31 Januar 2013




Der Saisonbalken hat mittlerweile die kollektive 50% Marke passiert - ein guter Zeitpunkt für unsere Tafelrunde, ein paar pressierende Januar-Themen genauer unter die Lupe zu nehmen und uns die grössten Hardware-Kandidaten nach zwei Vierteln anzuschauen. Den ersten Teil gab's bereits gestern zu belesen. Heute geht's weiter im Text...


Coach of the Year kann nur einer werden: Marc Jackson!

Niklas Dahl, Rose Garden Report: Streicht man Kandidaten wie Mike D'Antoni, lässt man überraschend gute Trainer wie Terry Stotts außer Acht, dann kristallisieren sich nur wenig Kandidaten heraus, die eher in Frage kommen, als der Mann aus Golden State. Jackson hat es geschafft, aus dem einstigen League Pass Team einen für alle unangenehmen Gegner zu machen. Gebt ihm den Award.

Onur Alagöz, Showtime Redux: Ja, ja und ja. Jackson hat in Oakland eine ganz tolle und sympathische Truppe um sich, die leidenschaftlich spielen, uneigennützig sind und mit Curry, Lee und Bogut einen exzellenten Nukleus besitzen. Er hat das Maximum aus der Mannschaft rausgekitzelt und führt sein Team nun, möglicherweise sogar mit Heimvorteil, in die Playoffs. Höchstens Thibodeau hätte die Auszeichnung ebenso verdient.

Florian Schaum, Bring Back the Buzz: Kaum einem Team macht es diese Saison so viel Spaß zuzuschauen wie den Warriors. Coach Jackson liefert einen überragenden Job ab, Coach of the Year wird dennoch Chris Paul.

Daniel Schlechtriem, With the 14th Pick: Könnte man meinen, wenn man sich den Quantensprung anschaut, den die Warriors diese Saison vorgenommen haben. Aber: Noch immer liegt ein schwerer Weg von ihnen, außerdem ist das Abstimmungsverhalten bekanntlich sehr auf Erfolg ausgerichtet. Und warum sollten die Journalisten Jackson wählen, wenn am Ende allein im Westen vier, fünf, sechs Teams vor Golden State stehen?

Sebastian Dumitru, NBACHEF: Ohne Bogut und Rush (die zwei besten Defender des Teams) trotzdem so respektabel zu verteidigen (12. in Def. Eff.) und sich auch nach drei Monaten noch im Rennen um Heimvorteil zu halten, macht den Pastor zum grossen Favoriten nach Halbzeit eins. Mike Woodson, Gregg Popovich, Tom Thibodeau und Scott Brooks haben ebenfalls Aufmerksamkeit verdient. Ich würde gerne noch den Mann mit der höchsten Siegesquote der Saison (.800) nachnominieren, der bei Lakers-Fans als Einziger für realistische Meisterschaftsträume sorgen konnte: Bernie Bickerstaff. 


LeBron James ist auf dem Weg zu seinem vierten MVP-Award von niemandem aufzuhalten.

Niklas Dahl: Drei Zahlen: 50-40-90. Dies sind die Quoten, die derzeit ein junger Kerl aus Oklahoma City auflegt. Das Kopf-an-Kopf Rennen der beiden Trainings-Kumpels LeBron und Durant ist von solch einer Qualität, dass der vierte Award vom King beileibe kein Selbstläufer ist. Chris Paul und Melo sind mittlerweile abgehängt und so stellt sich nur noch die Frage: Bird oder Magic?

Onur Alagöz: Hier tritt wohl der gleiche Effekt ein, wie 93 bei Jordan. Wird irgendwann langweilig, wenn ständig nur LeBron MVP wird und da OKC momentan einfach die dominantere Mannschaft ist, geht der MVP-Award erstmal nur über die Durantula. KD und LeBron sind 1a und 1b, in belieber Reihenfolge. Chris Paul hängt da aber haarscharf dran und würde nur zu gerne die Trophäe in die heimische Vitrine stellen.

Florian Schaum: Sportlich sind James und Durant absolut auf Augenhöhe. Leider befürchte ich, dass Durant im MVP Race den kürzeren ziehen wird falls OKC nicht die weitaus bessere Bilanz aufstellen sollte. James zugegebenermaßen coole Tackle Aktion mit dem Gewinner des Halfcourt Shot Contest ist jetzt schon eines der Saisonhighlights, die Amis stehen auf den Scheiß und krönen den gewandelten James zum MVP.

Daniel Schlechtriem: Die Herren Paul und Durant sind da anderer Meinung. Man muss nicht mal die Spiele der Clippers anschauen, um zu wissen, wie unersetzlich CP3 für sie ist. Gleiches gilt für Durant, der in diesem Jahr noch ein Stückchen reifer spielt, sich in praktisch jedem Bereich verbessert hat, Nacht für Nacht 30 Punkte erzielt und sein Team von Sieg zu Sieg führt. LeBron mag der einzige Grund sein, warum die HEAT nicht komplett in ein Loch gefallen sind, im Kampf um den wertvollsten Spieler wird er aber bis zum Schluss namhafte Konkurrenz haben. Aktuell sehe ich Durant vorne.

Sebastian Dumitru: Es scheint ein Zweikampf geworden zu sein, nachdem sich Carmelo Anthony, Chris Paul und Michael Beasley im Januar aus dem Rennen verabschiedeten. Spass beiseite: dass es Durant oder LeBron werden würden, war ja schon vor der Saison klar. Im Endeffekt wird es doch nur darauf ankommen, wessen Team sich weniger Schwächephasen erlaubt und wer die Saison am Ende ganz oben beendet. Bis dahin geht das getunte Schneckenrennen weiter. Diesen Monat hatte Durant (31.9 PPG, 52% FG, 40.7% Dreier, 92.5% FT, 10-5 Siege) die Nase wieder minimal vorn (LeBron mit 27 PPG, 55.5% FG, 37.8% Dreier, 75% FT, 8-5 Siege). Und immer im Wechsel so weiter... 


Marc Gasol hat sich zum besten Verteidiger der NBA gemausert.

Niklas Dahl: Kein Kommentar.

Onur Alagöz: Enge Kiste, aber hier würde ich doch Joakim Noah den Zuschlag geben. Gasol patrouilliert zwar in der Zone wie ein Panzer, ist aber nicht so agil und athletisch wie Noah. Die Blockzahlen ähneln sich zwar (Noah 2,2/Gasol 1,8), aber Noah kann mitunter auch Guards eine gewisse Zeit in Schach halten, wohingegen Gasol so teilweise schneller Foulprobleme bekommt.

Florian Schaum: Jein. Marc Gasol braucht sich dieses Jahr nicht vor Tyson Chandler und Dwight Howard verstecken und ist der heimliche MVP der Grizzlies. Wenn Howard jedoch komplett fit ist und sich nicht wie ein Dschungelcamp Teilnehmer aufführt, gibt es keinen besseren als D-12.

Daniel Schlechtriem: In der Zone vielleicht, auch wenn diese Tim Duncan-Reinkarnation, die Popovich im Sommer aus dem Reagenzglas gezaubert hat, ebenfalls sehr beeindruckend unter dem Korb dicht macht. Gasol ist gegenwärtig ohne Frage bester Center der Liga, für den besten Verteidiger halte ich ihn aber nicht einmal teamintern: Es wird immer wieder vergessen, wie grandios Tony Allen die Flügel hermetisch abriegelt und die besten Schützen der Gegenseite schlichtweg aus dem Spiel nimmt. Gasols ebenfalls sehr gute Defense fällt vergleichsweise einfach mehr auf, besser ist sie deshalb aber nicht.

Sebastian Dumitru: "Einer der Besten" mit Sicherheit. "Der" Beste ist dagegen relativ. Natürlich ist sein Einfluss auf die zweitbeste Defense der Liga nicht von der Hand zu weisen, vor allem, wenn man sein krakenhaftes Manövrieren, Abdecken, Schützen und Rotieren mal in Echtzeit verfolgt. Aber Tim Duncan in San Antonio (4.), Joakim Noah und Luol Deng in Chicago (3.) oder Roy Hibbert und Paul George bei den Pacers (1.) sind ebenfalls nicht unter den Teppich zu kehren. Die Saison ist noch lang. 


Andre Drummond ist der beste Frischling des Jahrgangs. (Einzig Lawrence Franks Rotation hat ihn um den ROY-Titel gebracht.)

Niklas Dahl: Ist die Frage nach Durant oder James eng, diese Frage toppt das Niveau noch einmal. Es gibt wahrscheinlich fünf Rookies, für die allesamt Gründe angeführt werden können, warum gerade derjenige den Titel gewinnen sollte (Lillard, Drummond, Beal, Davis, MKG). Ich liebe Drummond. Ich verfalle in ohnmachtsartige Begeisterung beim Gedanken an Monroe-Drummond über 38 Minuten pro Spiel. Und doch, hier bin ich Egosau: Der beste Rookie ist in diesem Jahr Damian Lillard. Bald auch ausführlicher, warum.

Onur Alagöz: Was für ein Biest dieser Junge ist. Seine per36-Werte sind Wahnsinn, von der Athletik und Power her erinnert er an die gute Version von Dwight Howard. Nicht umsonst schlägt die „#FreeDrummond“-Bewegung auf Twitter. Was Frank hier dazu bewegt, ihn nur 20 Minuten abreißen zu lassen, bleibt schleierhaft. Und solange Anthony Davis noch ein wenig enttäuscht, könnte man Drummond durchaus auch als ROY nehmen.

Florian Schaum: Der beste Frischling ist eindeutig Damian Lillard, auch Anthony Davis ist trotz Verletzungspech schon weiter als Drummond. Dennoch ist es eine Katastrophe, wie Lawrence Frank Drummonds Talent auf der Bank versauern lässt. Frank vereinigt die Ausstrahlung eines Paul Silas mit der Fachkompetenz von Vinny del Negro und ist einer der miesesten Coaches, der in der NBA sein Unwesen treiben darf.

Daniel Schlechtriem: Das würde dem designierten Rookie of the Year, Damian Lillard, wenig schmeicheln. Lillard ist jetzt schon Führungsspieler und versenkt mit einer Selbstverständlichkeit Buzzer Beater, wie es selbst gestandene Profis nie auf die Reihe kriegen werden. Im Rookie-Jahr 18,3 Punkte, 6,5 Assists, dazu fast 39 Minuten auf dem Feld – und wir sollen hier über Andre Drummond sprechen? Nein. Die Ära der dominanten Point Guards (Steph Curry, John Wall, Kyrie Irving, ...) ist nicht mehr aufzuhalten.

Sebastian Dumitru: Alle fortgeschrittenen Statistiken suggerieren, dass Drummond zumindest der effektivste Rookie seiner Draft-Klasse ist (wie immer gilt: kleinere Stichproben sind immer mit Vorsicht zu geniessen). Ob PER, Defensiv-Rating oder Rebound-Quoten: der 19-Jährige hat bisher mehr als genug gezeigt, um sich zumindest mehr als die mickrigen 20 MPG zu verdienen, die ihm die unter Napoleone Bonaparte Frank seltsam agierenden Pistons aber nicht zugestehen möchten. Darum machen Lillard und Davis, die in ihrer Entwicklung dank mehr Spielzeit einfach viel weiter sind, den ROY-Award auch unter sich aus... #FreeDrummond!


Oklahoma City gewinnt den NBA-Titel 2013.

Niklas Dahl: Ich würde es ihnen gönnen. Aber der Headcase Russell Westbrook ist größer als der Headcase Dwyane Wade, LeBron in den Playoffs und im eins gegen eins der bessere Spieler, der Supporting Cast gleich gut. Miami - Oklahoma City geht über sechs, sieben Spiele, am Ende langt es aber nicht für Durant & Co.

Onur Alagöz: 28 Mannschaften in der Association haben in einer 7-Spiele-Serie keine Chance gegen die jungen Wilden aus The 405. Durant wird immer vielseitiger und effizienter, Westbrook scheint’s kapiert zu haben und der Rest der Scott Brooks Mannschaft weiß genau, was sie zu tun haben. Sollte es Miami aber wieder in die Finals schaffen, räume ich ihnen, diesmal aber knapper,  wieder einen kleinen Vorteil ein. Es sei denn, Scott Brooks begreift, wie er diese Mannschaft noch ein klein wenig besser machen kann und Perkins wird ersetzt – fast jeder gute Center ist hier ein Upgrade. Schwierig zu sagen, aber gegen jeden außer Miami hat OKC einen riesigen Vorteil. Freuen würde es mich ja für die Thunder um ihren Star Durant, die sympathischste Socke der NBA.

Florian Schaum: Dieses Jahr sind die Thunder reif für den Titel! Die Clippers sind brandgefährlich, aber noch nicht ganz so weit, die Spurs zu alt für den ganz großen Wurf. Hauptkonkurrent bleibt Miami, sollte es D-Wade bis Playoffbeginn jedoch nicht schaffen seine Null Bock Einstellung abzustellen, wird es eng für die Jungs aus South Beach. OKC machts!

Daniel Schlechtriem: Für mich sind sie favorisiert, weil Durant, Westbrook & Co. nach dem Vorjahr einfach noch hungriger sind. Ibaka macht überraschende Fortschritte in der Offensive und auch der Abgang von James Harden hat die Thunder längst nicht so hart getroffen, wie das manch ein Weltuntergangsbeschwörer hat kommen sehen. Gegen die Spurs sprechen Alter und Verletzungsanfälligkeit, gegen die Clippers, dass es einfach die Clippers sind. Im Westen ist OKC also vorne, im Osten kann ihnen einzig Miami gefährlich werden – und an denen werden sie sich mit Genuss rächen wollen.    

Sebastian Dumitru: Ja.