10 Februar 2011


Schocker der Saison, direkt und live aus Salt Lake City, Utah: Jerry Sloan, die Legende, die Koryphäe, die Institution, legt mit sofortiger Wirkung sein Amt als Head Coach der Utah Jazz nieder. Gehen wird auch Sloan's langjähriger Assistent und offensiver Hypothalamus, Phil Johnson. Say whaaa' ?

Absolut unfassbar: nach knapp 30 Jahren mit den Jazz, davon 22+ als Cheftrainer (seit 9. Dezember 1988, als Ronald Reagan noch US-Präsident war), schmeisst Sloan nun hin. Erst letzte Woche hatte der 68-jährige eine einjährige Vertragsverlängerung unterschrieben. Wenn es jemals einen lebenslangen Vertrag im Profisport gegeben hat, Sloan besass ihn klammheimlich. Kein Cheftrainer in der Geschichte des US-amerikanischen Sports war je länger im Amt. Man ging überall davon aus, dass er solange weiter coachen würde, bis man in Utah den Cyborg-ähnlichen 'Sloan-Klon' fertig entwickelt hat, um den echten Sloan an der Seitenlinie abzulösen. Falsch gedacht.

Nach 1221 Siegen (Platz 3 All-Time) und insgesamt 245 Trainerentlassungen seit seinem Amtsantritt hat es nun auch Sloan erwischt. Der Coach-Dinosaurier fiel ebenfalls einem System zum Opfer, in dem Spieler und Agenten schon lange die vollständige Kontrolle über die täglichen Machenschaften hinter den Kulissen der NBA-Clubs erlangt haben. 'Larger than Life' eben. Individuen als Stars, als Götzenbilder, die es zu preisen gilt. Wer nicht mitmacht, wird gefressen. Für Sloan's Niedergang war letztendlich der steigende Einfluss von All-Star Point Guard Deron Williams auf das Jazz-Präsidium verantwortlich. Williams hatte sich bereits in seiner Rookie-Saison mit Sloan angelegt. Man arrangierte sich, D-Will reifte unter Sloan's Pflegschaft zu einem der besten Einser der Liga heran. Obwohl der Guard immer wieder in Richtung Sloan stichelte und das Spielsystem kritisierte, liess sich der Coach nie provozieren und stellte sich öffentlich immer vor seinen Franchise-Spieler - so wie er es eben immer getan hatte. Taktvoll. Honorig. Integer. Old School eben. Jegliche Kritik an seinem Team nahm der Trainer immerzu auf seine Kappe. Nun muss Sloan den Preis für seine Loyalität bezahlen - ähnlich wie George Jung in 'Blow', der lange Zeit nicht wahrhaben möchte, dass sein Handelspartner Diego Delgado ihn abservieren will.

Nach mehreren internen Auseinandersetzungen in dieser Saison (Streitpunkte: mal wieder das System und die Spilzeitverteilung im Team) kochte die Suppe letzte Nacht schließlich über. Beim Heimspiel gegen die Chicago Bulls setzte sich Williams über einen von Sloan angesagten Spielzug hinweg, gab lieber nach eigenem Gutdünken die Angriffstaktik vor. Sloan, ein Purist der alten Schule, geriet derart in Rage, dass es in der Halbzeitpause zu einer fast handfesten Auseinandersetzung zwischen Coach und Spieler kam. Man brüllte sich gegenseitig in voller Lautstärke an. Williams machte letztendlich einen Rückzieher, wohlwissend wohl, dass Sloan während seiner aktiven Zeit als härtester Hund der Liga bekannt war. In der letzten Spielminute vergab Williams dann mit drei Ballverlusten in Folge den Sieg für Utah. Wer die Partie live mitverfolgen konnte, dürfte sich vor Verwunderung ebenso die müden Augen gerieben haben wie ich. D-Will verzog dabei keine Miene. Das war 'Tanking' in Perfektion.

Nach der Partie sassen ein frustrierter Sloan und die Clubführung (Manager Kevin O'Connor und Teambesitzer Greg Miller) uncharakteristisch lange beisammen, um die Lage zu besprechen. Sloan stellte die Vertrauensfrage: "Williams oder ich". Man entschied sich für den Spieler. Sloan war am Boden zerstört, zog aber die unmittelbaren Konsequenzen. Es ist die alte Geschichte von den Neuankömmlingen, die Altbewährtes unbedingt niederreissen müssen und verzweifelt versuchen, "mit der Zeit zu gehen". Nach dem Tod des langjährigen, allseits beliebten Teambesitzers Larry Miller (oben) übernahmen 2009 seine Nachkommen den Verein. Die sind nun ganz offensichtlich davon überzeugt, auf Sloan und dessen Arbeit an der Seitenlinie verzichten zu können.

Das sehe ich kritisch. Mein Tipp: spätestens wenn Deron Williams 2012 Free Agent und seine Talente in Richtung 'Big Market Team' mitnehmen wird, spätestens wenn Utah nach 19 Playoff-Teilnahmen in 22 Jahren in der NBA-Irrelevanz versinken wird, spätestens wenn man auch mit neuen Coach und hipperem Spielsystem das NBA-Finale nicht mehr erreichen wird - spätestens dann werden auch die Neuen in Utah feststellen, dass ein Team mehr ist als die Summe seiner Einzelspieler und dass es für 'Winning Programs', wie es Sloan etabliert hat, keinerlei Ersatz geben kann. Schon gar nicht in Form
eines einzigen Spielers ("Hallo, Cleveland. Wie geht's?"). Willkommen im Niemansland, Utah Jazz.