29 Januar 2012

Illy Philly Funk


Text: Onur Alagöz
Design: NBACHEF



Sieht man sich die Tabelle der Atlantic Division an, bekommt man einen mittelschweren Schock: nicht Boston, nicht New York, sondern Philadelphia hat es sich auf Platz 1 gemütlich gemacht.

Die junge Truppe um Trainerfuchs Doug Collins überrascht diese Saison in allen Belangen. Um die Gründe für den Erfolg zu finden, muss man kein Raketenwissenschaftler sein. Ein kleiner Blick auf die Statistik reicht aus: die Mannschaft aus der Stadt der brüderlichen Liebe steht im Offensivrating ligaweit auf Platz 5 (mit hervorragenden 105,3 Punkten pro 100 Angriffen). Obligatorische Lethargie am anderen Ende des Courts, was symptomatisch für eine so junge Gruppe ist? Fehlanzeige. Die 76ers verteidigen ausgezeichnet und belegen im Defensivrating den ersten Platz, sogar vor Chicago, mit nur 92,3 erlaubten Punkten pro 100 Ballbesitze.

Zieht man den Statistikguru John Hollinger zu Rat, so muss man sich die Differenz dieser beiden Werte näher ansehen. Laut Hollinger ist dieser Koeffizient nämlich der beste Indikator für Erfolg in den Playoffs. Et voila: 13 Punkte Unterschied, NBA-Spitzenwert. Ergo müssten die Sixers in der Endrunde der Saison ja durchaus einen tiefen Run hinlegen, oder? Nicht so voreilig...

Die Bilanz ist im Moment noch vielversprechend: 14 Siege bei nur 6 Niederlagen konnte man einfahren. Zu Hause im Wells Fargo Center musste man erst zwei mal gebückten Hauptes vom Parkett gehen (bei 10 Siegen). Coach Collins hat es geschafft, der Truppe eine Identität zu verpassen, die nicht darin besteht, 1-gegen-1-Orgien zu feiern oder das ganze Spielsystem auf einen Scorer auszurichten. 7 Spieler erzielen mehr als 10 Punkte pro Spiel, der Ball läuft wie an einer Schnur durch die eigenen Reihen. Vom Big Man bis zum Point Guard, jeder spielt den Extrapass, um den Mitspielern das Punkten leichter zu machen. Die Mannschaft ist gegenwärtig ein Musterbeispiel für Teamwork und –chemie.

Die kollektive Klasse macht im Augenblick auch noch individuelle Spitzenleistungen obsolet. Keiner muss in den Ragemodus verfallen und 35 Mal pro Spiel auf den Korb werfen. Der Topscorer Lou Williams netzt für nur 15,7 Punkte pro Spiel ein – als Sixth Man. Kein Sixer wirft mehr als 13,6 Mal pro Spiel, das Team ist geduldig und vor allem diszipliniert. Die heranwachsende Mannschaft (Durchschnittsalter 25 Jahre) weiß, was sie kann, was sie will und vor allem, wer was zu tun hat.

Dennoch: ein tiefer Run in den Playoffs scheint unwahrscheinlich. (Leider) befinden wir uns in der NBA anno 2012 – 'where Star Ansammlungen happens'. Kein Team hat es in den letzten 20 Jahren geschafft, eine Meisterschaft zu gewinnen, ohne dabei einen echten All-NBA-Spieler in den eigenen Reihen zu wissen. Einzige Ausnahme: 2004, als die Detroit Pistons völlig überraschend die Los Angeles Lakers bezwangen.

Wer würde denn bei Philadelphia auf’s Gaspedal drücken, wenn man gegen eine überlegene Verteidigung antritt wie in Chicago oder Miami? Was tut man gegen ein ebenso starkes Kollektiv á la Denver und Portland? Fehlt nicht auch die Erfahrung, die Teams wie L.A. und Dallas auszeichnen? Und welcher Sixer soll die individuelle Klasse der Knicks oder Thunder stoppen?

Man wird es schwer haben, in einer 7-Spiele-Serie vier Siege zu holen, egal, wie gut die Mannschaft zusammenspielt. In der NBA von heute gewinnt man die großen Pokale eben nur mit Starpower. Und einen richtig schillernden Stern in der Mannschaft der 76ers auszumachen, fällt schwer.

Jrue Holiday ist eines der größten Aufbautalente der NBA. Groß, athletisch, ein sicherer Schütze, besitzt ein gutes Auge für den Mitspieler und ist ein unterbewerteter Verteidiger. Der blutjunge PG (21 Jahre alt) hat Starpotenzial, das allerdings noch die ein oder andere Saison schlummern wird, ehe er sich in die Riege der Elitespieler einreihen kann. Man verfügt über erfahrene Big Men wie Elton Brand (32) und Tony Battie (35), deren Veteranentum in der Umkleidekabine maßgeblichen Einfluss auf die professionelle Einstellung der Youngsters hat. Aber Stars? Brand war vielleicht mal einer, zu seiner Clipperszeit, vor seiner Verletzung. Das ist allerdings schon 5 Jahre her und seitdem hat Gevatter Zeit Spuren hinterlassen. Andre Igoudala ist das Allzweckmesser im Team. Der 28-jährige Musterathlet springt, verteidigt, punktet, assistiert, blockt, stealt und bäckt zwischendurch Kuchen und wäscht die Autos der Mannschaftskollegen. Das alles macht er gut, jedoch sticht nichts hervor. Der sympathische Kerl und eigentliche Gewinner des 2006er Dunk Contests wurde immer für einen Star gehalten, hat den Durchbruch aber nie richtig geschafft. „Baby LeBron“ füllt zwar den Statistikbogen Nacht für Nacht, ihm fehlt aber dieses gewisse Etwas, das einen richtigen Star ausmacht. Also weitersuchen. Lou Williams (25) ist der Funken von der Bank, der dem Team eine für den Gegner ganz unangenehme Dimension verleiht. In den letztjährigen Playoffs gegen die Heat konnte Lou seine Scorermentalität und –fähigkeit unter Beweis stellen. Seit seiner Rookiesaison '05-06 steigerte sich sein Punkteschnitt jedes Jahr, auf mittlerweile 15,7 pro Partie. Williams ist eigentlich ein Off Guard, für diese Position aber einen Tick zu klein. Athletik und einen weichen Jumper bringt er mit, in der Defensive mangelt es aber noch ein wenig. Evan Turner, Spencer Hawes, Jodie Meeks, Andres Nocioni und Thaddeus Young sind durch die Bank absolut solide Rollenspieler, aber von Stardom weit weit entfernt.

Wie wird die Saison also insgesamt verlaufen? Mit etwas Glück sollte der 4. Platz im Osten drin sein. Coach Doug Collins – dessen Assistenztrainer in Chicago übrigens ein gewisser Phil Jackson war – wird sein Team fokussiert und konzentriert auf die kurze und harte Saison halten. Der Luxus, jeden Abend einem anderen Spieler die Verantwortung übergeben zu können, ist hier noch Gold wert.

In den Playoffs wird dies allerdings nicht zu mehr reichen als ein bis drei Siegen in der ersten Runde. Die zweite Runde? Unwahrscheinlich. Zu dicht ist die Spitze im Osten, zu viel Potenzial haben die älteren Mannschaften, zu wenig Erfahrung die eigene. Gegen Miami, Chicago und Atlanta können die Fähigkeiten nicht reichen. Boston und Orlando sind abgezockter, auch hier wird ein Seriensieg schwer.

Der Reifeprozess ist in vollem Gange und was dort im Nordosten der USA aufgebaut wurde, lässt jedem Puristen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Schafft man es noch ganz konform einen richtigen Star in die heimischen Trikotfarben zu locken, so sieht die Zukunft sehr rosig aus. Bis dahin wird es aber wohl noch ein paar Jährchen dauern. Der Weg ist bekanntlich gepflastert mit Enttäuschungen. Dennoch - Philadelphia kann der bevorstehenden Zeit endlich mal wieder entspannt entgegen blicken. Es macht Spaß, den Sixers beim erwachsen werden zuzusehen.

7 Kommentare:

Sehr schöner Bericht Onur!
Bin aber was die Playoffs angeht anderer Meinung. Gut, Miami oder Chicago werden nicht zu knacken sein, dafür sind diese zwei Teams einfach zu gut. Jedoch sehe ich Teams wie Atlanta, Orlando, NYK oder Boston als absolut schlagbar. Erfahrung ist ja schön und gut, die Qualität für ein Weiterkommen, muss dennoch trotzdem vorhanden sein. Und genau diese ist im Osten zur Zeit nur geringfügig vorhanden. Boston und NY müssen gucken, dass man in der ersten Runde nicht auf Miami/Chicago trifft, Orlando fällt in den letzten Spielen so ziemlich auseinander (hinzu kommt der mögliche Howard-Trade) und die Falken sind meiner Meinung nach auf ähnlichem Niveau. Der Faktor Defense ist, wie du schon erwähnt hast, der Grund warum die 76ers, meiner Meinung nach, die erste Runde überstehen werden. Man hat sich in den letzten Playoffs gegen die Heat ordentlich präsentiert und ich hatte nicht den Endruck, dass der Scorer im Team gefehlt hat, sondern, dass man der Power von LeBron und D-Wade defensiv nichts entgegen zu setzen hatte.
Recht hast du aber, es macht echt Spaß den Jungs beim erwachsen werden zuzusehen ;)

"Und welcher Sixer soll die individuelle Klasse der Knicks oder Thunder stoppen?"... Also Oklahoma geht ja klar, aber gegen New York muss der Gegner doch nur aufpassen, dass er nicht in die Scherben tritt. Leider...

@East: Die Knicks kommen zum Glück nicht in die Playoffs, damüssen die die Sixers nicht anstrengen :D

Toller Bericht. Es freut mich natürlich sehr, mal was über die 76ers zu lesen!

Im Großen und Ganzen hat der Text Hand und Fuß, gut gemacht.
Aber in Sachen POs sehe ich es auch nicht so düster und eher so wie Eastwood.
Man kann in der ersten PO-Runde Heimvorteil haben (der Divisionsieg ist sehr gut möglich) und geht somit schonmal den Heat und Bulls aus dem Weg. Wenn man dann nicht direkt auf Boston trifft, kann man jedes Team schlagen und eine Runde weiter kommen. Die Stärken der 76ers, v.a. die Defense, sind in den POs sowieso Gold wert. Und die Offense lebt von dem guten Ball-Movement mehr als von den Fastbreak-Points. Und da sehe ich auch Vorteile.

Aber wie auch immer das ausgeht, in Philly wächst was zusammen und es macht wahnsinnig Spaß, die Spiele zu sehen. Die sollen sich dort in Ruhe entwickeln (Jrue, Turner, Young). Der Backcourt und die SF-Position sind klasse doppelt besetzt und könnten über Jahre so zusammenspielen. Dann in Zukunft Brand loswerden und noch irgendwie einen Big Man verpflichten.

@Eastwood und Poohdini:

Ihr könnt natürlich Recht haben, im Augenblick ist das aus meiner Sicht nur Mutmaßung und vorsichtige Einschätzung. Mich würde es natürlich ungemein freuen, die Sixers in der zweiten Runde zu sehen. Boston kann mit der Athletik nicht mithalten, die Knicks nicht mit der Teamstruktur. Atlanta besitzt beides, kann dies aber oft nicht richtig umsetzen. Schlagbar ist jeder für die Sixers, gegen Chi-Town und Miami wird's aber natürlich schwer.

Danke für das Lob!

@Anonym: "Individuelle Klasse" liest sich bei den Knicks als "fitter, motivierter Carmelo Anthony". Da der momentan aber wenig bringt, kannst du natürlich Recht haben.

@Anonym: "...aber gegen New York muss der Gegner doch nur aufpassen, dass er nicht in die Scherben tritt."
Made my day! :D :D :D

Klasse Artikel! Ich als Sixers-Fan kann dem ganzen kaum etwas hinzufügen. Allerdings muss ich mich Poohdini anschließen, was die PO angeht... mit mindestens Platz 4 im Osten, und der ist durchaus realistisch, kann man mit der eigenen Heimstärke sicherlich in die zweite Runde einziehen gegen Hawks oder vielleicht die Pacers.

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