12 Juni 2011



Nein, ich bin kein Mavericks-Fan. Nur ein simpler, unvoreingenommener Basketball-Liebhaber. Aber diese Story scheint fast zu gut, um wirklich wahr zu sein. Wie ein kitschiger Hollywood-Streifen mit perfektem Happy-Ending für "die Guten" in dieser Geschichte. Ein Haufen alter, eigentlich verbrauchter Basketball-Veteranen, von denen noch kein einziger jemals in den Genuss eines Titels gekommen war, gewinnt die NBA-Meisterschaft. Ein Verbund, ohne einen einzigen überragenden Athleten, ohne überragende Point-Guards, Schützen, Rebounder oder Low-Post Spieler, reckt zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte die Larry O'Brien Trophäe in den Himmel. Und macht sich dabei unsterblich als echtes Team, in dem die Summe der einzelnen Bausteine stets viel beeindruckender wirkte als die einzelnen Bausteine selbst. 

Es ist vor allem ein Triumph des Kollektivs über das Individuum, über die arrogante, selbstverliebte Startruppe aus Miami, die sich mit jener vorschnellen und komplett überzogenen Selbstkrönungszeremonie vor der Saison den Hass der gesamten Basketballwelt zuzieht - zurecht - und letztendlich an der eigenen Arroganz und individuellen Klasse erstickt. Was einmal mehr beweist: Basketball ist und bleibt ein Teamsport. 

Da verfehlt ein in den ersten fünf Final-Partien überragender Dirk Nowitzki 11 seiner ersten 12 (und 17 der ersten 21) Wurfversuche in Spiel 6, und Dallas geht trotzdem mit 12 Punkten in Führung. Angeführt vom furchtlosen, dauerquasselnden Jason Terry, der nun seinen Termin beim Tattoo-Entferner getrost absagen kann, liessen die Mavericks schon früh erahnen, wohin sich auch Spiel 6 entwickeln würde. Der 'JET' war auf Anhieb on fire, erzielte insgesamt 27 Punkte und schulterte die offensive Verantwortung, als es beim langen Deutschen nicht so gut lief. Deshawn Stevenson - der nun einen Ring mehr besitzt als sein Todfeind Lebron James - klatschte vor der Pause drei Dreier in Folge und hielt Miami so auf Distanz. JJ Barea (15 Pts) riss die so oft gelobte Heat-Defensive vor allem im zweiten Abschnitt durch furchtlose Drives zum Korb auseinander. 

Jason Kidd und Shawn Marion wechselten sich bei der Verteidigung von Wade und James ab - und neutralisierten zwei der fünf besten Spieler der Liga dank einer faszinierenden Mischung aus Mann-gegen-Mann Defense, Traps und kollektiven Zonensets. Brian 'Der Verwalter' Cardinal teilte wie gewohnt mächtig aus und beflügelte sein Team durch seinen harten, bedingungslosen Einsatz - trotz Null komma Null spielerischem Talent. Man kann rückblickend festhalten, dass Tyson Chandler wohl der Unterschied zwischen einem weiteren Mavericks-Aus in Runde 1 und dem Pott in dieser Saison ist. Die Defensive und Intensität des Neuzugangs unter den Brettern war für Erfolg maßgeblich mitverantwortlich. Mavs-Coach Rick Carlisle, einer von nur 11 Akteuren in der NBA-Historie, der nun sowohl als Spieler (1986 Celtics) als auch Coach einen Titel gewonnen hat, spielte in dieser Serie wie ein Piano-Virtuose zu jedem Zeitpunkt die richtige Personal- und/oder Taktik-Taste. 

Sein Gegenüber Erik Spoelstra zahlte Lehrgeld an der Seitenlinie. Alle sprechen über die oft explosive Offensive der Mavs, vergessen dabei aber die phasenweise überragende und alles erstickende Defensive der Pferdchen, die von Assistant Coach Dwane Casey (der hoffentlich in diesem Herbst endlich eine Chefanstellung bei einem Team erhalten wird) in diesem Jahr auf Championship-Niveau gepimpt wurde. Mit der Zone kam keiner der vier Mavs-Playoff-Gegner in diesem Frühjahr zurecht - weder Portland, noch Los Angeles, Oklahoma City oder Miami. 

Und zuguterletzt Dirk. Immer wieder Dirk. 13 lange, beschwerliche Profisaisons, nachdem er als Rookie in der besten Liga der Welt gehörig den Arsch versohlt bekam ("Das Spiel war damals viel zu schnell für mich") und 5 Jahre nach der bis heute niederschmetternden Finalniederlage gegen eben diese Miami Heat, ist der beste deutsche Sportexport im Basketballolymp angekommen. Sein sportlicher Lebenslauf ist nun komplett. 10-fach All-Star. Multiple All-NBA Selections. Most Valuable Player. Finals-MVP. Nur 10 Spielern vor ihm (Jordan, Magic, Bird, Chamberlain, Abdul-Jabbar, Olajuwon, Moses Malone, Duncan, Kobe, Shaq) wurde jemals diese Ehre zuteil. Man muss nun über Nowitzki als Top-20 All-Timer diskutieren - da führt durch den Titel nun kein Weg mehr daran vorbei. "Es war so hart, nach 2006 überhaupt wieder hierher zu gelangen, sich eine zweite Chance zu erarbeiten. Es hat immer etwas gefehlt. Darum fühlt sich der Sieg heute so wundervoll, so extra besonders an. Das Gefühl, Teil des besten Basketballteams der Welt zu sein, ist unbeschreiblich. Wir haben als Mannschaft gewonnen, als Team, das seine Ziele zusammen erreicht hat. Mit harter Arbeit und Erfahrung haben wir unsere Ziel erreicht. Unglaublich..." 

Nowitzki ahmte auch in Spiel 6 jenen phasenweise unsichtbaren, aber letzten Endes (in Cruch Time) tödlichen Basketball-Ninja nach, den er uns in den letzten Wochen, aber vor allem in den Finals, ein ums andere Mal präsentiert hatte. Er feuerte ein paar Wurfsterne ab, erzielte 18 seiner 21 Punkte in der zweiten Halbzeit eines Entscheidungsspiels - davon 10 im letzten Viertel - und begrub die Miami Heat damit bei lebendigem Leibe. Danach verschwand er urplötzlich ("Ich musste einen Moment für mich alleine haben, es war ein sehr emotionaler Moment"), bevor er später dann doch ausgelassen mit seinem Teamkameraden feierte. Wie 'clutch-ig' der Würzburger in dieser Finalserie war? Der lange Blonde erzielte in den Schlußvierteln aller 6 Partien insgesamt 62 Zähler - bei 51% aus dem Feld (18-35) und 100% von der Linie (24-24). 62 Punkte, so viele wie Lebron James und Dwyane Wade zusammen genommen. 

Man wird Nowitzki nun nicht mehr länger in einem Atemzug nennen mit Spielern wie Barkley, Ewing, Malone oder Stockton als Hall of Famer, die nie einen Ring gewinnen konnten. Die 'Zu Nett, zu Soft' Etikette: sie ist weg! Für immer. Nowitzki hat endlich seinen Ring. Ebenso wie Kidd, Terry, Marion, Chandler oder Stojakovic. Keiner von ihnen hat jemals in seiner Karriere eine Abkürzung genommen, keiner hat Superteams kreiiert, sie alle mussten den langen, den beschwerlichen, den einzig richtigen Weg zum Titel gehen. Wir alle hatten die Mavericks gehörig unterschätzt, vor der Saison, vor den Playoffs, wahrscheinlich auch noch während dieser Postseason. Ich wohl am meisten. Das Team von Mark Cuban aber hat in diesem Jahr gezeigt, dass sich Langatmigkeit, harte Arbeit und der Glaube an sich Selbst (Terry's Tattoo) eben doch auszahlen können. 

Im Nachhinein macht alles so viel Sinn. Die Mavericks waren schlicht und ergreifend das beste Team von November bis Juni. Es ist schön, dass die diesjährigen Playoffs uns soviel Hollywood-reifen Stoff (in Form einer echten Wohlfühlgeschichte) für die nächsten Wochen und Monate beschert haben. Obwohl uns die Wettervorhersage dunkle Lockout-Wolken am NBA-Firmament prophezeit, glaube ich selbst nicht an einen längerfristigen Arbeitskampf und Spielabsagen ab November. Statt dessen sollten wir alle den süssen Nachgeschmack dieser prachtvollen Spielzeit noch eine Weile geniessen, bevor es im Spätherbst dann weiter geht mit der NBA. Die Dallas Mavericks, Basketball Champions of the World 2010/2011. Definitiv Karma!