30 Juni 2011




New York. Die Repräsentanten der NBA-Spielergewerkschaft trafen sich am heutigen Donnerstag ein allerletztes Mal (natürlich vergeblich) mit den Teambesitzern, bevor pünktlich um Mitternacht der aktuell gültige Tarifvertrag zwischen beiden Parteien ablief. Was jetzt passiert, bahnte sich schon seit knapp zwei Jahren an und war so wohl auch absehbar: es wird gestreikt. Genauer gesagt: die Besitzer sperren die Spieler aus. Wie geht's jetzt weiter ? Ist damit jetzt sicher gestellt, dass die gesamte nächste NBA-Saison ins Wasser fällt ?

Im Klartext heisst das alles zunächst einmal, dass alle alltäglichen, geschäftlichen Angelenheiten auf unbestimmte Zeit ruhen müssen. Die Spieler dürfen die Sportstätten ihrer Clubs nicht mehr betreten. Es dürfen keine Trades abgewickelt, keine Free Agents unter Vertrag genommen und keinerlei Gespräche geführt werden. Jegliche Kommunikation zwischen Teams und Spielern ist strikt untersagt - das geht soweit, dass sogar Agenten, Verwandte und Freunde der Profis unter dieses Moratorium fallen.

Bevor man aber in den nächsten Tagen und Wochen (und Monaten) den ganz grossen Teufel an die Wand malt, sollte man sich den Status Quo nochmals vergegenwärtigen: es ist erst Anfang Juli - also noch genügend Zeit, ehe Ende Oktober normalerweise die neue Saison beginnt. Ausserdem kann man sich in den NBA-Geschichtsbüchern schlau machen, wie solche Patt-Situationen am effektivsten zu lösen sind. In ähnlichen Bredouillen befand man sich nämlich (ganz nüchtern betrachtet) bereits 1995, 1996, 1998 und 2005. Vor 16 Jahren konnte man sich erst nach drei Monaten Dauerverhandlungen auf einen neuen Deal einigen - der wurde dann ein Jahr später nach wenigen Stunden Aussperrung nochmals ratifiziert. Im Jahr 2005 dauerte es sogar nur einen Monat, ehe man am 30. Juli die Eckpunkte eines neuen CBA niedergehämmert hatte. In allen drei Fällen gab es keine dramatischen Folgen, was Trainingscamps, Preseason und den Start der regulären Saison anging. Nur 1998 hängt immer noch wie eine dunkle, schwarze Riesenwolke aus Wulkanasche über der Liga. Damals fielen bekanntermaßen 32 Partien dem Arbeitskampf zum Opfer. Erst am 6. Januar - nur einen Tag vor dem Stichtag, der die Absage der kompletten Saison bedeutet hätte - einigte sich die Spielergewerkschaft NBPA mit den Besitzern auf einen neuen Tarifvertrag.

Die Gefahr, dass es in diesem Jahr auf einen ähnlich langen und kräftezehrenden Tarifstreit hinausläuft, ist natürlich real. Viele Skeptiker gehen davon aus, dass mindestens ein Drittel der Saison ins Wasser fällt - wie schon 1998/99. Einige sprechen sogar davon, dass die ganze Saison oder sogar zwei abgesagt werden müssen. Zentraler Streitpunkt ist natürlich mal wieder die Kohle. Es geht immer nur um die Moneten. Wie soll der Geldkuchen in Zukunft also aufgeteilt werden ? Das heute abgelaufene Modell schrieb einen 57/43 Split der gesamten Ligaeinnahmen vor - 57 Prozent an die Spieler, 43 Prozent an die Besitzer/Teams. Bei einem BRI (Basketball Related Income) von knapp 3.8 Milliarden Dollar in der abgelaufenen Saison macht das in etwa 2.17 Milliarden an Spielergehältern. Die National Basketball Association hat in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen, dass sie mehrere Hundert Millionen Dollar (ca. 300) pro Jahr Miese macht - woran ausschließlich das aktuelle Modell Schuld sei, dass den Kuchen ungerecht verteilt. 22 der insgesamt 30 Teams wären dank roter Zahlen nicht mehr lange finanziell tragbar, so die Teambesitzer. Ob die Verluste tatsächlich so hoch sind, wie es die Liga immer glauben lassen will ? Das sei einfach mal so dahin gestellt, denn auch hier gibt es wie immer zwei Seiten der Medaille. Die NBPA zweifelt selbstredend am Ammenmärchen von der mangelnden Profitabilität. Sie verweist auf die höchsten Einnahmen der Geschichte, mehr verkaufte Dauerkarten als je zuvor, einen gestiegenen Merchandise-Umsatz und die astronomischen TV-Boni der letzten Jahre. Man werde zwar einige Zugeständnisse machen - also im Klartext auch Geld zurück geben müssen. Aber im Prinzip möge bitte alles so bleiben, wie es ist.

Die Teambesitzer sehen es freilich genau anders herum: das Modell ist kaputt. Sie wollen nicht nur keine Verluste schreiben, sie wollen Reingewinn machen. Ihre ursprünglichen Forderungen beliefen sich auf eine Verringerung der Gehälter um 30 Prozent (eine Einsparung von ca. 700 Millionen Dollar pro Jahr), einen harten 45 Millionen $ Salary Cap, eine Verkürzung der Vertragslaufzeiten und allgemein weniger garantierte Spielerverträge. Sie wollen gleiche Spielbedingungen und Zukunftsfähigkeit für alle 30 Vereine und sind bereit, dafür bis zum Äussersten zu gehen. Obwohl sie im Laufe der letzten Wochen bereits mehrere Zusagen gemacht haben - ein weicher Salary Cap, keine harten Einsparungen in den ersten Jahren des neuen Deals, Vertragsgarantien - bleiben sie im wichtigsten Punkt der Verhandlungen knallhart: das BRI muss in Zukunft gleichermaßen aufgeteilt werden. 50/50 also. Im Notfall bleibt man auf dem eigenen Arsch Standpunkt sitzen, bis Spiele oder sogar eine komplette Saison abgesagt werden müssen. Das käme den Besitzern sogar gelegen, denn im Gegensatz zu den Spielern verlieren Erstere während eines Lockouts kein Geld. Die Profis im Prinzip zwar schon - ab Mitte November dann, wenn die ersten Gehaltsschecks ausstehen. Aber seien wir ehrlich: die haben jetzt schon genug für mehrere Leben/Familiengenerationen gebunkert.

Obwohl für die kommenden Monate weitere Gesprächsrunden zwischen der Liga und der NBPA geplant sind, werden zunächst einmal beide Seiten sturköpfig in ihren Ecken verharren. Die jeweiligen Standpunkte sind noch meilenweit - also Hunderte von Millionen von Dollar - voneinander entfernt. Natürlich lassen sich beide nachvollziehen. Die Besitzer beklagen die Unsummen, die jeder noch so durchschnittliche Bankdrücker heutzutage verdient, und die in keinerlei Relation zu den veränderten finanziellen Bedingungen unserer Zeit mehr stehen. Mehr als 5 Millionen Dollar Verdienst pro Jahr im Durchschnitt für ein Spiel, das James Naismith ursprünglich für Kinder erfunden hatte, sind ganz eindeutig ein paar Millionen zuviel. Ebenso wie das Wettrüsten an der Spitze der Liga, das aus der NBA ein Abbild unserer Gesellschaft gemacht hat: die Reichen werden jedes Jahr reicher (Lakers, Mavs, Knicks), die Armen müssen betteln gehen, um über die Runden zu kommen (Hornets, Kings). Die Spieler jedoch sind letzen Endes das Produkt, das die Zuschauer in die Hallen lockt, und müssen daher vom Kuchen auch in Zukunft mehr abbekommen als die Teams. Nirgendwo steht geschrieben, dass jeder NBA-Club ein profitables Business-Unternehmen zu sein hat. Für die steinreichen Mark Cubans, Paul Allens und Mikhail Prokhorovs dieser Welt ist der Besitz eines (oder gleich mehrerer) Profiteams ohnehin nur ein Hobby. Einige Owner können mit dieser Tatsache pflichtbewusst umgehen, andere setzen mit stupiden Spielerverträgen und fragwürdigen Personalentscheidungen massenweise Geld in den Sand. Diese Inkompetenz auf Kosten der Spieler ausgleichen zu wollen, ist feige und verantwortungslos.

Eigentlich liegt die Lösung doch so nah'. Das Modell NBA funktioniert im Prinzip gut. Es müssten nur hier und da einige Feinjustierungen vorgenommen, mitnichten also das gesamte System verändert werden. Durch die könnte man etwaige Schwächen ausmerzen (für mich: zu hohe Gehälter, zu viele Ausnahmeregelungen beim Salary Cap, und dadurch vermehrt ein mangelndes Gleichgewicht innerhalb der Liga). Die Spieler müssten dazu den Teambesitzern ein wenig mehr entgegen kommen, als nur bis zu 54,3 Prozent Eigenanteil am BRI herunter zu gehen. Die Besitzer dürfen nicht hartnäckig darauf bestehen, mit einem Schlag (also schon nächste Saison) alle finanziellen Engpässe der 22 Mannschaften, die Verluste schreiben, überbrückt zu haben. Der NBA Salary-Experte Larry Coon und CBS-Sportjournalist Ken Berger haben kalkuliert, dass eine 52/48 Aufteilung bereits in drei Jahren alle erwünschten Effekte herbei gewirkt hätte: knapp 300 Millionen Dollar Mehreinnahmen für die NBA-Teams, und Spielergehälter, die dank einer jährlichen Liga-Wachstumsrate von 4% nur knapp unter dem heutigen Niveau angelangt wären - was auch dann ja wohl immer noch zum Überleben reichen müsste. Ein wenig Geduld hier, ein wenig Zurückgeben da - und der Graben, der heute noch so unüberbrückbar erscheint, er wäre überbrückt.

Ich war und bin immer noch davon überzeugt, dass sich sowohl die Liga als auch die Spielergewerkschaft der ernsten Lage absolut bewusst sind. Auch wenn im Moment noch die Dringlichkeit fehlt, um unbedingt jetzt einen neuen Tarifvertrag heraus hämmern zu müssen - die Sommermonate verlaufen traditionell eher ruhig in der besten Liga der Welt - so bin ich sicher, dass beide Seiten sich schlussendlich noch in diesem Jahr (September/Oktober) an einen Tisch setzen werden, um die neue Saison 2011/12 startklar zu machen.