24 Mai 2011



Die mangelnde Playoff-Erfahrung dieser Chicago Bulls offenbart sich mit jedem neuen Schlussviertel. Gleichzeitig machen das Wissen und die schmerzhaften Narben aus zahllosen Playoff-Niederlagen der Vergangenheit aus Lebron James und Dwyane Wade ein Angst einflössendes Basketball-Mutantentandem. Zusammen mit Chris Bosh erzielten die Superstars Miami's beim vorentscheidenden 101-93 Sieg in Spiel 4 alle 16 Heat-Punkte in der Verlängerung. 

Die Partie war ein absoluter Leckerbissen - quasi eine Basketball-Sachertorte mit einer extra Portion Sahne (Overtime) obendrauf. Nicht in einem puristischen, ästhetischen Sinn, freilich. 41% Trefferquote, zusammen 34 Turnovers zwischen beiden Teams, massenhaft abgebrochene Spielzüge - sofern man überhaupt von 'Plays' sprechen kann. End- und einfallsloser Isolationsbasketball trifft es schon eher. Nichtsdestotrotz aber gilt: für Defensiv-Fetischisten war das einmal mehr ein absoluter Augenschmaus.

Derrick Rose (23 Pts) hatte drei Viertel lang absolute Narrenfreiheit genossen, ehe ihm Miami's Head Coach Erik Spoelstra im Schlussabschnitt Lebron James auf den durchtrainierten Hals hetzte. Der menschliche Frachtzug (35 Pts) biss sich am Liga-MVP in bester Bulldoggen-Manier fest und veränderte damit den gesamten Handlungsstrang der Partie. Rose leistete sich fortan einen Ballverlust nach dem anderen und versuchte es nur noch aus der Distanz (mehr Dreierversuche als Freiwürfe in dieser Partie, 9-7). So auch bei seinen zwei Würfen kurz vor Schluss - einer davon ein Airball mit der Schlusströte. Es wäre der Sieg für Chicago gewesen. So aber rettete sich Miami in die Verlängerung und zersetzte dort die Siegeshoffnungen der Bulls wie sengende Wüstenhitze einen verendeten Kuhkadaver. Dwyane Wade, der seit dem zweiten Spielabschnitt 33 Minuten lang ohne Korberfolg geblieben war, erinnerte sich daran, dass er einen All-NBA Guard in einem Eastern Conference Finale repräsentiert und machte seinen Totalausfall durch mehrere richtungsweisende Plays (wie etwa der Block gg. Rose) wieder wett. Lebron James fügte seinem in diesen Playoffs überaus beeindruckenden Crunchtime-Resumee eine Reihe weiterer "Dagger-Plays" hinzu, die den Bulls am Ende (in Verbindung mit deren eigenem Unvermögen, den Ball in den Korb zu befördern) das Genick brachen. Mike Miller erzielte 12 ganz wichtige Punkte für Miami. So konnte am Ende Pat 'The Godfather' Riley, der zum ersten Mal überhaupt die Lineup-Verwirklichung seiner Sommer-Vision (Lebron-Wade-Miller-Bosh-Haslem) auf dem Platz bestaunen konnte, breit grinsend allen Kritikern den symbolischen Mittelfinger entgegen strecken, während sein perfekt-pomadiges Haar vor Freude auf und ab hüpfte. Sein zur reinen Meisterschafts-Fliessband-Produktion zusammenmontiertes Retortenteam, dem es bis auf höchst konzentriertes Talent und harter Defensive immer noch an allen Ecken und Enden fehlt (vor allem Spielkultur, Seele und Stil), steht nach diesem Sieg ganz knapp vor dem Einzug ins NBA-Finale.

Der grösste Vorteil Chicago's während der regulären Saison (Thibodeau's Team spielte jeden Abend härter als der Gegner) wird von Miami's pausenloser Intensität über weite Strecken - aber vor allem wenn es darauf ankommt - weitestgehend neutralisiert.
Die Chicago Bulls, die zum ersten Mal in dieser Saison 3 Partien in Folge abgeben mussten, werden keine 3 Siege in Folge einfahren können. Sie sind in jedem Spiel drin, kämpfen bis zum Umfallen und geben sich nie geschlagen. Man darf ihnen jedes Comeback zutrauen. Aber nicht gegen den Moloch aus Miami. Diese Serie ist inoffiziell vorbei. Wer über die nötigen Kleingeldreserven verfügt, kann also schon mal Tickets für das Finalrematch Heat vs. Mavericks vorbestellen...