29 Dezember 2012


Avery Johnson hatte sein Team schon vor Wochen verloren. Seinen Nets-Job ist er jetzt auch los. (Photo: John Maynard) 

24 Tage. Es waren nur 24 Tage, die Avery Johnson seinen Kopf und Job als Head Coach bei den Brooklyn Nets kosteten. Anfang Dezember wurde der kleine General noch als Coach des Monats November geehrt, nachdem die Nets mit 11-4 Siegen aus den Startlöchern gebraust und bis auf Platz 2 in der Eastern Conference hoch geklettert waren. Weniger als vier Wochen später wurde der 47-jährige Übungsleiter vor die Tür gesetzt. Eine beispiellose Niederlagenserie im Dezember mit zehn Pleiten aus 13 Partien wurde ihm zum Verhängnis. Obwohl Johnson in der Pressekonferenz am Freitag gute Miene zum bösen Spiel machte, sich zwar enttäuscht, aber verständnisvoll zeigte (ein stilvoller Abgang, übrigens), wusste er da natürlich schon längst, dass er für die Misere in Brooklyn persönlich mitverantwortlich war. Wer in diesen NBACHEF-Gefilden von Zeit zu Zeit verweilt, den konnte Johnsons Entlassung nicht sonderlich überraschen, spätestens seit diesen Zeilen, die ich vor knapp zwei Wochen ins Welt-Weit-Web hinaus schickte:

"Ob der kleine General seinen Hals noch aus der Schlinge ziehen kann, hängt ganz davon ab, wie die 13-12 Nets den Jahreswechsel überstehen. Die Mechanismen im Sport, in Situationen wie diesen, sind altbekannt. Der Star sitzt immer an längeren Hebel, der Coach muss immer als Erster gehen. Die kommenden Spiele, das am Sonntag gegen Philadelphia und danach gegen die Celtics, Bucks, Bobcats und Cavaliers, werden also richtungsweisend für Johnson und die Nets. Der Absturz im Dezember, statistisch und in der Tabelle, kann entweder zum ersten grossen Bewährungstest für ein Schwergewicht werden, das noch in der Findungsphase steckt ... oder aber zum Stolperstein für Avery Johnson!"

Bis zu den Bobcats und Cavaliers hat es gar nicht mehr gereicht für Johnson, der in zweieinhalb Saisons bei den Nets nur knapp ein Drittel seiner Partien gewinnen konnte (60-116). Die Adler kreisten schon eine ganze Weile über seinem Kopf. Spätestens der Umzug nach Brooklyn und die unbekümmerte Free-Agency Shopping-Tour mitsamt ambitionierten Saisonzielen liessen den Druck ins Unermessliche steigen. Die Tatsache, dass Johnson, dessen Vertrag im Sommer 2013 ohnehin ausgelaufen wäre, von Teambesitzer Mikhail Prokhorov partout keine Verlängerung erhielt, war ein deutliches Indiz für seinen Status als "zeitlich befristeter Angestellter", der Brooklyn mindestens in Playoff-Runde zwei hätte führen müssen, um seinen Vorgesetzten überzeugen und über die Saison hinaus bleiben zu können. Prokhorov - der, wie ihr wisst, nicht jedes Spiel live vor Ort verfolgt, aber die letzten drei Partien in persona analysierte - war zuletzt nur noch angewidert von den Leistungen seines Teams. Man darf davon ausgehen, dass die peinliche 93-76 Niederlage zu Hause gegen Boston am ersten Weihnachtsfeiertag im internationalen Fernsehen der finale Nagel in Averys Sarg war. Das zu-Grabe-Tragen übernahm Johnson bei seiner letzten Amtshandlung (eine weitere Nets-Niederlage in Milwaukee) höchstpersönlich.

Fakt ist auch, dass Johnson kein besonders guter Coach ist. Ja, er gewann als Spieler mit den Spurs eine Meisterschaft, aber er bestach dabei nie als brillanter Stratege oder gewiefter Manipulator. Seine irritierende, enervierende Art, die ihn auf dem Parkett auszeichnete, machte ihm als Coach das Leben schwer. Obwohl er bei seinem ersten Trainerstop in Dallas fast 70% seiner Spiele gewann, wollte ihn danach kaum ein Team einstellen. Johnson behandelte vor allem seine Point Guards immer mit aller erdenklichen Härte - ob Devin Harris und Jason Kidd bei den Mavs oder jetzt Deron Williams bei den Nets - weil er von ihnen genauso viel verlangte, wie von sich selbst als Spieler. Die selbe Hartnäckigkeit, die ihn zu aktiven Zeiten ausmachte, wurde ihm als Cheftrainer zum Verhängnis. Dass Deron Williams und Gerald Wallace in den letzten Wochen das zu starre und emotionslose Spielsystem der Nets kritisierten, waren entscheidende Vorboten, die klar machten, in welchen Bereichen der Patient schon seit Wochen krankte. Dieses talentierte Team wurde von Kontrollfreak Johnson in ein taktisches Korsett gezwängt, spielte den langsamsten Ball der Liga (nur 90 Ballbesitze pro Partie) und versuchte den Gegner, im Halbfeldspiel zu Tode zu langweilen. Von Kreativität und Spielwitz absolut keine Spur. Statt dessen ein Isolationsset nach dem anderen (Platz 3, davon Johnson und Williams mit mehr als 60% Anteil), ohne auch nur an Pick & Roll Basketball zu denken (Platz 30). Sobald sich die Gegner nach ein paar Wochen an Brooklyns Spielweise gewöhnt hatten, wurde es für die Nets schwerer und schwerer, sich gute Würfe zu erarbeiten. Von leichten Würfen oder Korblegern nach Transition-Möglichkeiten ganz zu schweigen.

Die Offensive brach nach einem starken November (zwischenzeitlich Platz 7 bei der offensiven Effizienz) im Dezember ein und quälte sich zu mageren drei Siegen in vier Wochen. Dabei war weniger der Angriff das Problem numero uno, sondern die Verteidigung. Besonders katastrophal: Johnson, eigentlich als Defensivfanatiker und "harter Hund" verschrien, hatte es zu keinem Zeitpunkt geschafft, hier eine defensive Identität zu etablieren und zuletzt auch noch jeglichen Draht zu seiner Mannschaft verloren. Die Nets werden niemals mit den Chicago Bulls verwechselt werden, aber ein Team, dass mit Gerald Wallace und Joe Johnson zumindest zwei gute Flügelverteidiger besitzt, hat unter den miesesten Defensiven der Liga (Platz 28 im Dezember) nichts verloren. Ebenso bezeichnend für Johnsons Unvermögen und den Verlust jeglicher Kommunikationsfähigkeit: kein Team verspielte häufiger zweistellige Führungen, kein Team brach nach der Halbzeitpause stärker ein als Brooklyn. Obige Grafik bestätigt den Augentest und eine unumstössliche Tatsache, die immer auf den Coach zurück fällt. Wenn du dein Team nicht mehr motivieren kannst, dann ist es Zeit zu gehen. Johnson versuchte verzweifelt, eine Lösung zu finden, probierte eine Aufstellung nach der anderen aus in der Hoffnung, passende Kombinationen zu finden, aber er konnte die Blutung nicht mehr stoppen.

Natürlich war es keine grosse Hilfe, dass Brook Lopez verletzt ausfiel (ironischerweise just in dem Moment, als die Nets den besten Start der Franchise-Geschichte perfekt gemacht hatten) und Deron Williams irgendwo zwischen Utah und New Jersey zu Alvin Williams mutierte. Handverletzung hin oder her, 17 Punkte, 8.3 Assists und 38% aus dem Feld konstituieren die mit Abstand schlechteste Saison in D-Wills Karriere. Dafür hatten Prokhorov und die Nets sicherlich nicht 99 Millionen Dollar hingeblättert. Auch Joe Johnson (16.8 PPG bei 42.8% FG) und Gerald Wallace (11.3 PPG und 5.6 RPG) spielten unter Avery Johnson die miesesten Saisons ihrer NBA-Laufbahn. Kris Humphries durfte zuletzt gar nicht mehr ran. Ist es reiner Zufall, dass vier der fünf Starter bisher so weit hinter ihren Möglichkeiten zurück blieben? Hat sie, die sie alle schon jenseits der 27 sind, Gevatter Zeit so schnell und gewaltig eingeholt, dass sie alle kaum noch über den Liga-Durchschnitt in PER hinaus kommen? Oder war Johnsons Gameplanning derart kontraproduktiv, sein Betragen in Timeouts und Umkleidekabinen derart demotivierend, dass er seine besten Spieler besser neutralisierte, als es jeder Gegner gekonnt hätte?

Prokhorov und Manager Billy King waren sich nach zwei langen Niederlagenserien (fünf in Folge zu Beginn des Monats und fünf von sechs vor Johnsons Entlassung) sicher, dass Zweiteres eingetroffen war: Johnson hatte die Kontrolle verloren. King, der täglich mit Spielern und Trainern in Kontakt steht, fühlte sich ob der Stimmung im Team an die letzten Jahre in Newark erinnert - eine frustrierende Übergangszeit vor dem Umzug, geprägt von Niederlagen, Resignation, und noch mehr Niederlagen. Und Prokhorov, der vor der Saison das Conference Finale als Minimalziel ausgegeben hatte, musste die Reissleine ziehen, bevor es zu spät wurde. Natürlich ist dieser Kader, so solide zusammen gestellt und unangenehm zu spielen er auch ist, nicht die Creme de la creme der NBA... das weiss der Russe selbst. Auch er hätte lieber Chris Paul, Carmelo Anthony und Dwight Howard im Team (ein theoretisch umsetzbares Szenario übrigens, wenn man die Ereignisse seit 2011 mal kurz Revue passieren lässt). Aber es kam, wie es eben kam für die Nets: man musste statt dessen den Klingelbeutel für Williams, Johnson, Wallace und Lopez locker machen, um nicht mit leeren Händen nach Brooklyn umzuziehen. Ausser den leicht bewegbaren Verträgen von Humphries und MarShon Brooks hat man nicht allzu viel personellen Handlungsspielraum in den nächsten drei Jahren zur Verfügung. Ein Coach lässt sich leichter ersetzen als Spieler mit achtstelligem Jahressalär. Der Osten ist hinter Miami nach wie vor ganz weit offen - New York, Chicago, Indiana, Atlanta, Boston und Brooklyn sind bisher, im Gegensatz zu ihren Pendants im Westen, alles andere als sicheres Conference Finals Material. Prokhorovs Hoffnung ist, dass die richtige Stimme am Spielfeldrand und im Training die Summe der einzelnen Mannschaftsteile grösser machen kann, als sie derzeit, isoliert betrachtet, wirken. Ein paar Rotationsspielchen hier, ein bisschen Fastbreak oder Flex-Offense da, vielleicht sogar ein autarkes defensives System, und schon wäre der Weg zum Atlantic Division Titel wieder frei. Oder?

Prokhorov kündigte an, dass man zunächst mit Johnsons Nachfolger, Interimsmann P.J. Carlesimo, arbeiten werde. "P.J. ist jetzt der Coach und wir vertrauen ihm. Nun ist er der Coach, und wenn es nötig sein wird, wisst ihr ja alle, wer die üblichen Verdächtigen sind." Prokhorov ist ein smarter Mann, er weiss natürlich Bescheid um Carlesimos magere 204-296 Bilanz als Cheftrainer und seine verheerenden letzten Stops in Golden State und Seattle/OKC (nur 67-187 Siege). "Die üblichen Verdächtigen", das sind Namen wie Phil Jackson, die van Gundy Brüder, Jerry Sloan, Larry Brown, Nate McMillan und Mike Dunleavy, aber auch wohlgediente Assistenten wie Brian Shaw, Calvin Sampson oder Patrick Ewing, die sicherlich kontaktiert werden. Wie auch immer sich die Nets entscheiden, Prokhorov wird das entscheidende Wort im Selektionsprozess haben. Die notwendigen Penunzen in der Hinterhand, um einen grossen Namen ins Barclays Center zu locken, hat der Russe sowieso. Den aggressiven Fünf-Jahres-Plan immer im Blick, wird er sich von nichts und niemandem von seinen hohen Zielen abbringen lassen. "Es ist noch recht früh in der Saison", stellt Prokhorov zum Abschluss fest. "Die Erwartungen sind nicht besonders hoch. Nur die Meisterschaft, nicht mehr. Wir sind ja alle menschlich..."