16 April 2011


Anstatt des höchst antizipierten Duells Miami gegen New York, anstatt der vier besten Spieler des Draft-Jahrgangs 2003 im direkten Duell, anstatt weiterer Kapitel in jenem legendären Buch der All-Time Rivalitäten, anstatt epischer Duelle im Madison Square Garden, anstatt all dem gibt es... Heat gegen Sixers. Allerleichteste Playoff-Unterhaltungskost ohne jeglichen Nährwert. Uffz !

Die jungen Sixers sind ein gutes Team, versteht mich nicht falsch. Nach einem 3-13 Start hielten es die wenigsten Beobachter für möglich, dass der neue Cheftrainer Doug Collins diese liebenswerte Truppe voller 'Mr. Nice Guys' in die Playoffs coachen würde, mit einer inspirierenden Mischung aus Ergiebigkeit und diszipliniertem, athletischen Teambasketball, der nicht von einem bestimmten Spieler abhängt. Die Mannschaft ist der Star. Im Durchschnitt punkteten gleich 6 Spieler in dieser Saison zweistellig, ohne dass einer davon über 15 PPG hinaus schoss.

Die Stärken des Teams - ausser der bereits angesprochenen Athletik und Ausgeglichenheit - liegen im Low-Post, dem Rebounding sowie im Verteidigen von Ball-Cuts. Die Defensive ist solide (Platz 8 bei der defensiven Effizienz), wenngleich nicht überragend. Auch hier kommt den 76ers das starke Kollektiv zugute. Die klaren Vorteile auf Sixers-Seite liegen auf der Point Guard Position (Jrue Holiday und Lou Williams), unter den Brettern sowie bei der weitaus besseren Ersatzbank. Allerdings, und da fangen die Probleme Philly's schon an, sind drei Leistungsträger momentan angeschlagen: Andre Iguodala leidet an Knieschmerzen, Elton Brand spielt bereits seit geraumer Zeit mit einer Handfraktur, und Lou Williams' Oberschenkel zwickt ebenfalls.


Gegen die Heat verpufft zudem Philadelphia's grösste Stärke - die Athletik - wie kalter Dampf in einer heissen Sauna. Miami wird sich natürlich, wie sollte es auch anders sein, primär auf seine beiden All-NBA Spieler Lebron James und Dwyane Wade verlassen. Im Angriff wird das Team von Erik Spoelstra versuchen, das Tempo hoch zu halten (bestes Fast-Break Team der Liga), und im Set-Play das gute alte Pick'n'Roll zu bemühen. Experten dürfte dabei mittlerweile aufgefallen sein, dass Wade oder James als Ballhandler massiven Schaden anrichten, wenn sie den Pick und damit den extra Raum zur Kreation eigener Würfe benutzen. Versucht Miami hingegen, nach dem Rollen (meistens mit Bosh oder Ilgauskas) Offensive zu generieren, geht die Trefferquote massiv in den Keller.

Das sollte allerdings nicht allzu schwer wiegen gegen ein junges, gänzlich unerfahrenes 76ers-Team, das sich durchaus beeindruckt zeigen wird von der neuen und unbekannten Dramaturgie einer NBA-Postseason. Die Heat werden sich auf ihre überragende Defensive verlassen können, das 1-2 Perimeter-Spiel der Sixers zuweilen ersticken (der fusslahme Mike Bibby wird sicherlich von Holiday abgezogen und auf Jodie Meeks angesetzt) und den Distanzschützen Philadelphia's permanent auf den Füssen stehen. Miami rotiert in der Verteidigung exzellent und wird sich in dieser Serie keine Blösse geben. Man darf erwarten, dass die Hitze viele Ballverluste provozieren und oft ins Laufen kommen wird. Mindestens zwei Blowout-Siege sind so vorprogrammiert.

Die junge Mannschaft aus der Stadt der brüderlichen Liebe verfügt einfach nicht über genügend individuelle Klasse und Erfahrung, um aus den offensichtlichen Schwächen der South Beach Boyband Kapital zu schlagen. Miami scheint wieder einen dieser spielerischen Höhepunkte zu erreichen, rollt nach einer weiteren Schwächephase vor einigen Wochen auf einer Welle des Erfolgs (14-3 Siege) in die Playoffs und will dort unbedingt zeigen, dass Talent eben doch Titel holen kann, unabhängig von der endlosen externen Kritik an der Teamzusammenstellung, Spielweise und mentalen Stärke. Die Basketballwelt, vor allem die amerikanische, drückt natürlich dem Underdog die Daumen, wie so oft, wenn der symphatische David gegen den verhassten Goliath antritt. Trotz alledem sind die Philadelphia 76ers nicht mehr als ein Sparringspartner für die hoch favorisierten Heat, die erst in der nächsten Runde, dem Conference Halbfinale, ihr volles Potential werden anzapfen müssen.


nbachef meint: 4-0 Miami