11 Januar 2013


Vierzehn: die elitäre Menge der abgegriffenen Rebounds pro Partie sowie die kumulative Anzahl von Wochen, die die verletzten Kevin Love und Anderson Varejao jetzt mindestens verpassen werden. (Photos: Keith Allison)


Fast zeitgleich erreichten uns am Mittwoch die Hiobsbotschaften aus Minnesota und Cleveland: Kevin Love (Hand) und Anderson Varejao (Bein), die aktuell reboundstärksten Spieler der NBA, müssen unter's Messer und fallen knapp zwei Monate aus.

Varejao, das brasilianische Energiebündel, führt die Association mit durchschnittlich 14.4 Abprallern pro Partie an, wird aber seinen Platz an der Spitze bald eingebüßt haben, wenn ihm die notwendige Mindestanzahl an absolvierten Partien abhanden gekommen ist. Der 30-Jährige spielte vor seiner Verletzung die bisher beste Saison seiner Karriere und war auf bestem Wege, in sein erstes All-Star Team überhaupt berufen zu werden. Mit 14.1 Punkten, 14.4 Rebounds und 3.4 Assists pro Abend und 16 Double-Doubles in 25 Partien gehörte er zu den produktivsten Bigs weit und breit. Für Cleveland war seine Präsenz in der Umkleidekabine fast noch wichtiger als sein elektrisierendes Spiel auf dem Court. Mit seiner Erfahrung und seinem "keine Gefangenen" Kampfgeist war er den vielen Youngstern im Kader ein Vorbild.

Varejao war am 18. Dezember mit einem Gegenspieler der Toronto Raptors zusammen geprallt. Was zunächst nach einer gewöhnlichen Prellung des Knies aussah, wie sie im Laufe einer Saison zigmal pro Spieler/Team vorkommt, entpuppte sich bei genauerer Untersuchung in der Magnetmaschine als Riss im Oberschenkelmuskel überhalb der Kniescheibe. Aus einem Day-to-Day Status wurde so in einer tragischen Wendung eine mehrmonatige Pause, die aus den ohnehin schon stark überforderten Cavaliers endgültig das schlechteste Team der Liga machen wird. Dank Varejao war wenigstens die Rebound-Rate respektabel (50.1%, Platz 15). Sein gutes Spielverständnis zeigte sich nicht nur in seiner Pick & Roll Bewandtheit mit Kyrie Irving, sondern vor allem in seiner für einen Big Man sehr hohen Anzahl an Assists. Tristan Thompson und Tyler Zeller profitierten häufig direkt am Ring von Varejaos Überblick und den vielen kleinen Durchsteckern in der Zone, die sein Spiel auszeichnen.

Ausgerechnet Thompson und Zeller sollen jetzt sein Fehlen kompensieren. Das wird nicht gelingen, ermöglicht den Cavs aber wenigstens, ein anderes Ziel zu erreichen: einen weiteren hohen Draft-Pick abzustauben. Cleveland rangiert in Offense (28.) und Defense (28.) unter den miesesten Teams der Liga und hat zu diesem Zeitpunkt bereits 28 von 37 Partien verloren, obwohl ihr zweitbester Spieler davon immerhin knapp 70% absolvierte. Auf die restliche Spielzeit hochgerechnet sind für Cleveland wohl nicht mehr als 20 bis 23 Siege drin. Das reicht erfahrungsgemäß für viele weisse Ping-Pong Bälle und eine solide rechnerische Chance auf den Nummer 1 Pick.

Mit Blick auf die zahlreichen Trade-Szenarien da draussen hätte das Timing von Varejaos Verletzung natürlich schlechter nicht sein können, falls - und das ist ein grosses falls - Cleveland tatsächlich vorhatte, seinen etatmässigen Power Forward in diesem Jahr für weitere Rebuild-Puzzleteile und ein paar extra Draft-Picks zu veräussern. Interessenten hätte es mehr als genug gegeben. Boston, Miami, San Antonio, Oklahoma City und Brooklyn sind nur einige der potentiellen Kandidaten, die sich eine gut verteidigende Reboundmaschine nur allzu gerne für den Playoff-Run einverleibt hätten. Cavs-GM Chris Grant ist aber ein ebenso grosser Fan des Brasilianers wie Head Coach Byron Scott und hat sich bisher immer geweigert, ihn zu traden, obwohl die Möglichkeiten auch in der Vergangenheit zu Genüge vorhanden waren. Varejao ist ungemein produktiv, repräsentiert den "guten, vorbildlichen NBA-Profi" und kostet in diesem Jahr nur 8.4 Millionen Dollar. Sein Preis bleibt auch in den nächsten zwei Jahren moderat und klettert nicht in den zweistelligen Bereich. Man wird lange suchen müssen, um in der Liga lukrativere Kosten/Nutzen Anlagegüter zu finden. Da die Cavaliers 2012 all ihre Schäfchen im Trockenen hielten und weder namhafte, noch teure Free Agents verpflichteten, muss man auch nicht auf Teufel komm raus Geld einsparen. Selbst, wenn man alle Team- und Spieleroptionen zieht, belaufen sich die Verpflichtungen für 2013/14 auf mickrige 28 Millionen Dollar. Es ist also mehr als genug im Sparschweinchen, um in Zukunft zwei Maximal-Verträge anzubieten.

Obwohl Varejaos Verletzung jetzt schon zum dritten Mal in Folge seine Saison kompromittiert (er hat jetzt knapp zwei Drittel aller möglichen Partien seit 2010 verpasst), könnten die Cavaliers gestärkt aus dieser Sache hervor gehen. Anstatt 35 Siege einzufahren und den 8. oder 9. Pick einzuheimsen, kann man sich jetzt einzig und allein darauf konzentrieren, den Youngstern Spielzeit zu verschaffen. Mit Leistungssprüngen von Thompson (13 PPG und 12.5 RPG in 35 MPG seit Varejaos Verletzung), Zeller, Waiters und Irving, einem absoluten Top-Rookie via nächstem NBA-Draft und Varejao als Glue Guy/Glasreiniger scheinen die Playoffs in 2014 ein realistisches Langzeit-Ziel zu sein.

Bei den Minnesota Timberwolves gestaltet sich die Sachlage ein wenig komplizierter. Love, der Top-Scorer, -Rebounder und -Geldverdiener im Team, erlitt eine weitere Metakarpalfraktur an der selben, rechten Hand, die ihn schon zu Saisonbeginn ausser Gefecht setzte. Damals hatte sich Love beim Liegestütz den Mittelhandknochen an der Wurfhand zerschreddert. Er verpasste die ersten neun Partien, kehrte aber schon am 21. November - zur Überraschung aller - wieder auf's Parkett zurück. Viel zu früh, wie sich im Nahhinein herausstellte. Nicht nur, dass er mit 35% aus dem Feld und mageren 21% von Draussen die schwächsten Wurfquoten seiner Karriere ablieferte. Die Verletzung war ganz offensichtlich noch nicht ganz auskuriert und ermöglichte wohl so erst die Folgefraktur, die er sich vergangene Woche im Spiel gegen Denver zuzog.

Für die Wolves geht's vom Regen in die Traufe. Die Verletzungsmisere in diesem Jahr will einfach nicht abreissen. Chase Budinger, Brandon Roy, Josh Howard und Malcom Lee erlitten schwere Knieblessuren und sind langfristig ausser Gefecht (oder schon gar nicht mehr im Team). Ricky Rubio, der selbst erst am 15. Dezember nach langer Kreuzband-Reha sein Comeback gab, ist ebenfalls noch lange nicht der alte und immer mal wieder verhindert (die Defizite im Knie bewirken Rücken- und Hüftproblemen, die sich durch die "neue" Belastung" intensivieren). Nikola Pekovic, Andrei Kirilenko und J.J. Barea haben ebenfalls schon Partien verpasst. Obwohl Head Coach Rick Adelman in bester Zaubermanier die vielen unterschiedlichen Aufstellungen zu 16-16 Siegen geführt hat, machen die ständigen Ausfälle eine kohärente Arbeit unmöglich. Da ist viel Stückwerk, viel Improvisation und viel Mittelmässigkeit dabei.

Eigentlich wollten Minnesota in diesem Jahr angreifen. Die guten Verpflichtungen im Sommer, gepaart mit Loves MVP-Kampagne in der Lockout-Saison (25.4 PPG, 13.4 RPG) und Rubios magischem Playmaking, sollten unter der Leitung von Adelman, einem der besten und kreativsten Coaches der Association, endlich für eine Playoff-Teilnahme reichen. Die gab es im hohen Norden zuletzt 2004 zu zelebrieren, als Kevin Garnett noch Most Valuable Player und sein Team nur zwei Siege von den NBA-Finals entfernt war. Der aktuelle Plan sah vor, dass All-Star und Olympionike Love es KG gleich tun und "sein Team" ins gelobte Land führen würde. Darum hatte man ihn vergangenen Januar lukrativ, wenngleich nicht für's Maximum verlängert. Love hat in der Vergangenheit immer wieder die Arbeit des Managements und die generelle Richtung, in die sich die Franchise bewegt, angeprangert. Die Tatsache, dass er keinen neuen 5-Jahres Deal erhielt, hat ihn ebenfalls gekränkt und ihn eine Option in seinen Vertrag einbauen lassen, die ihm schon 2015 einen Ausstieg aus Selbigem gestattet. Liest man zwischen den Zeilen, erkennt man, dass der All-Star etwas wie langfristige Erfolgsaussichten in Minnesota voraussetzt, ehe er sich langfristig binden möchte.

Eben darum ist diese Saison - wie auch die nächsten beiden - so kritisch. Man wollte eine solide Basis für ein gesundes, organisches Wachstum schaffen und mit der Playoff-Teilnahme ausbetonieren. Noch wichtiger war dabei die ins Auge gefasste Herausbildung klarer Rollen und Führungsspieler. Man weiss in der Theorie, wie das Team aussehen soll, mit dem man vielleicht schon bald an der Spitze mitspielen kann: Love und Rubio als All-Star Eckpfeiler, Pekovic als Low Post Brecheisen unter dem Brett, Kirilenko als vielseitige Allzweckwaffe, Svhed und Budinger als Schützen, Ridnour/Barea als change-of-pace Backups auf der Eins und Derrick Williams/Dante Cunningham als Flügelersatz. Soweit die Theorie. Die Praxis macht es mal wieder unmöglich, die verschiedenen Puzzleteile zu einem Ganzen zusammen zu fügen und das Bild mal zu betrachten, weil die wichtigsten Männer immer oder immer wieder fehlen.

Sicherlich ist es in der Theorie noch möglich, die Playoffs zu erreichen. Minnesota war bisher ohne Love (7-7) genauso erfolgreich, wie mit ihm (9-9). Das Spiel ist ohne ihn vielseitig genug und geht in der Offensive jetzt eben über Kirilenko, Shved und Pekovic. Aber der Westen ist unerbittlich. Die Wolves haben bereits 2.5 Siege Rückstand auf Platz Acht, der Spielplan bis März (wenn Love wieder genesen sein soll) ist schwer genug, um ganz schnell abzusinken. Auch wenn Love, dessen Hand ihm offensichtlich Probleme bereitete, weit hinter seinen Karrierewerten zurück blieb, lassen sich 18.3 Punkte und 14 Rebounds pro Partie nicht einfach mir nichts, dir nichts ersetzen.

Das erneute Verpassen der sicher eingeplanten Playoffs könnte eine verheerende Reaktionskette in Gang setzen. Die Verträge von Kirilenko und Pekovic laufen im Sommer aus. Ihrem jetzigen Leistungsstand zufolge werden beide langjährige Deals weit jenseits der 10 Millionen Grenze offeriert bekommen. Je besser sie spielen, desto teurer werden sie auch. Ihr wisst, wie Mannschaften mit Geld für 1B und 2A Free Agents um sich werfen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Small Market Wolves um Besitzer Glen Taylor so viel Geld auf den Tisch blättern und beide halten können - zumal man dann in spätestens zwei Jahren, wenn Rubios Verlängerung ansteht, weit in den Luxussteuer-Bereich hinein driften würde. Und selbst wenn man zahlt: was, wenn ein frustrierter Love dann trotzdem 2015 als Free Agent das Weite sucht?

Vielleicht hat man in den Twin Cities auch einfach nur auf den "falschen" Leitwolf gesetzt. Love hat in den vergangenen drei Jahren 22, 9 und 11 Partien verpasst. Die Wolves gewannen im gleichen Zeitraum 15, 17 und 26 Partien. Und auch heuer wird es kein Happy End geben. Was als erster Schritt auf dem Weg zu einem künftigen Contender gedacht war, könnte die längste aktive Dürre ohne Playoff-Teilnahme (8 Jahre) um weitere zwölf Monate verlängern und alle Langzeitaussichten der Wolves endgültig verschütten.