12 Januar 2013



von Roman Schmidt

"Nicht mehr lange, und er ist wieder da!" Das müssen sich Bulls-Fans bei jeder Wasserstandmeldung über Derrick Rose‘ langsamen, aber stetig fortschreitenden Genesungsprozess denken. Seit seinem Kreuzbandriss wurde so häufig über ihn gesprochen, wie kaum jemals zuvor in seiner Karriere. Wann kommt er zurück? Wie kommt er zurück? Was findet er vor, wenn er zurück ist? Wann kommt er nochmal zurück?

Der Fokus sollte dabei allerdings viel mehr auf den Rest der Bulls gerichtet sein. Wenn man der ganzen Misere der 2012er Playoffs etwas Positives abgewinnen wollte, dann, dass jeder im Team Zeit haben würde, sich selbst zu hinterfragen, wie viel Verantwortung er tragen will und kann. Die Spieler sollten sich außerhalb des Schattens von D-Rose neu erfinden - soweit die Theorie.

Von Luol Deng wurde erwartet, dass er für das fehlende Scoring in die Bresche springt. Deng hat '11/12 - größtenteils wegen einer Verletzung seines Handgelenks - 41% aus dem Feld getroffen und sich dieses Jahr immerhin auf etwas über 44% gebessert, bei 17,9 Punkten im Schnitt. Soweit, so gut. Aufgefallen ist allerdings, dass er sich in der Defensive Aussetzer leistet. Diese sind allerdings relativ leicht zu erklären, wenn man in seiner Spielerakte die wahnwitzigen 40,2 Minuten pro Spiel ansieht (Nummer eins in der gesamten Liga). Hinzu kommt, dass er eine Schulterverletzung verschleppt, die er sich am 21.12. gegen die New York Knicks zugezogen hat. Im Endeffekt kann man zu Deng sagen, was man will, aber er hat für die Bulls dieses Jahr viele wichtige Körbe gemacht und spielt jedes Spiel, an beiden Enden des Courts, an seinem Limit.

Wäre dieser Artikel Mitte Dezember verfasst worden, fiele das Fazit zu Carlos Boozer eher nüchtern aus: Es gab wie immer Licht und Schatten. In den ersten 27 Spielen hat Boozer 13,7 Punkte (47% FG) mit immerhin verbesserten 9,2 Rebounds pro Spiel erzielt. Doch seit das Spiel gegen Indiana am 26. Dezember wegen eines Schneesturms abgesagt wurde, ist Booz‘ über die Frontcourts der Gegner gerollt wie kaum sonst in seiner Bulls-Ära. Für den Bulls-Boozer fast schon verrückte 22 Punkte mit 11 Rebounds pro Spiel macht er in dieser 7-Spiele-Serie. Vor allem sein 27/12-Auftritt gegen die Heat macht Hoffnung. Man hat dort einen Spieler gesehen, der unwiderstehlichen Willen und Hustle gezeigt hat - und genau das vermissen viele Fans beim 15-Millionen-Mann, der es immer wieder schleifen lässt. Man darf nicht vergessen, dass die Gegner der letzten zwei Wochen unter anderem Wizards oder Magic hießen, und es gibt auch immer wieder Serien, in denen Boozer gut aussieht, um später wieder abzutauchen - aber solch ein 7-Game-Stretch ist bislang beispiellos. 'CarlosBoozerWatch' könnte offiziell begonnen haben. Dann gibt es bestimmt auch bald wieder „Booz!“ im United Center zu hören anstatt „Boohs“.

Deng, Boozer und Noah halten Chicago im Rennen um
den Central Division Titel, bis Rose wieder fit ist (Photo: Rich Yuan)
Speaking of Boohs: Joakim Noah wurde als Rookie im United Center ausgebuht. Und wenn diese damaligen „Fans“  sich mit jeder Weiterentwicklung Noahs tiefer eingegraben haben, sollten sie inzwischen die australische Staatsbürgerschaft beantragen können. Von allen Spielern im Roster hat wahrscheinlich er den größten Schritt nach vorne gemacht. Der Franzose legt bislang Karrierebestleistungen in Punkten (12,5), Blocks (2,1), Steals (1,3), Assists (4,3)(!), Freethrowpercentage (81%) auf und hat sich bei den Rebounds mit 10,4 im Vergleich zur letzten Saison verbessert. Wenn man seinem High-School Coach damals gesagt hätte, dass Noah mit seinem Tornado-Spin einmal über 80% von der Linie treffen würde, hätte der nur gelacht. Mittlerweile zeigen sich bei Noah sogar Anzeichen eines Midrangejumpers. Der ist zwar nicht solide, aber existent. Vor allem Noahs Playmakingfähigkeiten im High Post helfen den Bulls bislang ungemein, und nimmt man seine Defensivankerqualität hinzu, ist er ein Typ Spieler, wie er seltener kaum sein könnte in der Liga. Es gibt bei der ganzen Sache einen Haken: die Minuten. Denn Noah steht bei den meisten gespielten Minuten mit 38,6 pro Spiel an 5. Stelle. Das sind für ihn knapp 8,2 Minuten mehr pro Abend als letztes Jahr. So gut er auch spielt, nicht wenige sehen die Gefahr, dass er verheizt wird. Immerhin: In den letzten zwei Wochen haben sich die Minuten bei 35 pro Spiel eingependelt. Die Sorgen um den zurzeit wichtigsten Bullen bleiben trotzdem.

Zu Rip Hamilton bleibt genau das gleiche zu sagen, wie bei seinem Einstand 2011/12: Er soll für verlässliches Scoring sorgen, hat ein paar gute Spiele gemacht, hat sich verletzt, muss jetzt wieder Anschluss finden. Hamilton ist vor allem in der Defense ein größeres Handicap als Marco Belinelli, der in Rips Abwesenheit gute Spiele gezeigt hat. Ein Trade von Hamilton ist fast zwingend notwendig, da das Frontoffice nicht bereit sein wird, wegen ihm die sonst unumgängliche Luxury Tax zu bezahlen. Man muss sich eingestehen, dass der Rip-Hamilton-Plan mehr oder weniger fehlgeschlagen ist, denn er scheint die nötige Robustheit für den großen Wurf nicht mehr zu besitzen. Jimmy Butler hat in der Summer League unter Bulls-Fans für Furore gesorgt, indem er 20,8 Punkte pro Spiel erzielte. Die, die gedacht haben, dass Deng nicht mehr 40 Minuten spielen muss, haben sich aber geirrt. Coach Tom Thibodeau will Butler wohl noch nicht auf die Liga loslassen. Taj Gibson bringt Rebounding und Defense von der Bank. Ansonsten machen Nate Robinson und Kirk Hinrich das, was von ihnen erwartet wurde. Nate ist - wie seine gesamte Karriere schon - "Red-hot" oder Eiszapfen, je nach Eingebung. Hinrich tut sein Bestes, um die Offense zu leiten. Allerdings fällt sein Dreier bislang überhaupt nicht und er ist, ähnlich wie Hamilton, fast nie richtig fit. Achja, und Nazr Mohammed macht auch das, was von ihm erwartet wurde - nichts.

Ist diese Mannschaft ein Sleeper? Siegen gegen die Knicks im Garden oder die Heat in Miami stehen Niederlagen gegen die Bobcats und die Bucks gegenüber. Fakt ist, die Bulls sind zurzeit mit einer Bilanz von 20-14 voll im Soll. Den 1. Platz in der Central Division zu verteidigen wird dieses Jahr zwar schwer, da sich die Pacers inzwischen gefangen haben (22-14), aber es ist nicht unmöglich. Und selbst wenn nicht, steht man zurzeit im derzeitigen Playoff-Picture auf Platz 5 im Osten. Gar nicht so schlecht für einen Club, dessen wichtigster Spieler fehlt. Es ist zwar abzusehen, dass Teams wie Boston oder die Nets nicht ewig so mittelmäßig spielen werden, aber keine von den Mannschaften im Rennen um die Playoffs kann sich ohne weiteres mit einem Spieler des Kalibers Derrick Rose verstärken. Dass die Bulls also in den Conference-Plätzen noch fallen werden, ist wahrscheinlich bedenklicher für die Teams in den oberen Rängen, als für die Bulls selbst. Obwohl man, auch mit einem fitten D-Rose bei 100%, nicht als grosser Titelfavorit gesehen wird, stört das derzeit niemanden in der windigen Stadt. Vielleicht ist es ja diesmal gerade diese „Wir haben nichts zu verlieren“-Mentalität, die Chicago nach zwei Jahren an der Spitze der Conference so gefährlich macht. Dieses Team sollte man auf keinen Fall abschreiben, denn kampflos ergeben, das wird es sich sicher nicht. No Bull‘!