03 Januar 2013



von Florian Schaum  |  Mr. Bobcat

Zu Saisonbeginn rieben sich Basketball-Fans in aller Welt verdutzt die Augen: Die Charlotte Bobcats begeisterten die Liga mit erfrischendem und attraktivem Basketball. Nach 12 Spielen hatten die Cats schon eine 7-5 Bilanz auf dem Konto und damit genauso viele Siege eingefahren wie in der gesamten Vorsaison, als man das Jahr als schlechtestes NBA Team aller Zeiten abschloss. Doch die Freude in North Carolina währte nicht lange: Nach dem furiosen Start setzte es 18 Pleiten in Folge, bevor man die Niederlagenserie gegen Chicago stoppen konnte. Nun stellt sich die Frage: Sind die Cats wirklich immer noch so mies wie im Vorjahr oder steckt hinter der Niederlagenserie etwa eine Mischung aus fehlender Erfahrung und einer Prise Kalkül? Gibt es nächste Saison eine Wiederauferstehung der Charlotte Hornets? Und was haben eigentlich Charlottes Cheerleader, was den Bobcats fehlt?

Nein, wenn wir über den Unterschied zwischen den Charlotte Bobcats und ihrem Cheerleading Team, den zierlichen 'Ladycats', sprechen, reden wir nicht vom auf den ersten Blick herausragenden Merkmal der Cheergirls (den Silikonkissen). Worin besteht dann die bedeutendste Diskrepanz zwischen dem Basketball Team aus Charlotte und seinen Tänzerinnen? Vielleicht darin, dass die Ladycats auch in der zweiten Hälfte eines Spiels immer noch blendend aussehen, während die Bobcats nach einer guten ersten Halbzeit im zweiten Durchgang regelmäßig vom Gegner vermöbelt werden? Geschenkt! Etwa die Tatsache, dass Charlottes Cheergirls körperlich und konditionell deutlich besser in Form sind als einige Spieler der 'Cats? Peanuts! Nein, die Ladycats besitzen eine Sache, von der die Truppe von Coach Mike Dunlap aktuell so weit entfernt ist wie James Harden von einem Besuch beim Barbier: Titel! Immerhin konnten die Ladycats zweimal in den letzten drei Jahren die Auszeichnung als bestes Dancing Team der NBA gewinnen. Okay, diese Championship mag im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ungefähr genauso viel Anklang finden wie Proteste gegen das Waffengesetz. Dennoch stehen unter'm Strich schon zwei gewonnene Meisterschaften für die Cheergirls zu Buche. 

Und die Charlotte Bobcats? Die steuern nach einem guten Saisonstart wieder einmal straight Richtung Tabellenkeller. Ziemlich erschreckend, bei dem vorhandenen Talent, welches im aktuellen Kader der Katzen vor sich hin schlummert. Doch genau dieser Weg des Verlierens könnte für die Bobcats der entscheidende Schritt in ein goldenes Basketball-Zeitalter bedeuten. Denn mit jeder Niederlage Charlottes steigen die Chancen, im Rookie Draft 2013 einen der begehrten Big Men zu verpflichten, welcher das entscheidende Puzzleteil für eine erfolgreiche Zukunft der Franchise sein könnte. Während man mit Kemba Walker, Gerald Henderson und Michael Kidd-Gilchrist auf den Positionen 1-3 bestens aufgestellt ist, bleibt der Frontcourt weiter die ausgemachte Schwachstelle der Bobcats. Dort treiben schon seit geraumer Zeit einige schräge Typen ihr Unwesen: Zum einen Veteran Brendon Haywood, der sich in Charlotte auf seine alten Tage noch etwas Kohle fürs dumm herum stehen abgreift. Oder Ballermann Byron Mullens, der beim Vogelschießen noch nach einer Woche am Schießstand stehen würde, ohne auch nur irgendetwas getroffen zu haben. Defensivspezialist Bismack Biyombo hat zwar Potenzial und kann sich gut entwickeln, ist aber in der Offensive so limitiert, dass sogar Zwergenmann Earl Boykins als aufgestellter Center mehr Punkte machen würde als der 20-jährige Kongo-Spanier. 

Daher liegt das Hauptaugenmerk wieder einmal auf dem nächstjährigen Draft. Bleiben die Bobcats ihrer Niederlagenlinie treu, haben sie beste Chancen auf die erhoffte Verstärkung für die großen Positionen. Mit Cody Zeller oder auch Nerlens Noel befinden sich talentierte Youngster in der Verlosung, die den Frontcourt der Cats in neuem Glanz erstrahlen lassen könnten. Deswegen kommt den Verantwortlichen der Bobcats um Teameigner Michael Jordan die Niederlagenserie ihres Teams wahrscheinlich nicht so ungelegen, wie es auf den ersten Blick ausschaut. Das aktuelle Team hat Potenzial, keine Frage. Aber um in einigen Jahren mit den Top-Mannschaften der Liga mitzuhalten, reicht dieser Kader einfach noch nicht aus. Um auf dem Markt flexibler zu werden, wird man in der Off Season endlich die Amnesty Clause für die menschliche Geldverbrennungsanlage Tyrus Thomas ziehen. Charlottes Cap-Space gibt dann einiges her, um im nächsten Sommer zusätzlich einen guten Free Agent zu verpflichten. Zwar ist der Standort in Charlotte für NBA Stars in etwa so attraktiv wie ein Engagement in der iranischen Profiliga, aber es gibt ja bekanntlich den Spruch: Einmal ist immer das erste Mal. Wenn sich zusätzlich der Welpenkader der Bobcats wie geplant entwickelt, könnten die Cats schon in zwei Jahren eine absolut konkurrenzfähige Mannschaft stellen, die vielleicht sogar um die Playoffs mitspielt.

Und da wäre ja noch zusätzlich der Geist der Charlotte Hornets, der über Queen City schwebt: War es anfangs nur ein nostalgischer Wunsch und Träumerei, dass die Franchise wieder die Rechte am alten Nickname zurück erhält, stehen die Zeichen für eine Neuauflage der Hornissen sogar besser als die Chancen von Ex-Trainer Paul Silas, je wieder ein NBA Team coachen zu dürfen. Die New Orleans Hornets haben, ebenso wie NBA-Chef David Stern und Bobcats Teambesitzer Michael Jordan, grünes Licht für die Rückkehr der Hornissen nach Charlotte gegeben. Die Wiederauferstehung der Charlotte Hornets zur neuen Saison steht somit kurz vor dem Abschluss und würde der gesamten Region einen zusätzlichen Schub geben. Sollte es nächsten Sommer wenigstens einmal in Jordans Frontoffice wie gewünscht laufen, ist es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass die Ladycats Championship-Poster an den Wänden der Charlotteans ausgedient haben und durch ein echtes Basketball-Spitzenteam mit ausgestattetem Sieger-Gen ersetzt werden: den Charlotte Hornets 2.0.