31 Mai 2011



Ein paar Dinge gleich einmal vorweg, um die Gemüter etwas zu beruhigen: Dirk Nowitzki ist nicht der beste NBA-Ausländer aller Zeiten. Lebron James ist nicht der beste NBA-Spieler aller Zeiten (dazu bald mehr). Der bevorstehende NBA-Lockout wird keine Spielabsagen im Spätherbst zur Folge haben. Und Gurken können als EHEC Auslöser mittlerweile ausgeschlossen werden.

Da diese essentiellen Streitpunkte der letzten Wochen nun also ein für allemal geklärt sind, möchte ich Euren Blick auf die bevorstehende Serie richten. Es ist die Serie, die eine Serie, die über alles entscheiden wird: Glückseligkeit oder ewige Verdammnis. Dallas gegen Miami. Gut gegen Böse. Dirk 'Fadeaway-Walker' Nowitzki und seine tapferen Jedi-Ritter gegen die dunkle Seite der Macht mit den schummelnden Sith-Schergen von Imperator Riley. Offense gegen Defense. Alte Schule gegen neue Schule. Loyalität, Geradlinigkeit und stetes Streben gegen Ausverkauf, Medien-ADHS und die Jagd nach Titeln um jeden Preis.

Selten zuvor waren die Lager so gespalten wie in diesem Jahr. Kein San Antonio gegen Zufallsteams wie New Jersey oder Cleveland. Kein Lakers gegen Celtics Dauerbrenner. Statt dessen Dallas gegen Miami. Ein Duell, das klare Trennlinien zieht, in Deutschland (verständlich), aber vor allem in den USA. Wer sich über den puren Hass echauffiert, der Miami hierzulande entgegengebracht wird, der sollte mal in (nicht immer) gepflegten Sportdiskursen jenseits des grossen Teichs planschen gehen. Diese Heat stehen dort jetzt schon auf einer Stufe mit den New York Yankees, Oakland Raiders, Detroit Pistons ca. 1989 und Miami U als meist gehasste Profiteams aller Zeiten. Niemand ausserhalb von Südflorida gönnt der Hitze den Titel, alle fiebern sie für Dallas mit. Das klassische 'Gut gegen Böse' also. In den Augen der weltweiten Basketballgemeinschaft hat es nie eine eindeutigere Konstellation gegeben.

Nun ist es aber auch so, dass es meist weder fair noch logisch abläuft, im Leben wie im Profisport. Auch die diesjährigen Playoffs verliefen bisher alles andere als konventionell. Entgegen der allgemeinen Erwartungshaltung (ausser natürlich derer, die es wie immer genauso haben kommen sehen) wuchsen die Mavericks wie auch die Heat mit jeder neuen Serie kollektiv enger zusammen, schwoll das Selbst-Bewusstsein mit jedem Crunchtime Comeback weiter an, während die Teams eine Partie nach der anderen zu ihren Gunsten entschieden. Jeweils 12. Bei nur 3 Niederlagen im gleichen Zeitraum. Vielleicht konnte es auch nicht anders kommen im Endeffekt, denn beide Teams haben zu viele Optionen in petto, wenn es brenzlig wird.

Die Parallelen zwischen den Champions der jeweiligen Conference sind in der Tat zahlreich. Stars, die, wenn sie heiss laufen, in einen Scoringrausch verfallen und nicht zu verteidigen sind (James, Wade, Bosh, Nowitzki, Terry). Sehr gute Defense, die weniger von den individuellen Fähigkeiten einzelner als vielmehr vom 'Zusammen' lebt (Def. Effizienz in der reg. Saison: Dallas 7., Miami 5.) und den Gegner über weite Strecken neutralisieren kann. Rollenspieler, die beizeiten eine Partie drehen können, zumindest aber das Momentum verlagern (Barea, Stojakovic, Haslem, Miller). Ein relativ niedriges Spieltempo (in den Playoffs Dallas 10., Miami 13.) - in dieser Saisonphase eigentlich unabdingbar für anhaltenden Erfolg. Abgebrühtheit in den entscheidenden Momenten eines Spiels. Und die so notwendige Stärke in eigener Halle (Miami in der Postseason 8-0, Dallas 7-1), die hüben wie drüben von American Airlines gesponsert wird.

So gut wie Dallas in diesen Playoffs im Angriff spielte: die Pferdchen hatten es bisher nicht mit einem Defensivbiest von Miami's Statur zu tun. Deren knackig-perfekte Rotationen und endlose Energie hinten wird den Mavericks das Leben sicherlich schwerer machen als Portland, LA und Oklahoma dies konnten. Allerdings: im Gegensatz zu Boston und Chicago penetrieren die Mavs kaum, lassen statt dessen lieber den Ball selbstlos um die Zone wandern, bis der offene Wurf verfügbar ist. Heat Coach Erik Spoelstra hat in der Vorbereitung auf diese Serie genau diese Defensivstrategie vermehrt einüben lassen - neben der Transition Defense, die sich aber ebenfalls auf die Dreierlinie konzentrieren wird. Rick Carlisle auf der Gegenseite wird sich den Kopf ebenfalls über die defensive Seite des Balls zerbrochen haben. Wie stoppt man das urgewaltige Duo James/Wade ? Mit Deshawn Stevenson/Shawn Marion sicherlich nicht. Vielleicht dann mit mehr Zonenverteidigung ? Dürfte auch nicht allzu viel bringen. Vor allem James (25.9 PPG, 8.7 RPG, 5.4 APG, 1.4 Blocks and 1.6 Steals) präsentiert sich in den bisherigen Playoffs in bestechender Form und meint es todernst mit den Gewinn jenes ersten Meistertitels, den sein Teamkollege Wade ja schon in der Tasche hat.

Stichwort 2006: im Gegensatz zu den neu formierten Miami Heat, die man auf Jahre hinaus in der Nähe der NBA-Finalspiele erwarten sollte, tickt die Uhr für Dirk Nowitzki und seine alten Teamkollegen unerbittlich herunter. Der pure Wille, individuell und kollektiv, er wird einen riesigen Einfluss auf den Ablauf der Partien und den Ausgang der Serie haben. Neben Nowitzki und Terry, die ihre schmerzhafte Endspielniederlage vor 5 Jahren gegen Miami immer noch mit sich herum schleppen (und immer noch täglich daran denken, wie sie beide eingeräumt haben), spielen auch Jason Kidd (zwei Finalpleiten mit New Jersey), Shawn Marion (schmerzhafte Playoffniederlagen mit Phoenix) und Peja Stojakovic (flog mit Sacramento ebenfalls im Conference Finale raus) um ihre wohl letzte Chance auf den Pott. Dieses extra Häufchen Motivation sollte doch ausreichen, meint man, gegen ein Team, dass keine Torschlusspanik zu haben braucht.

Miami aber, das auf drei Positionen (PG, PF, C) und von der Bank personell schlechter aufgestellt ist als Dallas, hat in der Extraklasse von James und Wade ein immenses Plus. Selbst wenn's mal nicht so laufen sollte, dann gibt's eben 250 Freiwürfe in 7 Partien. 'The NBA - Where amazing Schiedsrichterentscheidungen und Superstarbonus-Bonus happens'. Das, in Kombination mit der zermürbenden defensiven Intensität der Heat (die ganz einfach verlässlicher ist als Dallas' Distanzspiel) und der Fähigkeit der Floridianer, bessere Anpassungen zu treffen, je länger die Serie andauert, wird im Endeffekt den Ausschlag geben. Ich erwarte enge Spiele, wenig Scoring und mindestens zwei Auswärtssiege. Insgesamt eine lange, hart umkämpfte Serie, an deren Ende aber Miami und Pat Riley die Larry O'Brien Trophäe von einem dauergrinsenden David Stern überreicht bekommt - was spätestens dann auch ganz offiziell die signifikante und folgenreiche Transformation der National Basketball League auf Jahre hinaus untermauern wird.


nbachef meint: 4-3 Miami