21 Februar 2011



...und es hat Boom gemacht ! Nach monatelangen, zuletzt nur noch penetranten Dauergerüchten zum Thema "Carmelo und sein Trade" ist der Deal seit heute Nacht beschlossene Sache. Carmelo Anthony, der begehrteste Free-Agent-to-be des Jahrgangs 2011, setzt sich gegen die Denver Nuggets letztendlich also durch und erzwingt 3 Tage vor Ablauf der Wechselfrist einen Trade zu den New York Knicks - so wie er (mitsamt Entourage) das die gesamte Zeit über wohl haben wollte. Dass die Knickerbockers dabei 60% ihrer diesjährigen Starformation absenden und die Hälfte der Mike D'Antonischen 8-er Rotation dürfte den gebürtigen New Yorker Anthony weniger tangieren. Die Knicks ebenso wenig. Dazu später mehr.

Der Verein verliert mit Raymond Felton, Wilson Chandler, Danilo Gallinari und Timofei Mozgov gleich vier junge Spieler von gehobenem NBA-Format (minus Mozgov). Neben der Plethora an Talent und statistischer Auffächerung schickt das Team aus dem Big Apple zusätzlich noch drei Draft-Picks (Erstrundenpick in 2014, Zweitrunder in 2012 u. 2013 via Golden State) sowie eine nicht unerhebliche Summe Bargeld hübsch verpackt nach Colorado.

In der Mile High City wird man sich sicherlich freuen ob des relativen Jackpots, den man zu landen noch imstande war - obwohl man wochenlang mit dem Rücken zur Wand stand. Als klar wurde, dass Anthony die bereits im Sommer angebotene 65 Mio $ Vertragsverlängerung niemals unterzeichnet, begann das Nuggets-Management, ligaweit nach dem besten und attraktivsten Paketangebot für den viermaligen All-Star Ausschau zu halten. Während einige der Denver-Verantwortlichen lieber die Offerte der New Jersey Nets angenommen hätten (Devin Harris, Derrick Favors plus 4 Erstrundenpicks), liess sich Head Coach George Karl nicht lumpen. Er bevorzugte den Deal mit New York und liess nicht locker, bis jener durch seine Vorgesetzten durchgewunken wurde. Dank ihm verfügen die Nuggets nun über eine Vielzahl von Optionen - sprich brauchbare Rotationsspieler, die sich ebenso leicht in späteren Deals wieder umtauschen lassen. 

Die weiteren Abgänge neben Anthony (Chauncey Billups, Renaldo Balkman, Anthony Carter und Shelden Williams) lassen sich verschmerzen. Felton ist de facto ein Upgrade gegenüber dem schon 34-jährigen Billups: gleich 8 Jahre jünger und spielerisch produktiver, kommt der kompakte Spielgestalter sogar noch billiger daher als der Altstar. Chandler könnte die verwaiste Small Forward Position bemannen. Der vielseitige Flügel ist erst 23 Jahre alt und hat sich in jeder seiner bisher 4 NBA-Saisons verbessert. In diesem Jahr kommt der Verteidigungsspezi auf starke 16 Punkte und 6 Rebounds im Schnitt - Werte, die er in Denver's Uptempo System durchaus beibehalten oder sogar verbessern könnte. Zusammen mit JR Smith, Nene, Arron Afflalo und Ty Lawson verfügen die Nuggets nun über einen talentierten jungen Nukleus für die Zukunft, der gleichzeitig imstande sein sollte, einen Playoff-Platz bereits in dieser Saison klar zu machen (zur Zeit Platz 7). Mozgov, der russische Rookie-Riese, wird die notorisch schwache Big Man Rotation in Denver verstärken. Ob und wie der talentierte Shooter Gallinari ins Konzept der Mannschaft passt, bleibt abzuwarten. Während manche Beobachter sich ihn in einer prominenteren Rolle als in New York vorstellen können (sprich: Go-to-Guy), erwarten andere einen unmittelbaren Folgetrade. Cleveland, Toronto, die Clippers und New Jersey (das im Tauziehen um einen NBA-Megastar einmal mehr den Kürzeren zog) sind stark am langen Italiener mit dem geschmeidigen Sprungwurf interessiert.

Stichwort Megastar: von denen haben die New York Knicks nun schon zwei in den eigenen Reihen. Trotz Anthony's bisweilen divaeskem Verhalten und seiner gut dokumentierten Allergie gegen Defensivaufgaben jeglicher Art lässt sich nicht von der Hand weisen, dass der 2,03m Forward zu den explosivsten und besten Scorern der Liga zählt. Oder anders ausgedrückt: Spieler seines Kalibers lassen sich auch in der von begnadeten Basketballern übervölkerten National Basketball Association an zwei Händen abzählen. Anthony, der in New York nicht mehr seine gewohnte Nummer 15 tragen wird (hängt bereits zwei mal an der Hallendecke), legt selbst im tiefsten Tiefschlaf 20 Punkte auf. Diesen Wert hat er in jeder seiner bisherigen 7 Profisaisons überboten. Mit ihm (25.5 PPG) und Amare Stoudemire (26.1 PPG) verfügen die lange Zeit belächelten und totgesagten Knicks nun urplötzlich über zwei der sechs besten Scorer der Liga. Mit Veteran Billups an den Kontrollknöpfen und Rookie Landry Fields auf der Zwei sieht die Startaufstellung durchaus ansehnlich aus. Natürlich ist New York auch nach der Generalüberholung von einem Titelkandidaten noch meilenweit entfernt (im Ernst, SPOX? Ich mein, im Ernst?) und muss sich erst einmal einspielen. Ein Playoff-Platz in der schwachen Eastern Conference ist aber schon so gut wie sicher. Die Situation gegenüber der Pre-All-Star-Teamvariante hat sich also keinesfalls verschlimmert - wenngleich das auf den ersten Blick vielleicht so aussieht.

Alles in allem dürfen beide Mannschaften mit dem Deal höchst zufrieden sein. Denver, das Gefahr lief, im Sommer seinen Superstar für Nichts via Free Agency zu verlieren (siehe Cleveland und Toronto), hat nun multiple Optionen für die Gegenwart und die Zukunft. Vor allem aber, und das dürfte den grössten Unterschied ausmachen, wird wieder Ruhe einkehren in Colorado nach Monaten des tagtäglichen Medienrummels. Man wird sich wieder auf Basketball konzentrieren können, ohne einen sportlichen Supergau á la Cleveland oder Toronto durchleben zu müssen. Und New York? Die Knicks sind nach dem ersten gelungenen Trade seit 1968 (Dave DeBusschere) nun endgültig wieder im Rennen, wieder eine hausgemachte Attraktion im bunten Zirkus NBA. In einer Liga, die sich wenige Monate vor einem potentiellen Streik weiterhin von Superstars und mächtigen Spieleragenten die Regeln des Marktes oktroyieren lässt. Anthony wird im Big Apple loslegen wie ein wilder Stier. Wiederbelebt, elektrisiert, zu Hause im Madison Square Garden, nach Monaten der Dauerbelagerung und Ungewissheit. Das Team wird durch den alternden, aber immer noch stets gelassenen Spielfeldgeneral Billups, dessen Schulterpolster mit allen nur erdenklichen Streifen dekoriert sind, mit ruhiger Hand schnurstracks in die Playoffs manövriert werden. Und auch wenn dort dann in dieser Saison vor dem Conference Finale Schluss sein wird: die Zukunft sieht sehr rosig aus in NYC. Die Stars sind zurück. Der Buzz ist zurück. Der Erfolg ist zurück. Fehlt nur noch Chris Paul zum ganz grossen Glück...


nbachef meint: Vorteil New York, Denver