15 Mai 2011



Lakers. Celtics. Spurs. Bulls. Heat. NBA-Schwergewichte, Titelfavoriten und Superstars satt. Und trotzdem liessen die diesjährigen Playoffs an Spannung und Parität so ziemlich alles vermissen, was man sich von Postseason-Basketball eigentlich erwartet. Von den bisher 12 Serien war gleich die Hälfte nach 5 oder 4 Spielen bereits entschieden - mit teilweise erschreckend hohen Point Differentials. Recht langweilig also das Ganze.

Zum Glück gibt's da aber noch die beiden Underdogs: Oklahoma City und Memphis. Zwei der grössten Überraschungsteams (mehr oder weniger) der Liga sorgen mit zwei der jüngsten Playoff-Kader aller Zeiten für reichlich Furore. Das Durchschnittsalter der Grizzlies liegt bei gerade mal 25.1 Jahren, das der Thunder sogar noch niedriger (24.9). In Runde 1 deklassierte Memphis die alternden San Antonio Spurs mit 4-2, Oklahoma City schickte die brandheissen Denver Nuggets in 5 nach Hause. Seither clashen die Bären und der Donner im Western Conference Halbfinale und liefern die beste Serie des Frühlings ab. Die bisherigen sechs Partien verliefen wie eine gute Runde Tischtennis - hin und her und hin und her und her und hin. 3 zu 3. Tiebreak. Beide Mannschaften dominierten abwechselnd, das Momentum wechselte Abend für Abend die Seiten. Die erzielten Punkte nach sechs Partien unterstreichen die Ausgeglichenheit der Serie: 620-607 für Oklahoma City. Macht im Schnitt lediglich einen erzielten Korb mehr pro Spiel.

Nachdem die Grizzlies den ersten Matchball der leicht favorisierten Okies am Mittwoch in beeindruckender Manier abwehren konnten (Danke, Zach Randolph), steigt heute Abend also das 7. und entscheidende Duell - Best of 1. Alles oder nichts. Es ist auch das Battle der beiden Coaches Scottie Brooks und Lionel Hollins mitsamt ihrer völlig verschiedenen Philosophien in diesem zähneknirschenden Schachduell an den Seitenlinien. Der eine methodisch, stet, konstant. Wie eine Mischung aus Turm und Bauer. Der andere sprunghaft, instinktiv, chaotisch. Wie eine Kreuzung zwischen Pferd und Läufer. Während OKC's Rotation, Spielzeit und System in Stein gemeisselt wirkt, wechselt Memphis seine Defensivzuteilungen, Starter und Offensivsets nach Belieben. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Zwar kann ein Festhalten an Altbewährtem in kritischen Situationen wie dieser (Spiel 7, 'Do or Die') das entscheidende Quentchen Familiarität und Sicherheit bringen ("Wer sind wir, was sind unsere Stärken"), birgt aber durch den Mangel an Anpassungsfähigkeit gerade in einer so langen Serie auch das grösste Risiko.

Alles in allem haben beide Mannschaften ihr Soll in dieser Saison bereits mehr als erreicht. Man kann sicherlich argumentieren, dass Oklahoma City mehr zu verlieren hat - schließlich sehen viele in den Thunder bereits jetzt (zu Unrecht) einen legitimen Titelkandidaten. Wenngleich ein Weiterkommen der Bären ins Conference Finale sicherlich die grössere Überraschung wäre (einfach weil Nummer 8 Seeds nun mal nicht so weit kommen dürfen), sollte man nicht so schnell vergessen, dass genau dieses Thunder-Team noch vor zwei Jahren gerade mal 23 Spiele gewinnen konnte. Es wäre also kein Fiasko für die Jungspunde, heuer in Runde 2 auszuscheiden. Die kumulative Bilanz der letzten Saison (50 Siege, Erstrundenaus) ist jetzt schon überboten, der angestrebte Schritt nach vorne einmal mehr vollzogen. Im Hinblick auf die nächsten Jahre wäre eine weitere Playoff-Niederlage sicherlich lehrreicher (vor allem für Russell Westbrook) als der zu schnelle Erfolgsgeruch.

Ich glaube aber nicht, dass dieses L heute Abend kommen wird. Da ist zunächst einmal der Heimvorteil. In Best-of-7 Serien hat die Heimmannschaft bisher 80% aller entscheidenden 7. Partien gewonnen. Darum kämpft man ja von Oktober bis April in jenem zuweilen einschläfernden Regular Season Marathon um die bestmögliche Bilanz. Um in Situationen wie diesen den entscheidenden Vorteil zu geniessen. Und schließlich: Kevin Durant's wohl schlechteste Profileistung in Spiel 6 (völlig untypische 11 Punkte bei 3-14 FG) garantiert uns das bevorstehende Monsterspiel des besten Punktesammlers der Liga. Kaum ein anderer Profi versteht es, aus seinen Fehlern schneller und nachhaltiger zu lernen als der Thunder-Forward mit der 35. Ich bin fest davon überzeugt, dass Durant die Serie heute in grosser Manier entscheiden wird. Thunder-Coach Brooks gibt mir Recht: "Ich mache mir überhaupt keine Sorgen um Kevin. Ich glaube fest an das, was er ist. Er ist ein absoluter Winner-Typ."