15 Mai 2011



Mit vereinten Kräften haben Dwyane Wade und Lebron James also letztendlich geschafft, was ihnen solo nie gelingen wollte: sie knockten den grossen, fiesen, grünen Bully endlich aus den Playoffs. Gegen zugegeben verletzungsgebeutelte und alles andere als beeindruckende Boston Celtics hatten die Miami Heat keine Mühe und gewannen locker mit 4-1. Nun wartet mit den Chicago Bulls ein echter Prüfstein auf die South Beach Superfriends, zum ersten Mal überhaupt in dieser Postseason. Die Stiere setzten sich gegen Atlanta mit 4-2 durch, ohne zu dominieren. Was uns im Eastern Conference Finale in den nächsten Tagen bevorsteht, ist nicht nur das Duell der beiden konstantesten und besten Ost-Teams seit Oktober, sondern auch der Beginn einer potentiell jahrelangen Rivalität.

Das Aufeinandertreffen des bilanzbesten Teams in der Conference (62-20) gegen die Nummer zwei (58-24) wird ein Duell auf Augenhöhe, ganz gleich, was ein paar vorschnelle Experten sonst so prophezeien. Zwei der besten fünf Defensivformationen der Liga (Chicago auf 1, Miami 5.) garantieren eine lange, enge und schleifende Serie, in der effizientes Scoring Mangelware sein dürfte. Jeden Wurf, jeden Punkt wird man sich hart erarbeiten müssen - hüben wie drüben. So ähnlich, wie sich beide Teams hinten sind, so unterschiedlich agieren sie vorne. Bei Miami läuft alles, aber auch wirklich alles, über James und Wade. Zusammen kommen die beiden in den Playoffs auf 52.3 Punkte, 17 Rebounds und 10 Assists im Schnitt. Sie kontrollieren immerzu den Ballbesitz und haben im Laufe der Saison gelernt, abwechselnd die Führungsrolle zu übernehmen, sich also auch mal treiben zu lassen. Ab und an steuert dann auch Chris Bosh etwas Brauchbares zum Sieg bei. Die Bank hingegen ist meist non-existent. Die Löcher auf der Eins und unter dem Korb sind immer noch nicht gestopft. Diese drei Faktoren werden gegen die alles andere als stümperhaften Bulls wieder stärker ins Gewicht fallen als in den letzten Wochen. Miami wird freilich aus seiner starken Verteidigung heraus versuchen, einen Fast-Break nach dem anderen zu laufen - neben James' und Wades' Iso-Spielzügen ihre stärkste Waffe. Assists sollte man nicht allzu viele erwarten - die Hitze zählt zu den fünf miesesten Passing-Teams der Liga (nur 20 APG).

Bei Chicago wird wieder vieles vom Most Valuable Player Derrick Rose abhängen. In den Playoffs enden bisher 42% aller Bulls-Angriffe mit einem Play ihres Point Guards - der höchste Wert für einen einzelnen Spieler seit Dwyane Wade während des Heat-Titelruns 2006. Miami wird in Person von eben Wade und Mario Chalmers versuchen, Rose ständig unter Druck zu setzen. Ebenso häufig werden wir Balltraps erleben, mit denen die Heat den Bulls-Star zwingen wollen, den Ball frühzeitig aus den Händen zu geben. Wie effektiv der frisch gebackene MVP mit der extra Aufmerksamkeit umgehen (Stichwort: Turnovers) und dennoch an die Freiwurflinie gelangen kann, wird einen grossen Einfluss auf den Ausgang der Serie haben. Miami verfügt über eine der besten Pick'n'Roll Defenses der Liga, die den jungen All-NBA PG permanent testen wird. Hier kommen die Rollenspieler der Bulls ins Spiel. Wie fit ist Carlos Boozer, der gegen Atlanta in Anteilen seine All-Star Form von 2008 andeutete ? Hat Luol Deng, der es in der Defensive mit dem menschlichen Frachtzug Lebron James zu tun bekommen wird, vorne genug Luft, um in die Nähe seines Saisonschnitts (16.7 Pts) zu kommen ? Kann Kyle Korver seinen Rhythmus aus der Distanz finden ?

Miami hat ganz klar die zwei besten Aktuere der Serie auf seiner Seite. Was die Heat aber in Star-Power mobilisieren können, fehlt ihnen in anderen Aspekten des Spiels. Die erste Fünf ist in flux. Spoelstra probierte es zuletzt mit Joel Anthony, der für den Picasso des Standwurfs, Zydrunas Ilgauskas, in die Startformation rückte. Auch Mike Bibby kann gegen D-Rose nicht der Ernst des Heat-Coaches sein. Stellt er aber Wade permanent gegen den Bulls-Guard, fehlt ihm vorne die Offense seiner Nummer 3, was ja aus Heat-Sicht auch nicht Sinn der Sache sein kann. Die Shooter der Heat sind weiterhin so konstant wie das Wetter in Deutschland, während aus dem Low-Post ebenfalls keine Offense generiert werden kann. Gegen Boston liess sich das in Gestalt von furiosen James/Wade Drives zum Korb noch kompensieren, denn die Kobolde hatten gegen das Heat Pick'n'Roll keine Antworten parat. Joakim Noah aber ist der wohl beste individuelle Verteidiger der Welt gegen dieses spezifische Offensivset. Ich bin gespannt, wie Spoelstra & co. mit der neuen Situation taktisch umgehen werden.

Überhaupt blickt die gesamte Basketball-Welt voller Vorfreude auf dieses vielleicht epische Duell. Beide Teams sind absolut auf Augenhöhe, und überrascht wird man gewiss nicht. Man sollte dem Drang widerstehen, die Heat nach zwei Playoff-Serien gegen minderwertige Gegner jetzt schon als nächsten NBA-Champion auszurufen. Chicago verfügt über den tieferen, kollektiv ausgeglicheren Kader. Die Bulls sind weitaus besser gecoacht - Tom Thibodeau ist ein Meister der In-Game und Post-Game Adjustments und hatte an Boston's Titelgewinn vor drei Jahren einen entscheidenden Anteil. Die Kühe dominieren die Bretter - vor allem den Offensivrebound (Platz 6) - und werden den dort notorisch schwachen Heat in Person von Noah, Boozer, Gibson und Asik gehörig zusetzen. Die 3-0 Bilanz der Bulls während der regulären Saison kann zu diesem Zeitpunkt im NBA-Jahr ruhig vernachlässigt werden - denn Miami hat sich in beeindruckender Manier angepasst und gelernt, seine individuellen und athletischen Vorteile gewinnbringend zu kanalisieren. Die D ist hart und unerbittlich, und vorne richten es Wade oder James, die immer mal wieder ihre J's klatschen und dann überhaupt nicht zu stoppen sind. Aber ich weigere mich nach wie vor - wie schon zu Beginn der Saison - ein Team mit nur 2.5 Spielern als NBA-Champion zu krönen. Zumal sie schon während der regulären Saison oft genug gezeigt haben, dass sie mit Widrigkeiten auf dem Platz nicht so gut umgehen können. Das, gepaart mit Chicago's tieferem Team und dem nicht zu vernachlässigenden Heimvorteil in der windigen Stadt, beendet die Saison der Heat im Conference Finale.


nbachef meint: 4-3 Chicago