24 Februar 2011



Was für ein Tag, was für eine Deadline in diesem Jahr. Trade-Meldungen im Minutentakt und schier unbegreifliche News, die da über den Ticker geschwappt kamen, liessen viele von uns irgendwann nur noch den Kopf schütteln. Das Tauschgeschäft zwischen Boston und Oklahoma City war eines ganz sicher: unerwartet, scheinbar unausgereift und auf jeden Fall ziemlich verstörend.

Der amtierende NBA-Finalist Boston Celtics, ein Team, das in diesem Jahr die Eastern Conference dominiert und trotz vieler Verletzungssorgen zu den besten der Liga zählt, reisst also seinen Mannschaftskern auseinander und schickt Starting Center Kendrick Perkins zu den Thunder. Mit ihm geht auch Bank-Dynamo Nate Robinson, im Tausch kommen Jeff Green und Nenad Krstic. Viele fragen sich, was Celtics-GM Danny Ainge dazu bewogen hat, seinen erfolgreichen Nukleus inmitten der Saison auseinander zu reissen (immerhin brüstete sich Head Coach Doc Rivers immer gerne damit, dass seine Rondo-Allen-Pierce-Garnett-Perkins Starting Five in gesundem Zustand noch niemals eine Playoff-Serie verloren hatte). Und in der Tat verwundert es sehr, dass man mit Perkins seinen besten Verteidiger und Enforcer unter den Körben abgibt im Tausch für einen Small Forward. Selten zuvor - wenn überhaupt einmal - wurde ein potentielles Meisterschaftsteam dermassen umstrukturiert.

Der Kern des Boston-Moves, egal wie schockierend er scheint, war folgender: Perkins' Vertrag läuft im Sommer aus. Für die Grünen wäre es absolut unmöglich gewesen, dem Center einen lukrativen Deal zu fairen Marktkonditionen anzubieten. Eine Vertragsverlängerung zu reduzierten Bezügen hatte Perk bereits abgelehnt. In der heutigen NBA heisst das meist automatisch: "weg mit ihm". Solange man für einen Free-Agent-to-be noch etwas brauchbares bekommen kann, muss man den Deal schwingen. Es wurde auch deutlich, dass sich die Celtics keinerlei Sorgen um Dwight Howard und die Orlando Magic im Osten machen, sondern eher in Richtung Miami und Chicago schielen. Perkins war offensiv immer schon limitiert. Mit Rondo und Perkins hatte Boston gleich zwei Spieler in der Crunchtime-Lineup, um die sich die gegnerische Defensive nicht sonderlich sorgen musste.

Das wird mit Green nun anders aussehen. Der vielseitige Forward, der ursprünglich von Boston gedraftet wurde und im Tausch für Ray Allen nach Seattle/OKC ging, kann drei Positionen spielen und ebenso viele verteidigen. Green macht nichts aussergewöhnlich gut (15 Pts, 5 Reb, 2 Ast), aber von allem etwas. Durch ihn haben die Celtics in der Offensive plötzlich multiple Optionen, können klein spielen (Allen/Pierce/Green/Garnett) oder auf riesengross umstellen (Pierce/Green/Garnett/Shaq). In Boston sieht man Green als Pendant zu James Posey, der im Meisterjahr 2008 dank seiner Wurfgenauigkeit und Defensivstärke einer der entscheidenden Faktoren war. Krstic (Karriereschnitt 10 PPG) ist offensiv sicherlich ein Upgrade gegenüber Perkins, vor allem dank seiner Treffsicherheit aus der Halbdistanz. Und wenngleich er in der Defensive seine liebe Mühe hat, so dürfte er sich mit seiner Stuhlwurfroutine in Boston auf Anhieb beliebt machen. Alles in allem verbessern sich die Celtics im Angriff durch diesen Trade, büßen in der Verteidigung aber gehörig ein.

Die Ersatzbank der Kobolde (Delonte West, Green, Glen Davis, Krstic) wird auch nach dem Tausch noch zu den besten der Liga gehören, wenngleich durch die beiden Folgetrades (Semih Erden und Luke Harangody nach Cleveland für einen Zweitrundenpick sowie Marquis Daniels nach Sacramento für Cash, vorausgesetzt, Daniels legt kein Veto ein) nicht mehr so tief besetzt. Insgesamt muss man sich dennoch verwundert die Augen reiben, denn Boston läuft hier Gefahr, ein paar Ränge abzurutschen in der NBA-Hierarchie. Die Balance sowie bisherige Chemie innerhalb der Mannschaft (die Celtics-Spieler waren ausser Rand und Band nach Bekanntwerden des Trades) war so einzigartig, dass ein Abgang ihres Starting Centers nur weh tun kann. Die O'Neal Zwillinge können und werden die Lücke nach Perkins' Abgang nicht schliessen.

In Oklahoma hingegen hat Manager-Mastermind Sam Presti wieder einmal gezeigt, warum ihn die halbe Liga verachtet und gleichzeitig bewundert, während sie kostenlose Nachhhilfestunden in perfektem Management erhält. Ganz unter dem Radar hat der Thunder-GM erneut den Jackpot geknackt und seine Mannschaft auf den Punkt genau verstärkt. Es war absehbar, dass die Okies ohne einen legitimen Big Man niemals den nächsten Schritt tun, also den Sprung unter die Elite-Teams in der National Basketball Association schaffen würden. Enter Kendrick Perkins. Der 'Mann ohne Hals' ist erst 26 Jahre alt (obwohl er aussieht wie 62) und passt damit genau ins Beuteschema der Thunder. Gut möglich, dass er im Sommer eine langjährige Vertragsverlängerung erhält und zum ersten Mal in seiner Karriere angemessen entlohnt wird (nur 22 Mio $ in 8 Profisaisons bisher). Im Gegensatz zu Green, dessen raffgieriger Agent David Falk das Maximum anpeilt, würde Perkins eine strategisch wichtige Position besetzen - in welchem Fall man auch gerne mal etwas mehr ausgeben darf. Mit Perkins verfügt OKC nun auf einmal über ein ausbalanciertes Team, das den grossen zwei im Westen (Lakers und Spurs) gefährlich werden könnte. Perkins und Serge Ibaka formen einen monströsen Frontcourt. Durant und Westbrook stellen die Offensive zur Verfügung, während Sefolosha und/oder Harden die Defensive weiter verankern. Durchaus vorstellbar, dass Oklahoma City wie schon im letzten Jahr bald wieder unter den besten und effektivsten Verteidigungsteams der Liga zu finden sein wird.

Von der Bank kommt dann Neuzugang Center Nazr Mohammed (den Presti heute noch aus Charlotte stehlen konnte für Mo Peterson und DJ White - noch so ein unverschämt guter Deal für OKC) und mit Nick Collison der wohl teuerste dritte Center aller Zeiten (13 Mio $ jährlich). Insgesamt ein gigantischer Frontcourt, der wohl grösste ligaweit. Nate Robinson, der ebenfalls aus Boston kam, ist der ideale Bankspieler, vor allem, wenn man ins Hintertreffen gerät. Er kann ein Team eigenhändig wieder ins Spiel zurück ballern und die Zuschauer von den Sitzen reissen. Nate-Rob ist beileibe kein Star, aber als Scoring Punch für eine ansonsten recht schwache Bank ist er in OKC gut aufgehoben.

Alles in allem haben die Thunder nun mit Perkins einen Spieler, der weitaus besser ins Teamkonzept passt und die Stärken von Durant und Westbrook komplettiert, anstatt sie wie Jeff Green zu duplizieren. Ibaka wird nun regelmässig auf der Vier starten und einen weiteren Entwicklungsschub erfahren, ebenso wie das gesamte Thunder-Team, das spätestens mit diesem weitsichtigen Deal endgültig angekommen sein dürfte in der Western Conference Elite - und in absehbarer Zeit da vorne auch nicht mehr zu verdrängen ist. Wäre ich San Antonio, hätte ich jedenfalls keinerlei Interesse daran, dass OKC die Saison als 4. abschliesst.


nbachef meint: Vorteil Oklahoma City