23 Februar 2011



In einem für alle absolut überraschenden Ereignis inmitten des ganzen Trade-Wahnsinns trennen sich die Utah Jazz heute von ihrem All-Star/All-NBA Point Guard Deron Williams. Der 26-jährige wechselt im Tausch für Devin Harris, Derrick Favors und zwei Erstrundenpicks zu den New Jersey Nets, wo er einer maroden Franchise noch vor dem baldigen Umzug nach Brooklyn wieder Leben einhauchen soll.

Mit Williams akquirieren die Nets nun endlich einen jener Superstars, die sich Teambesitzer Mikhail Prokhorov so sehr gewünscht hatte, seit er den Club im letzten Jahr übernahm. Dass ein Starspieler nach dem anderen (James, Wade, Bosh, Stoudemire, Boozer, Gay, Anthony) New Jersey die kalter Schulter zeigte, muss am Selbstwertgefühl des langen Russen genagt haben, der sich um jeden Preis durchsetzen will im Haifischbecken der NBA-Owner. Williams wird den Oligarchen zwischenzeitlich zufrieden stellen, gehört er doch - je nach Betrachtungswinkel und persönlicher Präferenz - zu den 5 besten Aufbauspielern unseres Universums. Der vielseitige, wuchtige Einser ist einer der ganz seltenen 20/10 Spielern, stellt seine Fähigkeiten Abend für Abend mit 21.3 Punkten, 9.7 Assists und 3.9 Rebounds unter Beweis. Gut möglich sogar, dass er in New Jersey noch mehr eigenhändig erledigen muss, da sein Supporting Cast ungleich schwächer ist als in Utah. Williams hat seine Wurfauswahl kontinuierlich verbessert und zählt neben Chris Paul und Steve Nash mittlerweile zu den treffsichersten Point Guards der Liga (True Shooting Percentage: 59%).

Ironischerweise gehört die 'D' zu D-Will's grössten Schwächen. Vor allem im Pick'n'Roll hat er massive Probleme, vor seinem Gegenspieler zu bleiben, und wird dort gerne vorgeführt. Zudem werden ihm Star-Allüren nachgesagt, die in den letzten Wochen vermehrt zu Tage kamen. So gilt er als Drahtzieher hinter den Kulissen des schockierenden Sloan-Firings. Auch hat er sich nie wirklich zu den Utah Jazz bekannt, gab nie zu verstehen, dass er seinen Vertrag im Mormonenstaat verlängern oder gar seine Karriere dort beenden wolle. New Jersey läuft durchaus Gefahr, den geheimnisvollen Williams lediglich auszuleihen für knapp 1.5 Saisons, denn sein Deal läuft im Sommer 2012 aus. Die Nets, die von den Playoffs heuer meilenweit entfernt sind und auch in der kommenden Saison mit einem Williams-Brook Lopez Tandem in der plötzlich vollgepackten Eastern Conference keinen Blumenstrauss gewinnen werden, müssen dringend ihre Hausaufgaben erledigen, um in absehbarer Zeit einen potenten Kader zusammenzustellen, der Williams' hohe Ansprüche befriedigt. Nichtsdestotrotz: für einen Verein wie New Jersey ist Williams eine kleine Flamme der Hoffnung, dass man die Kellergefilde der Liga in absehbarer Zeit verlassen kann. Auch wenn der gezahlte Preis potentiell hoch war, so bleibt dieser Deal unter allen Umständen ein absoluter No-Brainer für Prokhorov und seine Nyets.

Auch Utah hat hier einen guten Fang gemacht. Natürlich kann man dem Team vorwerfen, mit Williams einen sicheren 20/10 Spieler und Motor des kompletten Jazz-Spiels abgegeben zu haben - noch bevor man alles nur Erdenkliche versucht hat, einen Contender um ihn herum aufzubauen. Aber auch mit Williams an den Schalthebeln waren die Jazz in diesem Jahr nur ein mittelmässiges 'Platz 6 bis 8 Team', Playoff-Aus in Runde 1 mit inbegriffen. Die Conference Finals Teilnahme 2007 war wohl das Höchste der Gefühle. Nachdem man vor wenigen Wochen die langjährige Seele des Teams, Jerry Sloan, in einer hässlichen Aktion geschasst hatte, wurde es noch schlimmer mit dem Spiel der Jazzer, die auf der Platte plötzlich gar keinen Ton mehr trafen. Man enschied sich, genau hier einen Schlussstrich unter das Kapitel der letzten Jahre zu ziehen. Sloan weg, Williams weg, und weitere Veteranen wie Kirilenko, Millsap oder Jefferson könnten bald folgen. Kein Spieler im Team ist mehr unantastbar. Vor allem Millsap und AK-47 generieren momentan viel Interesse auf dem Trademarkt.

Mit Derrick Favors verfügt Utah nun über einen Frontcourt-Spieler, dem potentielles Star-Niveau nachgesagt wird, wenngleich sein Verhalten auf dem Platz meist noch dem eines schüchternen Rollenspielers entspricht. 6.3 Punkte und 5.3 Rebounds verursachen keine kollenktiven Freuden-Purzelbäume, aber der Rookie ist erst 19 Jahre alt und hat noch genügend Zeit, sich zu entwickeln. Zwei Erstrundenpicks in den kommenden, durchaus mit Talent beladenen Drafts, könnten für Utah gute Dividenden abwerfen. Was mit Devin Harris passiert, ist momentan noch nicht ganz ersichtlich. Portland und vor allem Dallas, das den ex-Maverick fast verpflichtet hätte (Mark Cuban schlug das Nets-Angebot Harris für Butler, D.Jones, Pick gestern aus), brennen nach wie vor auf eine Verpflichtung des 27-jährigen Point Guards (15 Pts, 7.6 Ast). Utah könnte also in einem subsequenten Deal weitere Puzzleteile für den offensichtlich eingeläuteten Rebuild einsammeln. Die Playoffs sind nach diesem Trade und 13 Niederlagen aus den letzten 17 Spielen wohl futsch, die sportliche Zukunft nach 24 Playoff-Teilnahmen in den letzten 27 Jahren (!) urplötzlich unsicher. Angesichts eines möglichen 'Deron-Dramas' (in Anlehnung an das Melo-drama der vergangenen Monate) in der nächsten Saison und des derzeit mässigen sportlichen Erfolgs - auch mit Williams - aber alles in allem ein durchaus progressiver Deal für ansonsten eher konservative Utah Jazzer.


nbachef meint: Vorteil New Jersey, Utah