13 Januar 2013


Ein chronisch miesepetriger Coach inmitten von Spielern, die er selbst so niemals eingekauft hätte (Photo: Steve Paluch)

Wenn die Milwaukee Bucks heute auf die Toronto Raptors treffen, wird es bereits Partie vier ohne Scott Skiles sein, der zu Wochenbeginn etwas überraschend sein Traineramt niederlegte. Der 48-Jährige, dessen Vertrag nach dieser Saison ohnehin ausgelaufen wäre, sah sich angesichts zahlreicher Faktoren auf und ausserhalb des Parketts nicht mehr in der Lage, seine Arbeit in Milwaukee fortzusetzen und zog einen Schlussstrich nach etwas mehr als vier Jahren in der Bierstadt. Die Bucks hatten unter Skiles 162-182 Siege und eine Playoffteilnahme errungen.

Das Timing mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen - ironischerweise ist Skiles hier der Aufgeber, nachdem er das seinen Spielern jahrelang vorgeworfen hatte - entpuppt sich bei genauerer Betrachtung aber als absolut nachvollziehbar. Skiles wollte zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht mehr in Milwaukee sein. Er hatte sein Haus schon im Sommer verkauft und Teambesitzer Herb Kohl um Freistellung bzw. Auflösung seines bis Juni 2013 laufenden Deals gebeten. Der Hintergedanke: die vakante Trainerposition bei den Orlando Magic. In Florida hatte Skiles als aktiver Spieler seine grössten Erfolge gefeiert (sein Assist-Rekord beim 155-116 Sieg gegen Denver im Jahre 1990, als er 30 Vorlagen kredenzte, bleibt bis heute unerreicht), und genau dort wollte er ein völlig neues Team nach seinen ganz eigenen Vorstellungen modellieren, mit Defense und diszipliniertem Teambasketball als Leitmotiv.

Skiles ist ein Arbeitstier, ein harter Malocher und ein Viehtreiber... das war er schon immer. Das hat ihn als kurzer, weisser Guard ohne einen Hauch von Athletik zehn Jahre in der besten Basketballliga der Welt überleben lassen. Die gleichen Tugenden brachte er auch zum Coaching mit, als er 1999 in Phoenix das Traineramt übernahm und über Chicago in Milwaukee landete. Es war nicht überraschend, dass er alle drei Teams defensiv generalüberholte und in die Top-10 bei der defensiven Effizienz führte. Skiles ist ein gewiefter Stratege, ein Defensivspezialist, aber im Umgang mit seinen Mitmenschen immer noch der gleiche unnachgiebige Dickkopf, der er schon sein ganzes Leben ist. Das zeichnet auch seinen Coaching-Stil aus: rigide, kontrollsüchtig, impulsiv. Nicht von ungefähr nutzte sich diese Art bei jedem von Skiles drei Coaching-Stops schnell ab. Das Muster war stets das Selbe: massive Erfolge ab Saison zwei, als die defensiven Änderungen griffen, und dann wieder der Absturz ab dem verflixten dritten Jahr, wenn die meisten Spieler seiner Stimme und seines konfrontativen Stils überdrüssig wurden.

In Milwaukee, wo Skiles seine aktive Karriere 1986 begann und wo er 2008 das Amt an der Seitenlinie übernahm, hatte der Griesgram noch mit einem völlig anderen Phänomen zu kämpfen: dem Markt und der daraus resultierenden Vereinspolitik. Milwaukee/Wisconsin ist einer der unvorteilhaftesten Orte, in denen man sich ein NBA-Team halten kann. Es ist bitter kalt, die Stadt ist winzig und das Bradley Center eine der ältesten (1988) und marodesten Arenen weit und breit. Die Fans bleiben in Scharen weg, wenn man sie nicht künstlich ins BMO lockt. Und wie tut man das in der Regel? Mit spektakulären Spielern, die Offensiv-Basketball zelebrieren und die Zuschauer von den Sitzen reissen. Weil das bei den Bucks über die Free Agency nicht funktioniert - denn wer zieht schon freiwillig in einen kleinen Kühlschrank? - muss das über Trades oder den Draft passieren.

Zu Skiles' Verdriesslichkeit holte General Manager John Hammond auf Anraten von Teambesitzer Kohl also Spielertypen wie Brandon Jennings (via Draft) und Monta Ellis (via Trade). Kleine, ineffiziente Guards, die spektakulären, aber ineffektiven Basketball spielen. Beide halten viel zu häufig drauf und treffen nur knapp 40% aus dem Feld. Nicht von ungefähr sind die Bucks statistisch schlechter, wenn beide zusammen auf dem Parkett stehen. Aber was willst du als Coach machen, wenn Teambesitzer und Fans eher so etwas zelebrieren, als präzise Defensivrotationen und die richtige Technik beim Box-Out? Du suchst nach einem Mittelweg. Ohne den vergangenen Februar nach Golden State abgewanderten Andrew Bogut (ein Trade, den Skiles abgrundtief hasste) etablierte er in dieser Saison Larry Sanders, Ekpe Udoh und Luc Richard Mbah a Moute als seine Defensivanker. Die Offensive, die er kreativ beschleunigte und modifizierte, legte er in die Hände von Jennings, Ellis, Ersan Ilyasova, Mike Dunleavy und Beno Udrih. Die Teamphilosophie, das von Skiles erkorene Erfolgskonzept, basierte nach wie vor auf Defense. Mit Erfolg: Milwaukee startete gut in die Saison und gewann 16 seiner ersten 28 Partien, darunter Siege gegen Miami, Chicago, Indiana, Brooklyn und Boston. Es war nicht immer schön, aber man belegte Platz 7 bei der defensiven Effizienz und in der Eastern Conference.


Skiles' Minutenverteilung vs. Indiana Pacers, letztes Spiel vor dem Abdanken (Grafik: NBCHF)

Dann warf Skiles das Handtuch. Dass er das tat, weil er sein Team "hasste", wie zum Beispiel Adrian Wojnarowski unter Berufung auf eine externe Quelle berichtete, hat Skiles mittlerweile dementiert. Auch scheint es keine dramatischen Szenen hinter den Kulissen gegeben zu haben. Aber wer Skiles kennt, der weiss, dass er persönlich beleidigt war, weil man ihm a) erst keine Vertragsverlängerung angeboten, b) keine Freigabe im Sommer gewährt und c) nicht das von ihm gewünschte, defensivstarke Spielermaterial zur Verfügung gestellt hatte. Die Differenzen zwischen den jeweiligen Sichtweisen waren unüberbrückbar geworden. Mit Skiles geht auch das letzte bisschen Kontinuität in diesem Kader - immerhin hatte er eine klare Rotation etabliert, in der beispielsweise Samuel Dalembert oder Drew Gooden überhaupt keine Rolle mehr spielten - zurecht!

Nachfolger Jim Boylan, der Skiles pikanterweise schon bei dessen letzten Rauswurf in Chicago "beerbt" hatte, bringt eine neue, spielerfreundlichere Stimme an die Seitenlinie... und noch mehr Chaos bei einem Club, der absolut keine klare Richtung mehr zu haben scheint. Boylan übernahm in Partie eins ohne Skiles dessen alte Rotation und fuhr gegen Phoenix prompt den ersten Sieg ein. Die graue Grafik zeigt die selbe 9er-Lineup, die Skiles immer nutzte: Ellis/Jennings als Antreiber, Moute/Sanders mit Udoh/Henson als Backups auf Gross, und Ilyasova/Dunleavy/Udrih als Scorer/Spielgestalter auf Guard respektive Forward.


Boylan Lineup, Spiel 1 nach Skiles, 108-99 vs. Phoenix Suns (Grafik: NBCHF)

Da man sich aber von der Ära Skiles und dessen methodisch-langsamen, defensivgeprägten Spiel so schnell wie möglich distanzieren will (auf Anraten aus der Chefetage), begann Boylan in Chicago in Partie zwei, mit der Lineup herum zu experimentieren. In der dritten Partie gegen Detroit durfte dann plötzlich jeder mal ran. Ergebnis: die Bucks verloren zu Hause mit 16 gegen die schwächeren Pistons und offenbarten eine erschreckende Entwicklung, die Milwaukee eventuell sogar den Playoff-Platz kosten könnte. Obwohl Boylan viel von dem übernommen hat, was Skiles bisher implementierte, ist es offensichtlich, dass die Bucks in Zukunft vor allem über ihren schnellen Angriff zum Erfolg kommen wollen. Problematisch dabei: obwohl man beim Spieltempo schon jetzt Platz 5 belegt, liegt man bei der offensiven Effizienz auf einem ernüchternden 26. Rang. Nur Indiana (das mit Abstand defensivstärkste Team der Liga), Cleveland und Washington sind noch mieser. Meine Frage für Boylan: wo soll die neue Firepower herkommen? Dunleavy trifft schon jetzt so gut aus der Distanz wie seit fünf Jahren nicht mehr. Ilyasova erhielt schon von Skiles massig Spielzeit, hat aber nach dem Abschliessen eines lukrativen Vertrages im Sommer stark nachgelassen, wie schon so viele andere vor ihm. Und Jennings/Ellis werden ihr Spiel sicherlich nicht neu erfinden und plötzlich zu effizienten Schützen heran reifen. Da man nicht viel schneller spielen kann als Milwaukee bisher, wird es auch nahezu unmöglich, mehr Würfe zu generieren. Wenn Boylan es mit "offensiv bewandteren" Bigs wie Gooden oder Dalembert zulasten von Sanders oder Udoh versucht, büßt die Defensive mehr als genug ein, um rapide abzusinken. Die Effizienz am hinteren Ende lag in den drei Partien nach Skiles bei unterdurchschnittlichen 103.9 und damit fast 4 Punkte unter dem vorherigen Wert. Damit würde man ligaweit im unteren Drittel rangieren.


Boylan Lineup, Spiel 3 nach Skiles, 87-103 vs. Detroit Pistons (Grafik: NBCHF)

Vielleicht schafft es Boylan ja irgendwie, die richtige Mischung zu finden. Er hat einen anderen Zugang zu den Spielern und kann so eventuell andere Messages transportieren, die Spieler besser erreichen. Zum Guten wenden wird sich aber auch unter Boylan nichts. Die Bucks bleiben ein durchschnittliches Team, das um den Playoff-Einzug kämpft. Obwohl es im Osten um einiges leichter ist, unter die besten Acht zu gelangen, können sich die Hirsche ihrer Sache noch nicht allzu sicher sein. Die Formkurve von Toronto und Detroit zeigt in den letzten Wochen nach oben. Philadelphia könnte auch noch eine Rolle spielen, wenn Bynum nach dem All-Star Break zurück kehrt. Entweder, Boylans Bucks finden auf die Schnelle einen gesunden Mix aus Offense und Defense und bleiben so mittelmässig genug, um Platz Acht zu verteidigen. Oder aber, man stochert weiter im Lineup-Dunklen (siehe rote Grafik) auf der Suche nach Kombinationen, die funktionieren (als hätte Skiles da nicht schon längst alle Möglichkeiten ausgeschöpft) und verpasst zum siebten Mal in den letzten acht Jahren die Postseason.

Unter Skiles hatte das Team auf dem Parkett zumindest eine halbwegs klare Identität, auch wenn die den Visionen des Front Office stets diametral gegenüber stand. Diese Diskrepanzen zwangen Skiles schliesslich zum Aufgeben. Die Frage bleibt: wie geht es weiter, was sind die Ziele? GM Hammond kämpft gerade um einen neuen Vertrag - auch seiner läuft im Sommer aus. Jennings bekam keine Verlängerung angeboten und ist bald Free Agent. Ellis wird seine Spieleroption für '13/14 nicht ziehen und ebenfalls den Markt testen. Udrih, Dunleavy, Dalembert und Daniels sind dann ebenfalls frei. Wenn irgend ein Club eine klare Linie, eine langfristige Strategie nötig hätte, dann dieser hier. Wenn man wirklich irgendwann oben mitspielen will, dann ist es höchste Zeit, den harten Reset-Button zu drücken und ganz von vorne anzufangen. Weg mit Ellis, weg mit Jennings, weg mit den Goodens, Dalemberts und Ilyasovas dieser Welt und via Draft neu aufbauen. Organisch, mit einer Coach/GM Kombo, die Hand in Hand arbeitet. Wenn es aber nur darum geht, irgendwie wettbewerbsfähig zu bleiben (ihr wisst schon, wegen den Fans) und die Playoffs zu erreichen, dann hätte man Skiles genauso gut behalten können und besser mit ihm, statt gegen ihn gearbeitet. Der Coach war nämlich nicht das Problem. Das sitzt in Milwaukee viel, viel tiefer...