03 Mai 2011


Da wird Boston's Small Forward Paul Pierce also von Miami's James Jones Mitte des letzten Abschnitts im 1. Conference Halbfinalspiel gefoult, und die Hölle bricht auf. Die Folgen für den restlichen Spielverlauf waren verheerend, was aber nicht darüber hinweg täuschen soll, dass Miami über die gesamte Partie das aggressivere, hungrigere Team war und am Ende verdient gewann. Einige Sequenzen hinterliessen dennoch bei allen, die sich mit der Materie um kontroverse Entscheidungen in den Playoffs auskennen und mit der Art und Weise, wie die National Basketball Association mit diesen umgeht, mehr als nur einen faden Beigeschmack.

Zur Erinnerung: Paul bearbeitet um die 8:00 Minuten Marke herum seinen Kontrahenten James Jones auf dem rechten Ellbogen, verkauft ihm einige Pumpfakes und setzt schließlich zum Sprungwurf an. Jones, der zu früh springt, federt seine Landung mit Pierce's Gesichts-/Genickpartie ab, beide Arme wie eine Boa Constrictor um PP's Hals gewunden. Das Reglement besagt in solchen Fällen ganz eindeutig: absichtliches Foul, da das Foul in Richtung Kopf begangen wurde und keine Chance auf das Spielen des Balles bestand. Die Schiris entscheiden sich statt dessen, ein reguläres Foul zu pfeifen, und bestrafen die Sündenböcke zusätzlich mit je einem technischen Foul. Statt zwei Freiwürfen und Ballbesitz, der Boston bis auf 6 Punkte hätte heran bringen können, ist Pierce nun vorbestraft und stinkewütend.

Nur eine Minute später pfeift der selbe Schiedsrichter - Ed Malloy - noch ein technisches Foul gegen Pierce, der gerade von Dwyane Wade bei einem regulären Pick in bester Linebacker-Manier bearbeitet wurde und sich mit dem Heat-Guard nun sicherlich freundliche, playofftypische Wortgefechte liefert. Pierce ist damit raus, ebenso wie der Wind aus Boston's Segeln. Miami dominiert die Schlussphase und gewinnt Spiel 1 am Ende 99-90. Pierce räumte einen Tag nach der Partie sein Verschulden ein: "Es ist meine Aufgabe, da cool zu bleiben."

Ja, das ist es. Einem Veteranen von Pierce's Kaliber darf so etwas nicht passieren. Und die Ejection an sich ist - wenngleich vollkommen überzogen in einer Playoff-Serie - durchaus akzeptabel. Nicht akzeptabel ist allerdings der Modus Operandi der NBA-Verantwortlichen, die sich im Nachhinein in altbekannter Manier ihre Weste reinzuwaschen versuchen. Am nächsten Tag publizierte die NBA-Zentrale in gewohnt autoritärer, unpersönlicher Manier ein Schreiben, welches die offiziellen Schiedsrichter-Wertungen zweier kontroverser Aktionen im Namen der Liga korrigiert:

1. ein technisches Foul von Jermaine O'Neal, begangen im 3. Viertel, wurde in ein standardmässiges, persönliches Foul umgewandelt. James Jones traf nach der Aktion 2 Freiwürfe, die Miami gar nicht zugestanden hätten (kein Bonus), und Mike Bibby traf beim anschließend zugesprochenen Ballbesitz einen Dreier - also ein 5-Punkte Swing. Geschenkt !

2. das persönliche Foul von James Jones bei obig angesprochener Pierce-Aktion wurde in ein absichtliches Foulspiel umgewandelt. Die technischen Fouls im Anschluss wurden gestrichen. Geschenkt !

Kein Statement gab es zu einer weiteren, geschichtlich äusserst brisanten Aktion von Lebron James im 2. Viertel. Der Heat-Forward, zu jenem Zeitpunkt nicht aktiv im Spiel sondern auf der Ersatzbank, verliess während einer physischen Auseinandersetzung zwischen Delonte West, Mario Chalmers et al. unerlaubterweise die Bank-Zone Miami's, um seinem Point Guard zu Hilfe zu eilen. Was das Reglement in diesem Fall vorschreibt, ist ebenfalls unmissverständlich geregelt: 1 Spiel Sperre, wie damals bei Amare Stoudemire. (Für diejenigen, die sich nicht erinnern, nochmal kurz zusammengefasst: die NBA sperrte im Conference Halbfinale 2007 gleich mehrere Starter der Phoenix Suns, darunter auch Amare, für das vorentscheidende Spiel 5, nachdem Spurs-Forward Robert Horry eine Schlägerei angezettelt hatte.) Dass Lebron James, das sensible Basketball-Wunderkind, allerdings mit anderen Handschuhen angefasst wird von den Oberbossen von 'Where Amazing Happens', ist doch wohl selbstverständlich und sollte mittlerweile niemanden mehr schockieren.

Es ist hinlänglich bekannt, dass die National Basketball Association, eine der mächtigsten und einflussreichsten Sportorganizationen der Welt, unter der Ägide von David Stern immer wieder aktiv in Schiedsrichter-Entscheidungen und den Ablauf von Playoff-Serien eingegriffen hat, von der Ansetzung bestimmter Zebras auf bestimmte Mannschaften bis hin zum Aushändigen ungerechter Strafen und Sperren. Oder der Relativierung selbiger im Nachhinein (wovon sich Pierce und Boston in diesem Fall aber nichts mehr kaufen können). Dabei wird immer mit zweierlei Maß gemessen. Und wer nicht glaubt, dass Stern und co. nach dieser Saison - der wohl aufregendsten seit langem - alles dafür tun werden, um das neue NBA-Wunderkind Miami Heat (mit den zwei grössten Stars im Business) im Finale auf die Los Angeles Lakers treffen zu sehen - was TV-Ratings und Werbeeinnahmen ins Unermessliche katapultieren würde - der ist ganz schief gewickelt und hat gar nichts verstanden. Alles schon mal dagewesen. Selbe Scheisse, anderer Lokus eben. Just sayin...