16 Mai 2011



Das bevorstehende, mit Spannung erwartete Western Conference Finale zwischen Dallas und Oklahoma City ? Auf den Punkt gebracht: Drei gegen Vier. Alt gegen Jung. Letzte Chance gegen erste Gehversuche unter der NBA-Elite. Naive Unbekümmertheit gegen Erfahrung und Ausgebufftheit. Die Mavericks (57-25) überwanden in diesem Frühling ihre eigene schmerzhafte Playoff-Vergangenheit und drängen sich seit jenem Debakel in Spiel 4 gegen Portland als wohl seriösester Titelkandidat auf. Vor allem der famose 4-0 Sweep gegen den alten Champion Los Angeles Lakers katapultierte die Vierbeiner endgültig in jede Meisterschaftsfavoriten-Diskussion. Die Thunder (55-27) hingegen machten das, was ich von diesem organisch gewachsenen, nahezu perfekt zusammen gestellten und organisierten Team schon vor der Saison erwartet hatte - sie nahmen ganz einfach den nächsten Schritt auf der Entwicklungsleiter. Nach einem 4-1 gegen die Denver Nuggets wurden die rauflustigen Memphis Grizzlies nach 7 hart umkämpften Spielen (und gefühlten 20 Overtimes) in den wohl verdienten Sommerschlaf geschickt. Nun treffen sich Dallas und OKC zum I-35 Nachbarschaftsduell und dem klassischen "Old Dog vs. Young Buck" Wettstreit. Es wird spektakulär !

Was bisher geschah: Dallas gewann 2 der 3 Partien während der regulären Saison. Erstaunlicherweise konnte in drei Versuchen keine der Heimmannschaften einen Sieg einfahren. Dirk Nowitzki fehlte bei einem der Duelle. Und da das letzte Aufeinandertreffen nun schon fast 5 Monate zurück liegt (6.1.), Dallas seither Peja Stojakovic verpflichtet hat und die Okies dank Neuzugang Kendrick Perkins ein ganz anderes Monster geworden sind, kann man die obige Statistik gleich wieder aus den Köpfen verbannen - das Vorgeplänkel ist in diesem Kontext völlig irrelevant. Erwähnenswert vielleicht noch soviel: die Mavs hatten seit ihrem Triumph gegen die Lakers nun 9 volle Tage Pause - für die alten Beine der Altherrenbande (die fünf besten Playoff-Scorer allesamt über 32 Jahre) die perfekte Ausgangslage. Der Energiebalken ist wieder aufgeladen, und da dieses Team ohnehin eher von seiner zerebralen Spielweise lebt (also mehr Köpfchen als Athletik), wird auch der Rost-Faktor keine allzu grosse Rolle spielen. Dem Donner hingegen mit seinen rastlosen Jungspunden (fünf der besten sechs Scorer 23 oder jünger) kann die nächste Serie nicht schnell genug kommen. In deinen frühen 20ern kannst du einfach keine Pausen gebrauchen (ist beim Sport wie beim Sex), und das emotionale Hoch der besten Saison seit Sonics-Tagen will möglichst nahtlos weiter ausgeritten werden. Die Teams gehen also ideal vorbereitet in den WCF Showdown.

Wer gegen Wen: beide Mannschaften verfügen über die wohl potentesten und effizientesten Scorer der Liga. Das jeweilige defensive Gameplanning wird sich hüben wie drüben um Kevin Durant und Dirk Nowitzki drehen. Der eine gewann in dieser Saison seinen zweiten Scoringtitel in Serie und legte in den Playoffs sogar noch eine Schippe drauf (29 Pts/8 Reb pro Spiel). Der andere punktet in der Postseason mit einer erschreckend-unerbittlichen Leichtigkeit (26.5 PPG), egal ob aus dem Feld (50%), von weit (60%) oder von der Almosen-Linie (90%). Die All-Star Forwards werden auch in dieser Serie emsig Punkte hamstern und ihre Teams vorne über weite Strecken alleine tragen. Die gegnerischen Verteidiger (Marion, Stevenson, Brewer vs. Durant. Ibaka, Collison, Sefolosha, Durant vs. Nowitzki) werden sich mit Sicherheit an ihnen aufreiben. Russell Westbrook (Playoffs: 24 PPG/7 APG) gewinnt zwar das Stats-Duell gegen 'Old Man River' Jason Kidd deutlich - und wird dem 38-jährigen dank seiner überragenden Athletik die Serie sicherlich schwer machen - aber OKC's theoretischer Vorteil auf der Eins wird von gleich mehreren Faktoren neutralisiert: Kidd's Erfahrung. Westbrook's 'Mr. Hyde Persönlichkeit'. Und Dallas' Fähigkeit, kollektiv die Zone und den Ring zu schützen. Letzteres vor allem in Person von Tyson Chandler, der den Mavs nicht nur eine verlässliche Inside Präsenz zur Verfügung stellt, sondern ihnen auch noch ein gehöriges Maß Garstigkeit eingeimpft hat, was augenscheinlich das gesamte Team beflügelt. Sein Duell gegen Kendrick Perkins, seinerseits hauptverantwortlich für das Verankern der bemalten Flächen auf der Gegenseite, wird ein Highlight und gleichzeitig ein Schlüsselduell in dieser Serie. Wer es schafft, die Bretter zu putzen und ohne zu viel zu foulen seinen Farben am Ring einen Vorteil zu verschaffen, hat in den Playoffs meist die besseren Karten. Das Battle der Ersatzgarnituren wird mal wieder an Dallas gehen. Die tiefste und effektivste Bank der Liga, von der Leute wie Jason Terry (18.3 Playoffs-PPG), Peja Stojakovic (47% Dreier) und JJ Barea nichts als brennende Feuerbälle ins Spiel bringen, war in der Postseason bisher nicht zu stoppen und entschied ganze Partien im Alleingang. Und obwohl sich OKC (James Harden, Eric Maynor, Nick Collison und Nazr Mohammed) nicht schämen muss mit seiner zweiten Fünf - gegen die Offensiv-Pyrotechnik der Mavs verpufft der Donner zum leisen Zischen. Bei den Coaches geht der Punkt an Rick Carlisle, der in den Playoffs seinem Team vor allem nach der demoralisierenden Niederlage gegen Portland neues Selbstvertrauen eingeimpft hat, offensiv wie defensiv meist die richtige Antwort auf alle Probleme parat hat und ganz generell diesen Veteranen-Haufen genauso betreut, wie man das idealerweise machen sollte: weniger ist mehr. Scott Brooks ist zwar einer der besten jungen Coaches der Liga, und ganz offensichtlich ein Experte in Sachen 'Defensive Strategies'. In der Offensive fehlen ihm aber oft die Ideen - gegen die Mavs-D ein potentiell verheerendes Manko.

Styles: die Mavericks lebten bisher von der nahezu perfekten Ausführung ihrer Offensivsets. Der Ball lief wie am Schnürchen. Jeder Spieler war stets dort, wo er stehen musste. Zusammen mit surrealen Trefferquoten im hohen 60er Bereich führt so etwas immer zum Sieg. Was gegen die langsamen und müden Lakers so funktionierte, muss gegen frischere Thunder aber nicht zwangsweise genauso klappen. Die haben bereits angekündigt, vor allem die Dreierlinie unerbittlich beackern zu wollen. Kidd muss weiterhin den Ball gleichmässig verteilen wie bisher, denn Balance ist bei den Fohlen alles. In der Defensive wird Carlisle vor der Zone einmal mehr nicht zurückschrecken - vor allem wenn sein Team gegen Westbrook/Durant im Mann-gegen-Mann Probleme bekommen sollte. Die Thunder müssen ihre offensive Effizienz gegen eben diese starke Dallas-Defensive am oberen Limit halten. Brooks' Team kann es sich nicht erlauben, in jedem zweiten Angriff schlechte Würfe zu nehmen oder den Ball im 1-gegen-5 herzuschenken. Offensivflauten über längere Zeiträume hinweg brachen den Lakers und Trail Blazers gegen Dallas das Genick - die Mavs-Offensive ballerte seine Gegner einfach aus der Halle. OKC muss zwar schnell, aber möglichst mit Köpfchen spielen.

Urteil: Die Texaner waren das konstanteste und explosivste Team der bisherigen Playoffs. Sie haben den Heimvorteil, Selbstvertrauen bis unter die Kinnlade und den derzeit besten Spieler der Liga in ihren Reihen. Die Ersatzbank ist eine Klasse für sich, die Mischung aus Offensive und Defensive bemerkenswert. Zwar repräsentiert der Jumpshot weiterhin einen Grossteil der Mavs-Identität, im Gegensatz zu früher fehlt es diesmal aber nicht an der notwendigen Härte, Schneid und einer kleinen Prise Arroganz. Dank frischer Beine und der grösseren Erfahrung wird dieser fest entschlossene Veteranenhaufen sein vorletztes grosses Ziel erreichen: im NBA-Finale die Larry O'Brien Trophäe noch einmal aus nächster Nähe beschnüffeln zu können. Oklahoma City wird schon in naher Zukunft den Westen dort verteten - nur eben noch nicht dieses Jahr.


nbachef meint: 4-2 Dallas