16 März 2011



Erinnert sich noch jemand an den Sommer 2008? Monta Ellis hatte von seinem Team, den Golden State Warriors, gerade einen neuen 67 Millionen Dollar Vertrag erhalten - als Lohn und Anerkennung für seine guten Darbietungen und den steten Leistungsfortschritt, seitdem er im Draft '05 an 40. Stelle gezogen wurde. Nach durchschnittlich 20 Punkten pro Abend waren selbst Ellis' Kritiker von seinen Skills auf der Platte überzeugt. Abseits des Parketts jedoch blieben die Zweifel - über seine mentale Stärke, seine Reife und seine Eignung als Franchise-Spieler des kalifornischen Clubs. Umso mehr, nachdem Ellis in jenem infantilen Moped-Unfall in der Off-Season seine komplette Profikarriere und die Geschicke des Vereins auf Spiel setzte. Schwere Knöchelverletzung. Anschliessendes Lügen wie ein Schulknabe, der sich vor dem Nachsitzen drücken will. 30 Spiele Sperre. Und wieder diese Zweifel von allen Seiten: zu kindisch, zu eigensinnig, und viel zu arrogant.

Montana Ellis wuchs in Jackson, Mississippi auf - einem Ort, an dem Schiessereien, Drogen und Strassengewalt an der Tagesordnung waren. Er wurde von seinen Grosseltern heran gezogen, weil seine Mutter drei Jobs arbeitete und sein Vater nie in der Nähe war. Basketball war sein Zufluchtsort, sein Weg aus dem Ghetto, schon im jüngsten Alter. Von seinem Grossvater, einem Automechaniker, der nach Arbeitsunfällen seine bluttriefenden Wunden mit Zeitungspapier und Klebeband behandelte, lernte klein Monta, tough zu sein - eine Eigenschaft, die heute grossen Einfluss auf sein Spiel hat. "Wie Leute aus Mississippi sind einfach ein bisschen anders gebaut. Diese Toughness, sie liegt in der Familie." Obwohl Ellis bei einer Grösse von 1,95m lediglich 79 Kilogramm wiegt, zählt er zu den zähesten Zeitgenossen der Liga. Immer wieder schmeisst sich der Combo-Guard in den Pulk der Big Men unter den Körben - ohne Rücksicht auf Verluste. Obwohl Verletzungen an der Tagesordnung sind - der Warrior hat noch kein einziges Mal alle 82 Spiele der regulären Saison absolviert - bleibt Ellis seiner Linie treu.

Und die führt meist schnurstracks Richtung Korb. Bei seinem Speed auch nicht weiter verwunderlich, denn jeder Umweg wäre absolut überflüssig. Ellis gleicht während des Spiels einer Ducati auf der Autobahn. Scheinbar mühelos auf schwindelerregende Geschwindigkeit hoch beschleunigend, nutzt er jede noch so kleine Lücke, um sich durchzumogeln. "Wenn du nur kurz blinzelst, verpasst du garantiert etwas", beschreibt Teamkollege David Lee seinen prominenten Scoring-Partner. "Er ist mit Sicherheit einer der 3-4 schnellsten Spieler weit und breit, keine Frage." Und dank dieser Vitesse auch einer der besten Scorer der Liga. Obwohl Spieler wie Kevin Durant, Dwyane Wade, Lebron James oder Kobe Bryant sicherlich vielseitigere Basketballer sind als Ellis, in einem nimmt es der 25-jährige mit jedem Superstar auf: der Fähigkeit, den Ball in den Korb zu befördern. Beweis gefällig ? Seine 24.7 PPG sind gut genug für Platz 7 in der Liga. Der Warrior hat in dieser Saison bereits 49 mal 20 oder mehr Punkte erzielt. 18 mal 30 plus. Und schon 7 mal 40 Zähler oder mehr. Keine Frage, dieser Southern Boy weiss, wie man eimerweise Punkte sammelt.

Er lässt seine Gegenspieler meist stehen wie schlechtes Omelette am Frühstücksbuffet und ist einen Wimpernschlag später bereits irgendwo in der Luft unterwegs, einbeinig oder beidbeinig abgesprungen, mit recht oder links anvisierend, den Körper verdreht wie eine frische Fusilli,
immer haargenau im Bilde darüber, wo der Ring hängt und wie er den Ball dort unterbringen muss. Dieses Spektakel, in Kombination mit seinen mittlerweile recht ansehnlichen Jumpshot-Serien inklusive solider Trefferquoten, sind Must-See League Pass TV für jeden Scoring-Puristen der alten Schule.

Und während man Ellis in dieser Saison an den Bildschirmen, in PKs und hinter den Kulissen verfolgt, kann man nicht umhin, eine eindeutige Veränderung in seinem Betragen festzustellen. Er hat sich gewandelt, wirkt gefestigter und erwachsener. Der Grund für die Neuerfindung ? Er trägt den gleichen Namen wie er selbst: Monta. Der Junior ist weniger als 2 Jahre alt, hat aber die Art und Weise, wie Ellis an seinen Beruf heran geht, nachhaltig beeinflusst. "Die Familie kommt als Erstes, sie ist das Wichtigste", erklärt Ellis, der 'Familiy First' quer über seine Brust tätowiert hat, sein neu gefundenes Glück. "Ich will für meinen Sohn mit gutem Beispiel voran gehen, ihm ein guter Vater und Vorbild sein. Jemand, zu dem er aufsehen kann, und der für ihn da ist - so wie es mein Dad nie konnte."

So, wie Ellis als Privatperson mit neuem Selbstverständnis an die Dinge heran geht, behandelt er nun auch seine Teamkollegen. Es redet sehr viel mit seinen Kameraden in Oakland, steht vor allem den jüngeren Teamkollegen oft mit guten Ratschlägen zur Seite. Die Rolle des 'Vocal Leader', des Führungsspielers - Ellis scheint sie endlich verinnerlicht zu haben: "Ich wollte, dass wir in diesem Jahr als Team besser werden im Vergleich zu letzter Saison. Und das fängt alles bei mir an. Kein Fingerzeigen mehr, keine Ausreden. Ich bin selbst dafür verantwortlich, wo wir als Team letztendlich landen."

Die Ergebnisse lassen sich durchaus sehen. Wenngleich Golden State in der West-Tabelle nur auf Platz 12 rangiert, und der Playoff-Truck bei jetzt 7 Siegen Rückstand auf Memphis schon abgefahren ist, haben die Dubs bereits jetzt mehr Siege auf dem Konto als in den letzten beiden Spielzeiten. Und das, obwohl Steph Curry (8) und David Lee (9) schon multiple Abende verletzungsbedingt verpasst haben. Der Sprung nach vorne liegt zu grossen Teilen an Ellis' elektrischen Darbietungen und seinen neu entdeckten Führungsqualitäten. "Es ist bemerkenswert, wie er sich verbessert hat", attestiert Assistant Coach Stephen Silas seinem Starting Two-Guard. Neben seiner Einstellung zeigt vor allem sein Sprungwurf den grössten Wachstum. Der Team-Kapitän hat seinen Jumpshot im Sommer von Grund auf optimiert - von der Bein- und Körperhaltung bis zum Release. Sein Ertrag (1.6 pro Spiel) mitsamt Trefferquote von jenseits der Dreier-Linie (36%) ist so hoch wie nie zuvor. Ebenso wie sein Assist-Wert (5.5 pro Spiel).

Mit Monta Ellis als verändertem und mittlerweile umumstrittenem Franchise-Spieler (von Trade spricht in der Bay Area kein Mensch mehr), der seinen Zenit noch lange nicht erreicht hat, und hocheffizienten Gunnern wie Curry und Lee an seiner Seite, sollten die Warriors in absehbarer Zeit wieder an alte Playoff-Glanztage anknüpfen können. Die Zweifel jedenfalls gehören mittlerweile der Vergangenheit an...