Folge die Playoffs erreicht und zwölf Mal mindestens das Conference Semifinale erschnuppert. Wenn sich irgend jemand das Recht verdient hat, Imperator Stern persönlich heraus zu fordern und zu piesacken, dann Popovich.

Ein Clown namens Dwight

Trade, kein Trade, Opt-In, dann das Bedauern, dann die Anfeindungen gegen Trainer und Team, dann die Verletzung. Die Aussage, nur in Brooklyn spielen zu wollen. Dann vielleicht doch auch L.A.? Letztlich der monumentale Blockbuster-Trade zu den Lakers, Träume von einer Dynastie und ähnlich erfolgreichen Postseasons wie Shaq, Jabbar, Wilt und Mikan vor ihm in Lila-Gold. Vertragsverlängerung? Nicht die Spur. Langfristiges Engagement in Kalifornien? Oder wieder ein Wechsel im Sommer? Kein Mensch weiss, womit uns Dwight Howard, der grösste Pausenclown der NBA, als Nächstes unterhalten wird. Er selbst vermutlich am wenigsten...

Team USA

Im spannendsten Olympia-Finale seit 1972 sicherte sich das Team USA die Goldmedaille dank eines hart umkämpften 107-100 Sieges gegen exzellent mitspielende Spanier, auch ohne die verletzten Topstars Derrick Rose, Dwyane Wade und Dwight Howard. Weit schwerer als der 62. Sieg im 63. Spiel unter Mike Krzyzewski und der Tatsache, dass zwölf NBA-Talente internationale Werbung für den Basketball-Sport machten wiegt aber der Einfluss, den die Nationalmannschaft und das wochenlange Trainieren und Spielen mit den Besten der Besten auf Kevin Durant, Russell Westbrook, Chris Paul, James Harden oder Carmelo Anthony hatte. Wer nicht glaubt, dass Kobe oder LeBron, ihre individuellen Errungenschaften und ihre NBA-Titel, den angesprochenen All-Stars als grösste Motivation für einen noch fokussierteren, noch hungrigeren Push in dieser Saison dienten, der hat in den vergangenen zwölf Monaten aber auch überhaupt nichts gelernt. Auf ein Neues in 2013!