06 Mai 2011


So schnell kann's gehen: noch vor 11 Monaten waren die Boston Celtics und die Los Angeles Lakers die besten Teams im Basketball. Die beiden erfolgreichsten Franchises der NBA-Geschichte duellierten sich in einem epischen 7. Finalspiel auf Augenhöhe. Boston stand damals zum 2. mal innerhalb von 3 Jahren in Endspiel, die Lakers sogar zum 3. Mal in Folge. Irgendwie selbstverständlich also, dass man die beiden Schwergewichte - vor allem dank ihrer beeindruckenden Bilanz der letzten Postseasons - auch diesmal geistig irgendwo bei den Topfavoriten abgeheftet hatte.

Nach einer hüben wie drüben recht problemlosen ersten Playoff-Runde (Boston mit dem 4-0 Sweep gegen die Knicks, LA nach kleinen Startschwierigkeiten mit dem 4-2 gegen die New Orleans Pauls) scheint aber sowohl Boston als auch Los Angeles nicht mehr zu wissen, wo der Vorwärtsgang am Playoff-Wagen ist. Beide Teams finden sich urplötzlich in einem bedrohlichen 0-2 Conference Halbfinal-Loch wieder, aus dem sie - wenn überhaupt - nur mit allergrösster, kollektiver Anstrengung wieder heraus klettern können. Miami spielt die grünen Kobolde dank defensivstarkem, schnellerem, athletischerem Star-Basketball an die Wand, während die vermeintlich soften Choke-Artists aus dem grossen D gegen die Back-to-Back Champs aus der Stadt der Engel überlegter, entschlossener und Nowitzki-ger agieren.

Los Angeles hat nach jetzt 90 absolvierten Partien in dieser Saison 2010/11 noch immer nicht seine Identität gefunden, weder offensiv noch defensiv. Die 'Triangle' wird nur sporadisch bemüht. Die Lakers versäumten es bisher, in Bewegung zu bleiben und den Ball konstant nach innen zu spielen - wo sie nach wie vor die grössten Vorteile haben. Um die wirklich auszuspielen, sollte aber jemand dem spanischen Feingeist Pau Gasol mal via Pianosonate mitteilen, was die sprichwörtliche Stunde geschlagen hat: "Estas Playoffs, Amigo!" Gasol, zu Beginn der Saison noch in MVP-Konversationen vertreten, spielt mittlerweile softer als der Marshmallow-Man (Playoffs nur 13.6 Pts, 7.8 Reb, 42% FG) und darf zurecht als Hauptschuldiger an LA's Misere laut ausgebuht werden (was ja im Staples Center auch so geschah). Anstatt dann aber mehr über Andrew Bynum zu spielen, der in Spiel 2 gleich 8 seiner 11 Wurfversuche einnetzte und neben Kobe Bryant der einzige halbwegs konstante Lakers-Akteur war, ballerten die Lila-Gelben lieber aus der Distanz drauf, was das Zeug hält (Trefferquote von Tief bisher: 7 von 39, also 15%). Die Transition Defense ist lausig, ebenso wie die kollektive Verteidigung im Halbfeld und bei Pick'n'Rolls. Bynum erwähnte nach Spiel 2 "Vertrauensprobleme im Team", was zu diesem Zeitpunkt in der Saison ein ganz schlechtes Zeichen ist. Von der Bank kommt absolut gar nichts, während Dallas bedacht, aber hochkonzentriert jede Lücke, jede kleine Schwächephase, jeden Anflug von Selbstgefälligkeit gnadenlos ausnutzt. Angeführt von einem überragenden Dirk Nowitzki (der vielseitiger spielt als je zuvor) und vom aggressiven Naturell eines Tyson Chandler kollektiv angesteckt, will Dallas seine alten Playoff-Dämonen ein für allemal in die ewigen Jagdgründe befördern (Nowitzki: "Wenn wir es nie wieder ins Finale schaffen, wird mich die Serie gegen Miami 2006 für immer verfolgen"). Gegen müde und uninspirierte Lakers stehen die Chancen besser als je zuvor.

Boston hat ähnliche Probleme: der Gegner ist jünger, hungriger und spielt den besseren Ball. Der eigene Championship-Lack ist mittlerweile ab, und die alten Knochen wollen nicht mehr so, wie es der Kopf vielleicht diktiert. Gegen das zusammengekaufte Superteam aus Miami fehlte es den Celtics bisher an allem: offensive Umsetzung des Spielsystems, eigene Stars in Normalform, harte Defense und vor allem Einsatz. Vor allem die letzten beiden Faktoren geben Anlass zur Sorge, waren sie doch in der Vergangenheit stets das Aushängeschild der Kleeblätter. Ohne einen echten Center (der Perkins für Krstic/Green Trade sieht immer schlechter aus für Danny Ainge und die C's), der die Zone verankern kann, dürfen Dwyane Wade und Lebron James aber nach Belieben nach Innen ziehen, um entweder am Brett zu vollstrecken, den freien Mann für freie Würfe zu finden oder von den Zebras Freifahrtscheine an die Linie zu erbitten. Das Duell findet bisher nahezu ausschließlich auf den Flügeln statt, und dort verfügt Miami ja bekanntlich über zwei der besten Spieler weltweit. In Spiel 1 durfte Wade verrückt spielen, in Spiel 2 war es James, den Boston nicht in den Griff bekam. Der Grund: die Celtics reagieren nur und humpeln immer 2-3 Schritte hinterher. Anstatt auszuteilen, stecken die Beantown-Boys bisher nur ein. Rajon Rondo, Paul Pierce und Ray Allen waren oder sind noch immer angeschlagen, und ohne die läuft bei Boston nichts zusammen. Kevin Garnett kann kurz vor der Basketball-Rente keine Offensive mehr alleine stemmen.

Es sieht also düster aus für die alten Hasen im Playoff-Geschäft. Insgesamt avancierten bisher 94% der Teams, die mit einer 2-0 Führung in eine Serie gestartet waren, in die nächste Runde. Erst 14 Mannschaften in der Historie des Spiels haben es jemals geschafft, sich aus einem 0-2 Loch wieder heraus zu buddeln. Wenn überhaupt, dann sehe ich nur die Lakers in der Lage, gegen Dallas als 15. solches Team Geschichte zu schreiben. Weshalb ? Los Angeles ist das auswärtsstärkste Playoff-Team der Liga. Die Lakers sind immer noch grösser, talentierter und besser gecoacht als die Mavericks. Der Phil Jackson Faktor (229 Playoff-Siege. Zum Vergleich: die übrigen 7 verbliebenen Coaches kommen zusammen auf gerade Mal 125) darf auf keinen Fall ausser Acht gelassen werden, ebenso wenig wie die Psyche der Mavericks, die sich schon einmal in einer ähnlichen Situation die Meister-Nutella noch vom Brot haben nehmen lassen (Juni 2006). Nur ein Lakers-Sieg in den nächsten beiden Spielen (und der wird mit Sicherheit kommen), und der Druck auf Dallas wird wieder unausstehlich hoch. Ich bin mir nicht sicher, ob die Mavs - trotz aller Toughness - damit dann umgehen können. Ich könnte aber auch - mal wieder - total daneben liegen. Wäre nicht das erste Mal.

Miami hingegen hat gegen die Celtics alles unter Kontrolle. Die gesamte Saison lief es für das Team um die beiden Superstars Wade/James genau darauf hinaus: Boston, den grossen Nemesis, den Ost-Bully, in den Playoffs endlich irgendwie auszuknocken (was sowohl Wade als auch James bisher nicht geschafft haben). Schon der letzte Sieg während der regulären Saison kündigte in seiner gesamten Entstehungsart eine Wachablösung in der Eastern Conference an. Miami ist in der Spitze besser, fokussierter, und spielt vorne und hinten mit der Dringlichkeit einer Mannschaft auf einer Mission. Boston ist hingegen mit dem Team keineswegs in der Lage, 4 der nächsten 5 Spiele gegen die Heat zu gewinnen. Der Run der Celtics endet hier.