09 Juni 2011



Hätte vor Spiel 5 jemand den Miami Heat gesagt, dass sie 53% aus dem Feld werfen und 10 Rebounds mehr einsammeln würden als der Gegner, Lebron James ein Triple Double auflegen, Chris Bosh 19 und 10 abliefern, Dwyane Wade Topscorer mit 23 werden und die Ersatzbank stolze 40 Punkte beitragen würde, der Eastern Conference Champ hätte seine Chancen auf einen vermutlich vorentscheidenden Sieg in gewohnt bescheidener Manier sehr, sehr, sehr, oder achtfach sehr hoch eingeschätzt.

Die Gäste führten 4:22 vor Schluss auch noch mit 99-95. Am Ende kackt aber bekanntlich die Ente, und da war Dallas - einmal mehr in dieser jetzt schon klassischen Finalserie - das abgezocktere und toughere Team. Dirk Nowitzki, Topscorer der Partie mit insgesamt 29 Zählern, erwarf derer 8 im letzten Spielabschnitt. Unterstützt wurde der lange Deutsche in der Crunch Time diesmal von seinem Teamkollegen "mit der grossen Schnauze" Jason Terry (21 Pts, 6 Ast) und dem alten Mann Jason Kidd (13 Pts, 6 Ast). Insgesamt erzielte das Closer-Komitee der Mavericks alle Zähler beim entscheidenden 17-4 Endspurt der Pferdchen, die durch den 112-103 Sieg nun knapp vor der Realisierung ihres ganz grossen Championship-Traums stehen. Das hatten noch vor Monaten nur die blauäugigsten Fans und Terry's rechter Oberarm für möglich gehalten.

Obwohl die Historie nun ganz klar die Mavericks favorisiert (bisher gewannen in 19 von 26 Finalserien die Sieger einer 5. Partie nach vorherigem 2-2 auch die Serie), bleiben die Texaner aber auf dem Teppich. Geerdet, wie sowohl Rick Carlisle als auch seine Protagonisten nach dem Spiel betonten: "Wir sind ein old-school Team, operieren auf dem Boden, und genauso denken wir auch. Nur das nächste Spiel zählt", so der Coach. Sowohl Nowitzki als auch Terry sind sich der Bedeutung von Spiel 6, das am Sonntag stattfindet, bewusst: "Wir dürfen diesem Heat Team keine Hoffnung geben und müssen so spielen, als gäbe es kein Morgen mehr. Spiel 6 ist unser Spiel 7. Alles oder nichts."

Alles oder nichts, das hatte man im Vorfeld dieser Partie auch über die Miami Heat gedichtet. Lebron James persönlich hatte sogar von der "wichtigsten Partie" seiner Basketball-Karriere gesprochen. Am Ende schlich er wieder als Verlierer vom Platz. Vielleicht, aber nur vielleicht, ist die Nummer 6 doch nicht so abgezockt, wie sie es oft glauben machen will. Nur 2 mickrige Pünktchen in den letzten 15 Spielminuten, dafür mehrere Fehlwürfe und Ballverluste. Sein Scoringschnitt in den diesjährigen Finals: 17 PPG. Nowitzki führt nach 5 absolvierten Partien den direkten Vergleich bei den Punkten im vierten Abschnitt an - überdeutlich mit 52-11. Miami lebt ganz klar von Dwyane Wade's aggressiven Nonstop-Drives, ist nach wie vor "sein Team". James' räumte nach dem Spiel ein, dass sein Triple Double "wertlos" sei, da seine Mannschaft nicht gewonnen habe.

Die Südstränder offenbarten altbekannte Schwächen, gerade in Punkto Teamplay, trafen verheerende Entscheidungen in der Cruch-Time und fanden in der Abwehr keine Antwort für die Mavericks, die mit 13 erfolgreichen Dreiern bei 19 Versuchen förmlich explodierten. Es war der längst fällige Offensivausbruch der Western Conference Champs, die den NBA-Rekord für die meisten Treffer von Tief in einem Finalspiel (14) nur knapp verpassten und dabei die höchste Team-Trefferquote einer Halbzeit in diesen Playoffs aufstellten (66% aus dem Feld, 71% Dreier). Zwar hat Miami im 6. (und einem potentiell 7.) Spiel den eigentlich so wichtigen Heimvorteil. Problem aber für die Heat: Dallas hat in dieser Postseason schon 6 seiner insgesamt 9 Auswärtsspiele gewonnen und spielt in fremden Hallen fast besser als daheim. Fünf Jahre nach dem so schmerzhaften Finalflop gegen dieselben Miami Heat von Pat Riley und Dwyane Wade ist Dirk mit seiner Pferde-Herde plötzlich nur noch 48 erfolgreiche Minuten vom Titel entfernt...