28 Dezember 2012




Am heutigen Freitag treffen die Los Angeles Lakers in Downtown L.A. auf die Portland Trail Blazers. Grund genug für Onur Alagöz von Showtime Redux und Niklas Dahl vom Rose Garden Report, sich ebenfalls zusammen zu tun und mal etwas genauer hinzuschauen: Was verbinden sie persönlich mit diesem Matchup? Ist die existierende Rivalität zwischen den beiden Teams auch in Europa spürbar? Wie beurteilen sie den bisherigen Saisonverlauf? Und wo landen am Ende die Lakers und die Trail Blazers?


Niklas Dahl: Sag an, Onur, wie siehst du die Rivalität und welche Erinnerung hast du an sie?

Onur Alagöz: Wenn man Sport-Fan ist, nimmt man logischerweise gewisse Züge und Ansichten seines Teams bzw. deren Spieler an. Als Anhänger von Purple-Gold bin ich erfolgsverwöhnt und möglicherweise ein wenig verhätschelt. Für uns gibt es nur eine große Rivalität, nämlich die mit den Boston Celtics. Den Spielen gegen Portland hat vor einigen Jahren kaum jemand eine wirklich große Bedeutung beigemessen. Den Kollaps im Spiel 7 der 2000er Western Conference Finals hat aber dennoch die Basketballwelt in lebhafter Erinnerung. Der Kobe-Shaq-Alley-Oop ist nach wie vor einer der ikonischsten Momente der letzten Jahre. Zudem hat dieser Sieg unsere Kobe-Shaq-Phil-Dynastie gestartet. Der letzte Sieg Portlands gegen die Lakers in der Endrunde liegt mehr als 20 Jahre, nämlich 1992, zurück. Seitdem hat L.A. fünf Titel geholt, Portland keinen.

Aber was zählt ist im Augenblick das hier und jetzt, und da sieht es nicht nach Klassenunterschied aus. Im Gegenteil, Portland ist sogar ein halbes Spiel vorne. Hochillustre Historie oder nicht - Portland muss sich im Augenblick nicht vor L.A. verstecken

Nik: Mir geht es in diesem Punkt ganz ähnlich. Auch wenn man mich in den Staaten wohl dafür skalpieren würde, aber für mich waren die Lakers auch nie der große Rivale, das Team, welches permanent gehatet werden muss. Vielleicht fehlen mir dafür einfach die College-Erfahrungen, die einige Blogger machen mussten (zusammen mit einem Kobe-Fan auf einem Zimmer zu leben, und das während der 00er-Jahre: nicht cool). Um ehrlich zu sein habe ich mich sogar immer auf das Match Lakers @ Blazers gefreut; nicht, weil ein Rivale in die Stadt kam. Sondern weil dieses Duell i.d.R. für einen Blazers-Sieg stand.

Aber du hast einen interessanten Punkt angesprochen: Erstaunlicherweise befinden sich die Blazers in der Tabelle gegenwärtig vor den Lakers. Ob das nun für die Blazers oder gegen die Lakers spricht steht auf einem anderen Blatt, führt mich aber zur ersten Frage: Die Blazers hatten ja eine relativ ruhige Offseason. Zwar hätte man fast Roy Hibbert Richtung Nordwesten lotsen können, letztendlich blieb es aber bei der Extension für Nicolas Batum. Wie stehst du zu dieser Personalie? "Overhyped" oder künftiger All-Star?

Onur: Definitiv All-Star Material. Es hat ja nicht nur sein Five-by-Five kürzlich gezeigt, wie vielseitig der junge Franzose ist. Batum ist athletisch, trifft den Dreier (momentan über 40% von Downtown), verteidigt dank seiner unendlich langen Arme sehr hartnäckig. Ein wenig mehr Ballhandling und eigenständige Offensive und der Junge wäre ein absoluter Franchisespieler. Er wird wohl mit der Aufgabe betraut werden, Kobe die meiste Zeit zu decken, was der Black Mamba das Leben durchaus schwer machen wird. Würde mich nicht wundern, wenn Kobe versucht permanent in den Post zu gehen. Apropos Post: Glaubst du, Gasol und Howard können gemeinsam überleben? Als eine Art High-Low-Post-Kombo?

Nik: Können? Auf jeden Fall. Man sollte nie vergessen, dass wir es immer noch mit einem neu-zusammengestellten Team zu tun haben. Zwei von fünf (eher vier, den Ellenbogen mal außen vor) Akteuren sind neu, davon war der gesetzte Nummer eins Point Guard (Nash) lange Zeit verletzt. Zusätzlich kam mit Mike D'Antoni ein neuer Coach ins La-La-Land. Heißt also: Die Lakers konnten sich noch gar nicht finden, Gasol (der seinerseits ebenfalls verletzt war) nicht zeigen, wozu er imstande ist. Diese Zeit sollte man ihm zugestehen.

Interessant wird es sein, zu beobachten, was mit Gasol passiert, wenn er bis zur Trade-Deadline nicht mit einer ansteigenden Leistungskurve glänzen kann. Bahnt sich ein Trade mit den Raptors an? Oder irgendeinem anderen Team? Und nein, damit sind nicht die Hawks gemeint. Um es kurz zu machen: Howard und Gasol sind geradezu prädestiniert, die Frontcourts der Liga mit ihrem High-Low-Spiel zu dominieren. Es liegt einzig an Gasol, das zu zeigen.

Aber wo wir uns geographisch bereits in der richtigen Umgebung (sowohl auf dem Hardwood, als auch in der ESPN Trade Machine) befinden: Wie stehst du zu meinem erklärten Lieblingsthema, dem potenziellen LaMarcus Aldridge Trade? Realistisch, wenn man zu Deadline unter .500 ist? Was könnte für ihn rausspringen? Und siehst du ihn als die klare Nummer 1 Option, für die ihn viele halten, oder eher als gute zweite Option?

Onur: Ich kann mir zwar nicht erklären, wieso, aber ich mochte Aldridge schon seit er bei Texas auf dem College gespielt hat. Sehr "skilled", wie die Amis das nennen und sein Offensivspiel ist einfach seidenweich. LMA kann ein All-Star sein, aber er ist - ähnlich wie z.B. Danny Granger - nicht die erste Option für ein Team, das um die Meisterschaft mitspielen will. Ob soft oder nicht sei mal dahingestellt, jedenfalls fehlt ihm zumeist dieses gewisse Etwas, dieser Killerinstinkt. An sich nichts Verwerfliches, aber hier müssen die Verantwortlichen einsehen, dass das Projekt Powerhouse, damals noch um Oden, Roy und Aldridge, ad acta gelegt wurde. Wieso Aldridge also nicht verschiffen für Picks und Cap Space und so den organischen Neuaufbau unterstützen? Lillard ist junge 22, Hickson - der gute Ansätze gezeigt hat – 24 und Leonard erst 20 Lenzen jung. Manager Neil Olshey darf man mit Fug und Recht zu den kompetentesten seines Fachs zählen, die Arbeit, die er bei den Clippers geleistet hat, war überragend. Den sprichwörtlichen Reset-Button also bis zum Anschlag durchdrücken, Aldridge verschiffen, neuen Coach signen und in ein paar Jahren wird es vielleicht doch noch was mit dem Rose Garden Rampage.

Bleiben wir doch bei Trades: Du hast gerade einen Gasol-Trade angesprochen, der ja bereits seit Längerem mit den Raptors in Verbindung gebracht wird. Denkst du, Bargnani würde im Gegenzug zu D'Antonis System passen? Der hat ja - der Kreis schließt sich - wie Aldridge ebenfalls als erste Option mehr oder weniger versagt.

Nik: Nein. Jedenfalls nicht besser als ein Gasol. Ganz grundsätzlich ist Bargnani ein in meinen Augen schrecklich überschätzter Spieler. Schauen wir uns Gasol und Bargnani mal im Detail an: Per 36 Minuten erzielt Bargnani nur 5 Punkte mehr, bei knapp 4 Wurfversuchen plus. Seine Wurfquote liegt bei .398 -- Gasols bei .412. Per 100 possessions schenkt Bargnani 5 Punkte mehr her, greift sich weniger Rebounds. Zugegeben, seine 3P% ist besser als Gasols; nur sprechen wir hier von Werten von .319 (Pau Gasol: .250). Und er versucht diesen Wurf satte 4-mal häufiger als sein Gegenüber. Das ist so, als würde ich dich im lokalen Fastfood Restaurant darauf hinweisen, dass dein Burger doch mehr Kalorien hat, während ich meinen Dritten aus dem Papier wickele.

Long story short: Bargnani passt bedingt in MDA's System, stellt aber einen krassen Rückschritt gegenüber Pau dar. Und ob das mit der alleinigen Aussicht auf Jose Calderon aufgewogen werden kann, den man ja im Paket ebenfalls erhalten könnte, sollte jeder für sich selbst beantworten. Ich würde es nicht machen. Aber lass uns noch einmal auf ein spannendes Duell zu sprechen kommen: Lillard vs. Nash. Was hältst du von Lillard? Manche ordnen ihn ja bereits in Irvings Gefilden ein.

Onur: Bei Lillard läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Der Junge ist der pure Wahnsinn. Eiswasser in den Venen, niemals, aber wirklich niemals verliert er den Überblick. Seine Contenance, eine Augenweide. Er ist kein Ausnahmeathlet vom Schlage eines Derrick Rose, aber seine vier Jahre College-Erfahrung kommen ihm absolut zu Gute. Nur wenige Rookies können auf der Aufbauposition so vielfältig die Offensive beeinflussen wie er. Er ist schnell, athletisch, beherrscht das Pick-and-Roll, trifft den Dreier und beinahe ausschließlich gute Entscheidungen. Was ihn von Spielern Marke Westbrook unterscheidet, ist, dass er nicht versucht körperlich oder athletisch zu dominieren. Er tut das spielerisch. Er wirkt nie, als würde er etwas erzwingen wollen, behält stets die Kontrolle und – ganz wichtig! – weiß auch um seine Grenzen. Ich sehe in ihm einen mehrfachen All-Star, einen Führungsspieler und eine wichtige Komponente in der Zukunft der Trail Blazers.

Es wird heute schwierig für Nash, ihn im Zaum zu halten. Gerade im Pick and Pop mit Aldridge muss dann Verantwortung an Gasol oder vorzugsweise natürlich an Dwight Howard abgegeben werden. Um Nashs mittelmäßige Defense weiß man in La-La-Land, so muss man versuchen, Lillard die Anspielstationen zu entreißen und die Korbnähe dicht zu machen. Man hat schon Optionen, denke ich. Sensationell hin oder her, Rookie bleibt Rookie. Nash wird dieses Duell für sich entscheiden. Zukünftige Hall-of-Famer lassen sich nur äußerst selten von Neulingen vernaschen.

Ich möchte abschließend noch mein Lieblingsthema ansprechen: Kobe’s Karriere bzw. genauer gesagt, diese Saison. Was hältst du von seiner, zugegeben mittlerweile leicht abgeklungenen, Effizienz und seinem „Karriereabend“?

Nik: Du hattest es in einer deiner Kolumnen bereits perfekt beschrieben: Kobe Bryant hat sein Spiel Anno 2012 effizient weiterentwickelt. Seine knapp 30 Points per Game sind Liga-, seine FG% von .475 Karrierebestwert. Dazu Rebound- und Assistwerte, die allesamt im Karrieredurchschnitt liegen, und ein PER von 25.2 (Platz 5). Noch Fragen?

Einzig seine Off-Ball Probleme in der Defense könnten Anlass zur Sorge sein. Aber seien wir mal ehrlich: Dwight Howard ist noch nicht wieder bei 100%, Bryants Beteiligung in der Offense zehrt an seinen Reserven, die Rotationen sind längst nicht eingespielt. Meiner Meinung nach dürfte er auch hier im Laufe der Saison besser aufspielen, wenn eben jene Probleme nach und nach aus dem Weg geräumt wurden. In Oklahoma City sollte man sich also in Acht nehmen vor der neuen Version der Mamba. Und nicht nur auf das andere Team aus Los Angeles hinsichtlich eines möglichen Conference Finals schielen.

Onur: Ganz genau. Und jetzt nehmen wir beide einmal die Fanbrille ab: Wer gewinnt?

Nik: Die Lakers. Aus dem Sieg gegen die Knicks hat man genug Selbstvertrauen getankt, die Siegesserie von 5 Spielen tut ihr Übriges. Portland spielt auswärts, Wesley Matthews' Einsatz steht in den Sternen. Klares Ding also. Punktedifferenz? plus-10.

Onur: Ich schwöre bei meinem Urteil auf echte Objektivität, aber wenn alles mit rechten Dingen zugeht, können die Lakers mit 15 vor gewinnen. Nash seziert Defenses wie ein Chirurg, Kobe ist off-ball brandgefährlich. Wer soll Howard verteidigen? Hickson bräuchte permanent Hilfe, ein besonders guter Verteidiger ist er ohnehin nicht. Aldridge wird alle Kraft auf Gasol und möglicherweise Artest konzentrieren müssen. Der streut momentan genug Dreier ein, um zumindest respektiert zu werden. Lillard und Batum werden heißlaufen, aber auch ich glaube: Sieg Lakers.

Nik: Damit kommen wir also auf einen Nenner. Gut für dich, schlecht für mich. Dann lass uns doch zum Abschluss noch einmal kurz eine Prognose für das eigene Team abgeben. Also: Wo landen die Lakers? Oder präziser: Wie weit kommen sie in den Playoffs? Und: befindet sich Pau Gasol zu diesem Zeitpunkt noch im sonnigen L.A.?

Onur: Mittlerweile hab ich's aufgegeben, Prognosen abzugeben. Aber um der Diskussion willen: Platz 4 im Westen, zweite Runde, je nach Matchup dann vielleicht sogar Conference Finale. Gasol bleibt und wird sich stabilisieren, ein so begabter Spieler wird nicht so abstürzen. Nächstes Jahr läuft die Sache dann runder. Dieses Team wird das tun, wozu es bestimmt ist, nämlich um den Titel mitspielen.

Nik: Dann will ich auch noch fix für die Blazers in den Nostradamus-Modus wechseln: Platz 10 auch am Ende der Saison innezuhaben ist blanke Utopie, sowohl Mavs als auch Lakers werden eher früher denn später an Portland vorbeiziehen. Wo man am Ende landet hängt dann dann von den Leistungen der Suns und der Hornets ab (die Kings sammeln weiter fleißig T's und probieren die ersten Sonics-Jerseys an), es wird also irgend etwas zwischen Platz 12-14 mit knapp 30 Siegen. Neil Olshey wird sich zur Trade Deadline überlegen, was mit LMA passiert, mein Trade-O-Meter zeigt hier aber weiterhin auf Abschied. Vielleicht am Drafttag in Richtung Cleveland. Aber wer weiß das schon.


Nun gut, wir hoffen, euch einen kleinen Überblick über beide Franchises haben geben zu können und wünschen euch einen guten, leicht alkoholisierten (je nach Vorliebe mehr oder weniger) und vor allem gesunden Rutsch ins neue Jahr, mit möglichst gutem Basketball!

Onur: Von mir natürlich auch einen guten Rutsch. Mögen eure und Kobes FG% im neuen Jahr hoch sein!