15 Januar 2013



von Wagner Markus   @Dino_Jumper

4-15! So lautete die Bilanz der Toronto Raptors nach der Niederlage in Portland am 10. Dezember. Alle heimlichen Playoffträume der Franchise schienen bereits beendet. Andrea Bargnani, der wieder einmal die ihn gesetzten Erwartungen enttäuscht, verletzte sich am Ellbogen, Pointguard Kyle Lowry musste dann auch zur zweiten Halbzeit raus und Amir Johnson ließ seinen ganzen Frust am Referee aus.

Einen Monat später, und die Bilanz seither ist 10 Siege aus 18 Partien (14-23 insgesamt). Defensiv wurde wieder an die Vorsaison angeknüpft und die Dinos begeistern ihre Fans mittlerweile - vor allem zu Hause - mit Teambasketball. Die Postseason ist zwar immer noch in weiter Ferne, doch inzwischen kann man als Anhänger wieder etwas lachen. Leider kam dies in der Vereins-Historie nicht allzu häufig vor...

Die einzige Franchise außerhalb der USA ist alles andere als eine Erfolgsstory: Seit der Geburtsstunde 1995 gab es lediglich fünf Playoffteilnahmen (und dabei auch nur einen Sieg), nur fünf Saisons über .500 und nur einen Divisionstitel (2007) zu feiern. Ausgerechnet dieser Divisionstitel sollte gleich wieder die Rolltreppe abwärts bedeuten. Der damalige und momentane sportliche Niedergang trägt hauptsächlich einen Namen: Bryan Colangelo, 'General Manager and President of the Toronto Raptors', Capspace-Phobiker und Rentenversicherung in einem.

Der General Manager des Jahres 2005 heuerte noch während der Saison 2005/06 bei den Raptors an und schien zunächst die Sonne aus Phoenix mitgebracht zu haben, denn trotz der „nur“ fünftschlechtesten Bilanz gewann Toronto die Draftlotterie und durfte an erster Stelle wählen. Die Wahl fiel auf Andrea Bargnani - wie man mittlerweile weiß, nicht der Franchiseplayer, den man erwartete. Der kurz darauf folgende angesprochene Divisionstitel und ein weiterer „Executive of the Year“-Preis für Colangelo (2007) machten vielen Raptorsfans Hoffnung auf eine kanadische Ära in der NBA, doch man hatte die Rechnung ohne den frischgebackenen GM des Jahres gemacht: Nach einem Jahr Sonnenschein und exzellenter Arbeit waren nun plötzlich überbezahlte Akteure, austauschbare Europäer und miese Entscheidungen an der Tagesordnung.

Der erfolgreiche und äußerst beliebte Headcoach Sam Mitchell musste nach einem 8-9 Saisonstart Ende 2008 die Koffer packen, der neue Mann an der Seitenlinie wurde Jay Triano. Zusammen mit Colangelo entwickelte man den Plan eines Möchtegern-Euroleagueteams um Andrea Bargnani und Chris Bosh. Die Vision einer transkontinentalen Mannschaft mit einer attraktiven Spielweise endete mit überteuerten Akteuren und blamablen Defensivleistungen. Der wohl spielerfreundlichste GM der Liga sorgte zwar mit neuen, satten Verträgen für ein glückliches Leben abseits des Feldes. Dank des Rentenvorschusses waren die Spieler aber auf dem Feld eher beim Gedanken an den nächsten Kontoauszug, als daran, den Ball in den Korb zu bringen. Beispiele gefällig? Jason Kapono (4 Jahre/24 Mio. $), Hedo Turkoglu (5 Jahre/53 Mio. $), Linas Kleiza (4 Jahre/20 Mio. $), Landry Fields (3 Jahre/20 Mio. $)... Selbst aktuelle Leistungsträger wie Jose Calderon (10 Mio. $, letztes Vertragsjahr) oder Amir Johnson (19,5 Mio. $ bis 2015) bekommen mindestens 2-3 Millionen zu viel überwiesen. Egal, welcher Rollenspieler auf dem Markt ist: einmal in Toronto gelandet, und man ist all seine Geldsorgen los.

Auch in Sachen Draft und Trades fehlte Colangelo ein glückliches Händchen und jeglicher Hauch von Spürsinn. 2008 draftete man Roy Hibbert an 19. Stelle. Da man allerdings keine große Lust hatte, außer Bargnani noch einen Center langfristig aufzubauen, wurde der Jamaikaner im Austausch für Jermaine O'Neal nach Indiana geschickt. Doch mit O'Neal an der Seite von Chris Bosh wurde man nicht lange glücklich (Bargnani war ja als Franchise-Center auserkoren). Während der Saison wurde O'Neal und der ungeschütze Erstrundenpick 2011 (der allerdings durch den Sign & Trade Deal mit Miami für Bosh später wieder bei den Raptors landete) für Shawn Marion zu den Miami Heat getradet. Das Ende der Geschichte: Shawn Marion wurde später, um Geld für Turkoglu zu generieren, in der Offseason den Dallas Mavericks praktisch geschenkt und feierte als eine der Säulen des Teams 2011 die Meisterschaft; die Heat nutzten O'Neal's auslaufenden Vertrag, um Capspace für 2010 ("The Decision") freizuschaufeln, während Hibbert bei den Pacers vergangene Saison zum Allstar reifte – alles nur, um in Toronto einen der miesesten FA-Deals aller Zeiten einzutüten. Nach einer weiteren Saison ohne Playoff-Teilnahme und ohne einen Hauch von Defense gab es genug Gründe für Chris Bosh, seine Zelte im hohen Norden abzubrechen, und so (mal wieder) für dunkle Zeiten in Kanadas größter Stadt zu sorgen.

Es folgte der nächste Rebuild. Mit dem neuen Coach Dwayne Casey konnte endlich eine dringend erforderliche defensive Mentalität implementiert werden. Aber anstatt das Team organisch wachsen zu lassen, wollte man im Sommer 2012 den großen Wurf landen: Der Kanadier Steve Nash sollte für eine Menge Geld zurück in seine Heimat geholt werden. Trotz der großen Fragezeichen, ob ein 38-jähriger Point Guard wirklich das richtige Puzzleteil für die Raptors wäre, beziehungsweise ob Nash überhaupt Interesse hätte, seine Karriere in Kanada zu beenden, hielt Colangelo stur an seinem Plan fest. Nash entschied sich dummerweise für die Lakers. Mit Landry Fields' Vertrag hatte Colangelo aber seinen Cap für die nächsten drei Jahre bereits unnötig belastet, ohne seinen Wunschspieler zu bekommen (man wollte einen Nash Sign & Trade Deal zwischen Phoenix und den New York Knicks verhindern, die ebenfalls um ihn gebuhlt hatten. Deshalb lockte man Free Agent Fields nach Toronto). Für den neuen Starting Point Guard Kyle Lowry verlor man einen Lottery-Pick an Houston. Lowry ist in Toronto mittlerweile zum Backup degradiert worden und Thunder-GM Sam Presti - mittlerweile Besitzer des Picks via James Harden Trade - reibt sich mit jeder weiteren Raptors-Niederlage vor Vorfreude die Hände...

Als größter Handlanger steht Colangelo momentan Executive Vice President of Basketball Operations Ed Stefanski zur Seite, der sich vorher bei den Philadelphia 76ers als Manager nicht nur Freunde gemacht hat. Colangelo darf bei den Raptors täglich seine Unfähigkeit beweisen, es fehlt eine Kontrollinstanz die ihm auf die Finger schaut. Die Besitzergruppe Maple Leaf Sports Entertainment, der fast alle relevanten Profisportteams in Toronto gehören, ist genügsam damit, dass die Raptors in der Stadt spielen und mischt sich nicht ins Tagesgeschäft ein. Eine enorm wichtige Entscheidung muss die MLSE-Gruppe am Saisonende aber dringend treffen: Colangelos Vertrag läuft im Sommer aus, und trotz des momentanen sportlichen Höhenflugs wollen die Anhänger des Teams unbedingt einen neuen Mann im Front Office sehen. Man glaubt, dass nur ein solcher Schritt die Franchise wieder auf den rechten Weg bringen wird. Die Fans träumen weiterhin von einen Divisionstitel in den nächsten Jahren. Diesmal soll er aber - im Gegensatz zu 2007 - der Startschuss in eine erfolgreichere Zukunft sein...