10 März 2011


Das Bild, das mir nach Miami's heutigem 94-88 Sieg gegen die Los Angeles Lakers (dem 2. in dieser Spielzeit nach dem deutlichen Erfolg an Weihnachten) am längsten im Gedächtnis bleiben wird, ist nicht die überzeichnete Freude der Heat nach zuvor 5 Niederlagen in Folge. Es ist nicht das künstlich-pseudoaggressive Grollen von Chris Bosh, dem Hobby-Velociraptor. Es sind weder die massiven Eingriffe bzw. Nicht-Eingriffe der Zebras in den Spielverlauf der letzten Minuten, noch die Unfähigkeit des amtierenden Champions, einen effektiven Angriff auszuspielen, als es darauf ankommt. Und es ist auch nicht die für Phil Jackson absolut untypische Art, in den letzten 45 Sekunden eines Spiels keine Auszeiten mehr zur Verfügung zu haben - was für den Coach in seinen bisher 1426 Partien der regulären Saison wohl noch kein einziges Mal vorgekommen sein dürfte.

Nein, das Bild, das mir am längsten im Gedächtnis bleiben wird, ist Kobe Bryant, wie er, mehr als eine Stunde nach Ende des Duells, auf dem Parkett der American Airlines Arena einsam einen Jumpshot nach dem anderen in Richtung Korb hievt. Es ist bereits nach 23 Uhr Ortszeit. Alle anderen Spieler, sowohl die der Heat als auch die der Lakers, schlagen sich zu jenem Zeitpunkt schon in irgend einem Restaurant in South Beach die Mägen voll. Übrig geblieben in der Turnhalle der Floridians sind nur noch einige Presseleute, Balljungen sowie eine Handvoll Fans. Bryant, der 5-fache NBA-Champion, der MVP, der All-NBA First Teamer, der All-Star MVP, der Olympiasieger, der 6-beste Punktesammler aller Zeiten, quält sich durch einen Jumpshooting Drill nach dem anderen, schwitzt dabei stärker als Ottfried Fischer nach dem Sauna-Aufguss. Er curlt um imaginäre Blocks, lässt sich den Ball servieren, ein Dribbling, Pull-Up. Immer und immer wieder. Zig Würfe von einer Position, dann auf zur nächsten Station. Um das Spielfeld herum versammeln sich Schaulustige, einige beleidigen ihn, während Heat-Mitarbeiter vergeblich versuchen, die Sporthalle zu räumen.

Kobe interessiert das alles überhaupt nicht. Er ist vollkommen in seinen Wurf vertieft. Der Lakers-Star beleidigt sich selbst, flucht, halb ausser Puste, jedoch immer noch höchst konzentriert. Manche Wörter kann man nur erahnen, aber sie sind absolut nicht jugendfrei. Fokus. Intensität. Wahn. Es ist diese Arbeitsmoral, diese Besessenheit, dieser unbedingte Wille, immer besser zu werden, die Bryant zu einem der grössten Spieler aller Zeiten haben werden lassen. Obwohl der 32-jährige schon längst alles erreicht hat und mittlerweile jede Facette des Sports gemeistert hat, spornt er sich selbst immer weiter an und lässt keine Gelegenheit aus, um seine Fähigkeiten fein zu justieren. Wer nicht erkennen kann, inwiefern genau dies die Essenz eines wahren Basketball-Profis ist, dessen bedingungslose Liebe zum Spiel aus jeder Pore seines Körpers strömt, der wird auch Bryant's lapidare und gewohnt prägnante Antwort auf die Reporter-Frage nach dem Sinn seiner Extra-Trainingseinheit nach einem beendeten Saisonspiel nicht nachvollziehen können: "This is my job." Nicht mehr, nicht weniger. Do what you love. Love what you do.

Der letzte Balljunge verlässt irgendwann nach Mitternacht, um 0:14 Uhr Ortszeit, den AAA-Parkettboden. Kobe Bryant ist zu diesem Zeitpunkt auch in den Katakomben verschwunden. Er trainiert im Fitnessraum weiter...