12 Januar 2013



von Tobias Mannhart

“The Memphis Grizzlies are exploring Rudy Gay trades.” Das war das Statement, das kürzlich auf so ziemlich allen Internetplattformen herumgeisterte. Wir können natürlich herauslesen, dass „exploring“ nur bedeutet, dass die Grizzlies den Markt sondieren, wie jede andere Franchise auch. Außerdem wird bis zur Deadline im Februar sicher nichts passieren. Das bestätigt auch das Front Office.

Aber lasst uns mal die Fakten prüfen: Zahlenjongleur John Hollinger ist seit kurzer Zeit ein federführender Bärendompteur. Und dieser John Hollinger sieht die nackten Zahlen. Rudy legt die schlechtesten Werte in Sachen Wurfeffizienz seit seiner Rookiesaison auf (Stand 12.01.2013: 41% FG, 30,8% Dreier) und scheint nicht so richtig mit Double-Double König Zach Randolph und dem spanischen Center koexistieren zu können. Der erdgebundene Power Forward beansprucht den Low-Post für sich, Marc Gasol den High-Post. Da ist es für den athletischen Slasher schwer, freie Wege zum Ziel zu finden. Er ist gezwungen seinen Jumpshot als Hauptwaffe zu verwenden. Allerdings ist er weit davon entfernt, mit Ray Allen verwechselt zu werden. Er würde viel lieber am Korb abschließen, allerdings ist dort – wie schon erwähnt - kein Platz für ihn. Das System der Grizzlies funktioniert so nicht. Die beiden Großen arbeiten im Post und wenn der Gegner doppelt, sollen die beiden exzellenten Passgeber im Optimalfall einem sicheren Shooter den freien Dreier überlassen. Rudy Gay ist das aber nicht. Er ist sogar ein relativ schlechter Schütze von draußen und auch vom Rest der Starting Five nennt keiner einen gefährlichen Distanzwurf sein Eigen. Vor diesem Standpunkt macht es Sinn, über einen treffsicheren Small Forward nachzudenken.

Ein weiterer Punkt springt auch sofort ins Auge: Die Grizzlies sind schon jetzt zu teuer. Z-Bo, Gay, Gasol und Mike Conley kosten zu viert alleine schon 60 Millionen Euro und Tony Allen muss in der Offseason auch noch verlängert werden. Da ist es verständlich, dass aufgrund der Luxussteuer und dem Fakt, dass Memphis ein relativ kleiner Markt ist, einer vielleicht gehen muss. Da gibt es dann wieder mehrere Gründe, Gay zu wählen. Erstens tradet man so potente Big Men wie Gasol und Randolph grundsätzlich nie, und zweitens fehlt Rudy der Rückhalt. Die Leute in Memphis mögen ihn nicht. Sei es, weil sie harte Arbeiter einer Highlight Maschine vorziehen; sei es, weil sie ihm seinen übertriebenen Vertrag noch immer verübeln. Die harte Fanbasis schreit schon seit Monaten, wenn nicht seit Jahren, man solle ihn traden.

Zur Relativierung noch einmal: Die Grizzlies sondieren nur den Markt - es ist wahrscheinlicher, dass Gay bleibt. SBNation berichet: "As of right now, yeah, I do," said Gay, when asked if he believes he will finish out the season in Memphis. "I do. Nobody has said anything to me about it, so I do." Jedes Jahr diese Gerüchte zu hören, hat ihn dazu gebracht, alles locker zu sehen und hoffentlich lässt er sein Game für sich sprechen. Denn: welche Franchise würde schon freiwillig einen überathletischen, 26-jährigen, 16PPG/5RPG abliefernden, 6' 8"großen, 230 lbs schweren Small Forward wegschicken? Man darf dennoch gespannt sein, ob Hollinger nicht doch noch aussagekräftigere Zahlen aus dem Hut zaubert und einen Trade bastelt, der die Grizzlies wirklich voran bringt.

(ACHTUNG! Ab hier beginnt die Hirngespinst-Zone!)

In den vergangenen Woche sind zahlreiche, teilweise absurde Tradegerüchte aufgekommen. Die beiden meiner Meinung nach sinnvollsten stelle ich hier vor. (Es muss allerdings jedem klar sein, dass wohl kein jetzt spekulierter Trade jemals das Licht der Welt erblicken wird. Aber wir kennen ja unsere Lieblings-Association und wer fantasiert nicht gerne.)



Trade 1:
Memphis schickt Gay in die Wüste: Die Phoenix Suns sind angeblich interessiert, Jared Dudley plus ein oder zwei 1st Rounder plus Capfüller (evtl. Shannon Brown und Wesley Johnson?) gegen Gay zu tauschen. An sich klingt der Trade, als würde Memphis einen Rebuild starten wollen. Allerdings passt Dudley genau ins Anforderungsprofil. Er weist eine TS% von knapp 60% auf und ist ein super Dreierschütze. Des Weiteren ist er auch noch billig (4,3 Mio. $) und die Picks geben den Grizzlies die Chance, ihr ohnehin schon Playoff-kalibriges Team mit jungen Talenten zu erweitern. Phoenix wäre wohl auch mehr als zufrieden. Gay passt perfekt in ihr System und würde in der Post-Nash-Ära zumindest ein bisschen Starpower zurückbringen. Der Trade klingt unter den gegebenen Voraussetzungen - zumindest in der Theorie - nach einer Win-Win-Situation.

Trade 2:
Naja, das ist noch nicht einmal ein echtes Gerücht, aber die Grizzlies sind wohl an Tyreke Evans interessiert. Wenn Memphis Gay nach Sacramento/Seattle(?) abgeben und Evans plus x für die Bank akquirieren könnte, würde man das nächste Problem – die inkonstante Bankproduktion der Bären – in den Griff bekommen. Manchmal ist ein Premium Benchmob mehr wert als ein extra Starspieler (oder, San Antonio?). Jimmer Fredette, Aaron Brooks und Francisco Garcia wären da Kandidaten, die weiterhelfen könnten. Evans hat sowieso einen Tapetenwechsel notwendig, Fredette möglicherweise auch und Brooks und Garcia könnten das Shooting der zweiten Garde signifikant verbessern. Die Kings hätten ihr zweites Puzzlestück zu Cousins und mit einer guten Draft-Selektion könnten sie beim eventuellen Umzug nach Seattle schon einen Spitzen-Core vorweisen.

Nichtsdestotrotz kann derzeit nur spekuliert werden und wir werden wohl erst am 21. Februar wissen, ob Rudy tatsächlich in Tennessee bleibt. Bis dahin werden bestimmt noch 100 weitere Gerüchte auftauchen und heiß diskutiert werden, bis dann am Ende eventuell wieder gar nichts passiert. Aber ist es nicht dieses Theater, das wir so lieben?