28 Januar 2013


Der Kreuzbandriss für Bostons All-Star Point Guard ist verheerend. Wie sollten die Celtics reagieren? (Photo: Mark Runyon)

Grausame News gestern in Boston, wo All-Star Point Guard Rajon Rondo zunächst mit Beinschmerzen während des Shootarounds ausfiel und kurze Zeit später - der besorgte Teamdoktor hatte ihn schnurstracks für MRT-Bilder ins Krankenhaus geschickt - mit einem Kreuzbandriss diagnostiziert wurde. Neeeeeeeeeeeeein, schon wieder ein Kreuzband?! Damit ist die Saison für einen der elektrisierendsten Spieler der Liga natürlich vorüber. Solche Verletzungen brauchen - je nach Schwere - in der Regel sechs bis zwölf Monate, um vollständig zu verheilen. Rondo dürfte folgerichtig frühestens im September wieder auf's Parkett zurück kehren, wobei Ende 2013/Anfang 2014 wohl realistischer scheint. Eine absolut verheerende Situation, nicht nur für Celtics-Fans!

Der dynamische Point Guard hatte noch am Freitag gegen die Hawks 45 Minuten auf dem Parkett gestanden und mit 16 Punkten, 10 Rebounds und 11 Assists bereits sein fünftes Triple Double in dieser Saison produziert. Wie und wann genau er sich die Überdehnung des rechten Kniegelenks zuzog, darüber wird bisher immer noch spekuliert (bei dieser Aktion könnte es passiert sein). Die Tatsache, dass Rondo nach der Partie in Atlanta keinerlei Schmerzen hatte und auch gestern ganz ohne fremde Hilfe umher laufen konnte, macht die Verletzung umso mysteriöser. Die Überraschung, ihn beim Spitzenspiel gegen die Heat nicht in der Starting Lineup zu sehen, wich schon bald dem kollektiven Schock über die schwerwiegende Nachricht. Seinen Teamkollegen, die den amtierenden Champion Miami nach schweren Kampf und exzellentem Spiel mit 100-98 (2OT) besiegt hatten, überbrachte ein emotionaler Head Coach Doc Rivers erst nach der Partie die miesen News. Man kann sich, denke ich, vorstellen, wie schnell die Euphorie in der Umkleide in tiefe Betroffenheit und Anteilnahme umschlug.

Rondo war mit 13.7 Punkten, 11.1 Assists, 5.6 Rebounds und 1.8 Steals pro Spiel nicht nur einer der besten Aufbauspieler der NBA, er war in Boston mittlerweile auch zum wichtigsten Mann avanciert. Wenn Kevin Garnett das Rückgrat und Paul Pierce das Herz des Kobolds war in den letzten Jahren, dann war Rondo das Gehirn - und ohne das geht bekanntlich nicht viel. Ich habe häufig betont, dass die Celtics angesichts neuer Dynamiken und der Tatsache, dass sie ihr Offensivspiel gänzlich in Rondos Hände gelegt haben nur soweit kommen können, so weit sie Rondo zu tragen bereit ist. Etwaige Kritik an seiner Wurfauswahl oder irrationalen Assist-Rekord-Jagden entsprang nie aus einer persönlichen Antipathie gegenüber Bostons Nummer Neun, sondern stets in der Hoffnung, dass der 26-Jährige es endlich schaffen würde, sein Spiel auf ein neues Level zu hieven und dieses konstant abzurufen. Denn dass er das Zeug hat, irgendwann zum dominantesten Einser der NBA zu werden, wenigstens darüber sind wir uns alle einig. Das alles muss jetzt mindestens ein weiteres halbes Jahr warten, aber ich bin guter Dinge, dass der eigenwillige Sonderling mit neuen Eindrücken, neuen Skills und als besserer Spieler zurück kommen wird, wenn er im Herbst wieder loslegen darf.


Die entscheidende, weil weitaus zentralere Frage: Welche Auswirkungen hat Rondos schwere Verletzung auf die Boston Celtics, in dieser Saison und über sie hinaus? Die häufigste, menschlichste aller Reaktionen, egal ob von Kobolden oder neutralen Fans, war gestern und heute: Panik. Und Resignation. "Das war's mit den Playoffs!" oder "Wird endgültig Zeit, den Laden einzureissen!" waren die bestimmenden Gefühlsäusserungen. Ich halte dagegen, und zwar vehement. Weder ist Rondos Ausfall der Sargnagel für Bostons Playoff-Chancen, noch sollte Danny Ainge jetzt den Reset-Button drücken und über Nacht in den vollen Rebuild gehen.

Boston spielte bisher - auch mit Rondo - alles andere als ansehnlichen und erfolgreichen Basketball. Mit 21-23 Siegen rangiert man in der Eastern Conference auf Platz acht, 8.5 Siege von den führenden Miami Heat entfernt. Zum Division-Anführer New York Knicks sind es ebenfalls schon sieben Siege. Auch ohne die Tragödie um den eigenen All-Star Point Guard (Commissioner David Stern wird im Übrigen einen Nachrücker nominieren, der Rondo am 17. Februar im ASG ersetzt. Ich plädiere für Brook Lopez.) war Boston nicht mehr als ein Team im Playoff-Randbezirk. Der Osten ist in diesem Jahr allerdings so grottenschlecht, dass knapp 37 Siege wohl schon ausreichen werden, um das Postseason-Ticket zu lösen. Philadelphia, Detroit und Toronto sind hinter Boston nur 2.5, vier und fünf Siege entfernt, haben aber allesamt ihre eigenen Dämonen zu bekämpfen und verfügen weder über die nötige Erfahrung noch über auserlesene Spielqualität, um jetzt zwingend an den Celtics vorbei zu brausen. Wird das Vorhaben ohne Rondo, einen der besten und intelligentesten Vorbereiter der Association, für Boston schwieriger? Keine Frage. Kann Andrew Bynum die 76ers nach dem All-Star Break beflügeln? Natürlich. Haben die Pistons athletische, junge Beine und die Raptors genügend Trade-Assets beisammen, um vielleicht einen kleinen Run zu starten? Absolut. Aber ist all das realistischer, als dass einer der besten Coaches der NBA in seinem erfahrenen Kader und schier unendlichen Playbook ein paar neue Optionen findet, um Rondos Ausfall zu kompensieren und den Vorsprung in der Tabelle bis April zu konservieren? Nicht für mich.

Jason Terry bleibt - trotz seiner bisher enttäuschender Saison - ein exzellenter Ballhandler und kreativer Pick & Roll Spieler, der hier in die Bresche springen wird, sobald er wie damals in Dallas mehr on-ball Sets laufen darf, anstatt ausschliesslich den Ray Allen Spotup Part zu übernehmen. Avery Bradley und Courtney Lee werden mehr Spielzeit im Backcourt ergattern und die Defensive (bisher Rang 7, aber weiter mit Trend nach oben) dadurch noch stärker machen. Und mit Keyon Dooling (der seine Karriere im Sommer als Celtic beendete und sofort signalisiert hat, über eine Rückkehr nachzudenken), Delonte West (ebenfalls schon Celtics-erfahren) oder Derek Fisher stehen günstige Patchwork-Lösungen zum Minimum via Free Agency parat. Natürlich werden sich Rivers und die Celtics umstellen müssen. Das heisst langsamer spielen, den Mühlstein auspacken, die Gegner zu Tode einlullen. Aber wieso nicht? Einer der paradoxesten Widersprüche dieses Teams war stets, dass zwischen einem der explosivsten Transition-Einser der Liga (Rondo) und dem restlichen Lineup-Design (alt, langsam, unathletisch) immer eine starke Diskrepanz bestand, die in der regulären Saison meist für erhebliche Probleme sorgte. Ebenfalls seltsam: die Celtics kamen, statistisch betrachtet, in Offense und Defense erfolgreicher daher, wenn Rondo nicht auf dem Platz stand (besser bei der Effizienz und bei der Punktedifferenz). Dieses Bild bestätigt auch die Erfolgsquote ohne Rondo in den letzten vier Jahren (61,8 Prozent, 21-13 Siege), die besser ist, als mit ihm (60,4 Prozent). Nochmal: nichts hiervon soll implizieren, dass die Celtics ihren All-Star Guard nicht schmerzlich vermissen werden oder ohne ihn ein besseres Team sind. Lediglich, dass der Abfall, vor allem offensiv (Bostons Angriff kann angesichts der fünftmiesesten Effizienz und schrecklichen 95.1 PPG nicht weiter abfallen), nicht so gravierend sein wird, wie Rondos Ausfall das oberflächlich vermuten lässt.

Was den restlichen Stammtisch-Tenor um den geforderten harten Reset anbelangt, jetzt, da man sich ohne Rondo endgültig ausser Lage sieht, die Miami Heat zu entthronen: die gewünschten Blockbuster-Trades, mit denen Ainge auf einen Schlag die Weichen für eine erfolgreichen Zukunft stellen kann, die gibt es schlicht und ergreifend nicht. Natürlich werden sich einige Teams jetzt wie die Hyänen auf Paul Pierce und Kevin Garnett stürzen in der Hoffnung, dass Ainge die Abrissbirne auspackt und jeden brauchbaren Veteranen verscherbelt. Das ist Alltag in der NBA, wo der Opportunismus noch grösser ist als die Egos der Protagonisten. Aber das heisst noch lange nicht, dass Deals für Pierce oder Garnett plötzlich realistischer sind als zuvor. Garnett hat eine No-Trade Klausel in seinem Vertrag und zählt trotz seines schlechten Rufs zu den loyalsten Spielern der NBA-Geschichte. Es ist schwer vorstellbar, dass KG seine Out-Klausel zieht und zu einem Team wie Brooklyn oder San Antonio wechselt - ganz gleich, wie viel grösser dort seine Championship-Chancen kurz vor dem Karriereende sein mögen. Pierce hat zwar eine verlockende Option in seinem 2014 auslaufenden Vertrag (nur vier seiner insgesamt 15.3 Millionen Dollar für nächste Saison sind garantiert, was einer Mannschaft massive Salary Cap Einsparungen ermöglicht, falls sie für 'The Truth' tradet), aber er ist ein "Lifer", wie man so schön sagt. Pierce ist die Boston Celtics und unzertrennlich mit Wyc Grousbeck verbandelt, der den Club 2002 aufkaufte und wieder zu altem Glanz führte - mit Pierce als Kern der Vollsanierung, wohlgemerkt und gegen alle Widerstände. So etwas schweisst zusammen. Den 35-Jährigen jetzt auf seine letzten Tage für ein paar Cent zu verscherbeln, passt nicht zu Grousbeck und der Art, wie eine der hochklassigsten Franchises aller Zeiten Geschäfte macht.

Ausserdem: was könnte Ainge und Boston denn im Idealfall für Pierce und/oder Garnett heraus schlagen? Draft-Picks und künftige finanzielle Flexibilität sind NBA-Führungsetagen heutzutage wichtiger denn je. Die Zeiten, in denen mit absurden Tradeangeboten nur so um sich geschmissen wurde (auch bekannt als die "We don't give a F*cking Sh*t" 2000er) sind längst vorüber. Lohnt es sich wirklich, Garnett für einen semi-brauchbaren Rotationsspieler und einen Draft-Pick im 20er-Bereich weg zu traden? Könnte man irgend einen echten Impact-Spieler erhaschen, der einen Rebuild neben Rondo realistischerweise verankern könnte und dabei Geld einspart? (weil Boston im Sommer seine volle Midlevel Exception für Terry verbrauchte, triggerte automatisch der sogenannte Hard Cap, der ein Übersteigen der 74 Millionen Dollar Marke unmöglich macht. Die Celtics operieren derzeit bei knapp 72 Mio. $). Oder ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass Ainge im Kleinen versuchen wird, nachzuladen und irgendwie an einen Point Guard wie Kyle Lowry, Goran Dragic oder Brandon Jennings heran zu kommen, um mit diesem Kern einen letzten Angriff auf's NBA-Finale zu wagen?

Natürlich muss der GM alle verfügbaren Möglichkeiten ausloten und jeden Telefonanruf entgegen nehmen. Das ist sein Job. Die theoretische Chance eines Pierce- oder Garnett-Trades besteht also - genauso wie die eines Rondo-Trades, im Übrigen (wie irrsinnig wäre es eigentlich, Rondo nach all den Spekulationen der letzten Jahre genau jetzt zu traden und mit einem anderen Point Guard diesen in die Jahre gekommenen Esel weiter zu reiten, bis er tot umfällt, bevor man dann 2014 oder '15 ganz bei Null anfängt? Nicht völlig auszuschliessen, oder?). Ainge hat schon häufiger betont, dass er auf gar keinen Fall zu lange an seinem ehemaligen Meisterkern festhalten und so jegliche Chance auf einen Rebuild verplempern will. Das heisst aber im Umkehrschluss nicht, dass er einen erfahrenen Playoff-Kader und amtierenden Conference Finalisten um jeden Preis und ohne echten Gegenwert auseinander pflücken muss, um dann für die nächsten zehn Jahre im NBA-Niemandsland zu versauern (Kameraschwenk zu Mark Cuban und wütenden Mavericks-Fans, die mir den Stinkenfinger zeigen). Um mit den Worten des allzeit geschätzten Doc Rivers zu schliessen: "Ihr könnt ja alle die Todesanzeige schreiben. Ich werd's nicht tun. Ich mag unsere Chancen mit diesem Team, immer noch..."