01 Mai 2011




Den Memphis Grizzlies blieben nach dem grössten Erfolg in der Franchise-Geschichte nur wenige Stunden Zeit, um den sportlichen Meilestein angemessen zu zelebrieren: schon zwei Tage nach dem sensationellen 4-2 Triumph über die San Antonio Spurs eröffnen die Bären ab heute das Conference Halbfinale gegen die Oklahoma City Thunder. Jene erreichten ebenfalls zum ersten Mal seit ihrem Umzug in den mittleren Westen die 2. Playoffrunde. Beide Teams sind jung (kein Starter älter als 29), schnell, talentiert und hungrig. Diese Serie wird uns sowohl hochklassigen, spannenden Basketball liefern als auch die bevorstehende Wachablösung an der Spitze der Western Conference artikulieren.

Memphis besiegte nicht nur die an Nummer 1 gesetzten San Antonio Spurs, sondern führte die alten Herren über weite Strecken regelrecht vor. Angeführt von einem bombastisch aufgelegten Zach Randolph, der seine exzellente reguläre Saisonleistung (20.1 PPG/12.2 RPG) in die Postseason mitnahm, gewannen die Grizzlies ihre erste Playoff-Serie überhaupt. Das Upset war gleichzeitig der erst zweite Triumph einer Nummer 8 gegen eine Nummer 1 in einer Best-of-7 Serie. "Sie waren grösser, athletischer und stärker als wir", erkannte Spurs-Coach Gregg Popovich nach dem Duell neidlos an. "Wir hatten grosse Probleme, gegen ihre Defensive zu scoren. Ich ziehe den Hut."

Neben Randolph hat sich Tony Allen etwas überraschend zum wohl zweitwichtigsten Grizzly gemausert. Der ehemalige Boston Celtic nahm die Herausforderung nach dem Ausfall des etatmässigen Starters Rudy Gay an und gibt seinem Team seither Abend für Abend einen elitären Verteidiger auf dem Perimeter (bester Nicht-Center/Power Forward im DPOY Voting), der regelmässig den besten Scorer des Gegner checkt. Gleichzeitig übernimmt Allen auch vorne Verwantwortung und infiziert mit seiner Aggressivität und seiner All-Out Mentalität den Rest des Teams. Während der regulären Saison kam Allen gegen OKC auf 18.8 Punkte pro Partie. Man darf eine starke Serie vom Shooting Guard erwarten. Ansonsten werden die Bärchen vor allem unter dem Korb versuchen, ihre Stärke auszuspielen (Randolph/Gasol).

Obwohl das Duell weitestgehend ausgeglichen ist, verfügt Oklahoma City auf der Small Forward Position über eine Atomwaffe, die Memphis nicht besitzt: Kevin Durant. Die Scoring-Maschine dominierte Denver in Runde 1 mit durchschnittlich 32.4 PPG und zementierte seine Position als bester und vielseitigster Punktesammler der Liga. Memphis wird (vergeblich) versuchen, Durant durch harte Defense von Shane Battier, Sam Young und Allen einzudämmen. Da der All-Star aber ein paar neue Go-to-Moves in seinen Repertoire-Rucksack gepackt hat und mittlerweile auch in der Crunch Time nicht zu stoppen ist, sieht's schlecht aus für Memphis. Auch Russell Westbrook hat auf der Point Guard Position körperliche und spielerische Vorteile gegenüber seinem Pendant Mike Conley, der zu klein und zu schwach ist, um mit dem Thunder-Guard mitzuhalten. Allerdings, und da sollte Westbrook zusehen und lernen: Conley spielt immer innerhalb seiner Möglichkeiten. Nie spektakulär, aber solide und bedacht. Im Gegensatz zu Westbrook, der immer noch viel zu oft überdreht (20 Ballverluste gegen Denver) und sich irrtümlicherweise für den besten Spieler des Teams hält, anstatt sein Team da draussen zu lenken. Chill out, Russell !

Die Stärken der Grizzlies unter den Brettern dürften von der langen Thunder-Garde Kendrick Perkins und Sege Ibaka negiert werden. Memphis spielt dank Randolph, einem Elefant im Low Post Porzellanladen, zwar meist dreckiger und intensiver, aber die Länge der Thunder wird ein mitentscheidender Faktor werden. Die Serie wird wohl oder übel in der Zone entschieden, so wie das sein muss in den Playoffs. Die Ersatzbänke sind in etwa auf Augehöhe, ebenso wie die Coaches Scott Brooks und Lionel Hollins, die für ihre jungen Teams jeweils perfekt geeignet sind. Beide Cheftrainer haben es geschafft, ein simples aber erfolgreiches System zu implementieren: den Ball in die Hände der besten Offensivspieler legen (Randolph/Durant) und diese mit einer defensivstarken Einheit flankieren.

Memphis geht zwar übermüdet in diese Serie, zehrt aber vom emotionalen Hoch des Nie-zuvor-Erreichten, das bekanntlich Berge versetzen kann. Schafft es Conley, halbwegs mit Westbrook mitzuhalten und in der Defensive vor ihm zu bleiben, steigen die Chancen der Grizzlies auf den Sieg. Dazu müssen aber auch Randolph/Gasol die Bretter kontrollieren, hüben wie drüben, sowie Durant einigermassen eingedämmt werden (25 PPG oder weniger). Oklahoma City muss versuchen, offensiv ins Laufen zu kommen und das Tempo hoch zu halten. Ibaka und Perkins dürfen nicht in Foulprobleme geraten, was gegen Randolph leichter gesagt als getan ist. Westbrook muss sich auf seine Spielmacher-Qualitäten besinnen, anstatt in jedem zweiten Angriff mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Und die Ersatzbank, allen voran James Harden, muss stark aufspielen, um Durant vorne zu entlasten. Insgesamt also genug Zündstoff für eine epische Serie zwischen "zwei jungen, athletischen Teams, die das nächste Level erreichen wollen" (OJ Mayo). Dank des Heimvorteils, der grösseren Erfahrung und dem besten Spieler in eigenen Reihen dürfte OKC am Ende die Nase vorne haben und ins Conference Finale einziehen.


nbachef meint: 4-2 Oklahoma City