26 Mai 2011



Unfassbar. Einfach unfassbar. Was für ein Spiel. Wie eine Mischung aus Alpwachtraum, Halluzination, Rausch, Schlafwandeln, Nahtoderfahrung und trockenem Müsli ohne Milch. Trefflicher lässt sich die Leistung Miami's - oder der Einbruch Chicago's - in den letzten Minuten von Spiel 5 kaum beschreiben. Nach einer subjektiv wie objektiv betrachtet erbärmlichen Leistung der South Beach Superfriends über 44 Minuten sah beim Stand von 77-65 alles nach einem deutlichen Bulls-Sieg und einer Rückkehr der Serie nach Südflorida aus.

Dann, wie aus dem Nichts: Dreier Lebron. Dreier plus Foul Dwyane Wade. Dreier Lebron. Pullup Jumpshot Lebron. Ausgleich. Die zwei Busenfreunde verbrannten mit einem Sperrfeuer aus der Distanz alle Seriencomeback-Hoffnungen der Bullen wie eine globale Supernova - in gerade mal 192 Sekunden. Die Kühe zogen kollektiv den Schwanz ein, verloren ihre bis dahin so aggressive Art vollends und liessen Miami so erst zurück in die Partie - gegen diese Ansammlung von übertalentierten Championship-Söldnern, die es alleine mit den Titeln nicht so hinbekamen, ein verheerender, weil folgenschwerer Fehler. Durch einen 18-3 Blitz in den letzten 3:12 Minuten der Partie schafften es die Floridianer, ihr Missionsziel (das Erreichen des NBA-Finals) nun also schon viel früher klar zu machen, als es vor Wochen viele noch für möglich gehalten hatten (ausser den vielen echten Heat-Fans natürlich).

Die Art und Weise des Miami-Siegs war wieder faszinierend. Die Defensive - unerbittlich, knallhart, agil und perfekt verzahnt - war wie immer eine absolute Augenweide. James zeigte vorne seine beste Dirk Nowitzki Impersonation und bewies in der Crunchtime erneut, dass die berechtigte Kritik der Vergangenheit (Choke-Artist in den entscheidenden Phasen eines Spiels) in diesem Jahr nicht mehr greift. An der Seite von Wade, seinem kongenialen Offensivpartner, verfügt die Nummer 6 ganz plötzlich über Eiswasser in seinen Venen. Die letzten Monate, die beschämende Kritik (berechtigt, wie er selbst mehrfach eingeräumt hat) und sein neues Leben in South Beach haben ihn augenscheinlich erwachsener und weniger labil gemacht. James platzt förmlich vor Selbstbewusstsein. Obwohl er das natürlich schon immer hatte, wirkt es mittlerweile dank der Sicherheit, die ihm seine neuen Superfreunde verleihen, mutantenmässig gross. Mit Chris Bosh (20/10) und trotz eines lange Zeit weit unter seinen Möglichkeiten spielenden Wade (9 Turnovers) war die Ausbeute der grossen Drei an diesem Tag wieder mal nervenbetäubend: 69 Punkte (von 83 insgesamt), 27 Rebounds, 9 Assists, 6 Steals und 6 Blocks. Sehr, sehr beeindruckend !

Chicago wird an dieser Serie, vor allem aber an der Niederlage in Spiel 5 den ganzen Sommer über zu knabbern haben. Auch wenn die bovinen Chancen auf einen 3-0 Lauf gegen dieses Miami-Team in bestechender Spätform ohnehin nicht allzu gross waren, so hatten die Kühe zumindest diese Partie durchgehend im Griff - vergassen aber, dass eine solche erst nach 48 Minuten endet, nicht nach 44. Derrick Rose, der die gesamte Serie lang vergeblich auf eine verlässliche zweite Scoringoption warten musste, wurde von Miami's Bullterriern wieder nonstop über den Platz gehetzt - und hatte in der entscheidenden Phase keine Reserven mehr im Tank. Der Liga-MVP zeigte sich vorne wie hinten in katastrophaler Verfassung, vergab Freiwürfe und beging dumme Fouls - und nahm in der anschliessenden PK die Niederlage auf seine Kappe: "Wir haben wegen mir verloren. Ich habe ganz miese Entscheidungen getroffen da draussen. Ich werde alles daran setzen, nächstes Jahr stärker als je zuvor zurück zu kommen."

Währenddessen ist für Miami nächstes Jahr schon dieses Jahr. Der perfide wie geniale Plan von Mastermind Pat Riley, anderen Mannschaften im Free-Agent Sommer 2010 einfach ihre Sternchen wegzustibitzen, er ist aufgegangen. Seine Heat stehen trotz aller Problemchen der frühen Saison und eines keineswegs ausbalancierten Kaders schon jetzt, in Jahr 1, im NBA-Finale. Sie haben alle Tests, die ihnen die Saison bis zu diesem Zeitpunkt auferlegt hat, mit Bravour gemeistert. Das kollektive Wachstum ist nicht von der Hand zu weisen. Und auch wenn der Gipfel noch nicht erreicht ist, man sich erst noch mit dem Team auf der anderen Hangseite, den in diesen Playoffs ebenso beeindruckenden Dallas Mavericks um den Platz an der Sonne streiten muss, so scheinen einige Dinge doch spätestens heute unumgänglich: die Heat sind 'for real'. Starbasketball übertrumpft Teambasketball. Und: die Ära der Superteams ist nicht mehr abzuwenden. Die Vorstellung an ein eingespieltes und punktuell (sprich: verlässliche Rollenspieler) verstärktes Heat-Team in der nahen Zukunft kann jedem neutralen NBA-Beobachter nur die schlimmsten Bauchschmerzen bescheren. Scheiss Müsli...