14 Oktober 2010



Am Dienstag kam Wizards-Guard Gilbert Arenas auf die etwas eigenwillige Idee, eine Knieverletzung vorzutäuschen, um seinem Teamkollegen Nick Young mehr Spielzeit einzuräumen. Gesagt, getan. Arenas liess sich vom ahnungslosen Coach Flip Saunders freistellen und setzte die Partie gegen Atlanta aus, Young rückte in die Startaufstellung. Der liga- und weltweite Backlash hat nun (erwartungsgemäss) monströse Ausmaße angenommen, Arenas wurde zu einer saftigen Geldstrafe verdonnert. Zwei Sichtweisen zur Situation in der neuesten nbachef-Rubrik 'Double-Doubles':

1. Arenas hat den Verstand verloren.

Wer 111 Millionen Dollar verdient, in letzter Zeit kapitale Böcke geschossen hat und dementsprechend unter dem teaminternen/gesellschaftlichen Mikroskop steht, sollte es eigentlich besser wissen. Teambesitzer Ted Leonsis und sein Coach Flip Saunders haben in den letzten Monaten öffentlich immer wieder dazu aufgefordert, Arenas als Bestandteil des Teams zu akzeptieren, ihn nicht abzuweisen. Die Fans scheinen (in Teilen) dazu bereit, wenn - und hier kommt der Vertrauens-Faktor ins Spiel - Arenas bereit ist, Buße zu tun. Aus Fehlern sollte man zumindest lernen. Das scheint nicht der Fall zu sein, und das verwirrt Wizards-Anhänger am meisten. Wenngleich die Absicht, einem jungen Teamkollegen mehr Spielzeit zu verschaffen, löblich ist, war doch die Umsetzung des Plans schäbig. Einen Coach wie Saunders, der öffentlich immer zu Arenas stand und es immer noch tut, zu belügen, zeugt von ganz schlechtem Stil. Ich bin mir sicher, dass es ein fünfminütiges Gespräch unter vier Augen genauso getan hätte - zumal es nur ein Testspiel war. Die Konsequenzen sind weitreichend: die Wizards hätten Arenas bei ihrem ersten Preseason-Heimspiel gerne zum ersten Mal seit der Knarren-Episode wieder den Fans präsentiert, um die öffentliche Wiedergutmachungstour zu starten. Das haute nicht hin. Coach Saunders hakte die Geschichte zwar vordergründig schnell ab, wird intern aber zu kämpfen haben mit dem Vertrauensbruch seitens seines (noch) besten Spielers im Kader, den er eigentlich als Stützpfeiler und Vorbild des jungen Teams auserkoren hatte. Verletzungen vortäuschen und dann in aller Öffentlichkeit Lügenmärchen erzählen ist unprofessionell und absolut inakzeptabel. Ein Club kann so etwas nicht tolerieren. Seinen Stammplatz ist Arenas deshalb bis auf Weiteres los.

2. Arenas weiß genau, was er tut

Der mysteriöse Mensch Gilbert Arenas weiss ganz eindeutig, wie man polarisiert. Eines seiner Ziele ist nach wie vor - und darauf kam es dem 28-jährigen immer schon an - gesellschaflich relevant zu bleiben. Dazu eignen sich Episoden wie diese am Besten. Wer ernsthaft geglaubt hatte, dass Arenas, trotz Sperre und öffentlicher Demontage, in den nächsten Jahren die Klappe hält und nur noch durch seine Leistungen auf dem Platz überzeugen will, hat offensichtlich nicht aufgepasst. Seine selbstlose Aktion wird ihm in internen Mannschaftskreisen viel Respekt einbringen. Als Veteran auf Spielzeit zu verzichten, damit ein junger Teamkollege scheinen kann, kommt gut an bei den Jungs. Arenas lag goldrichtig, denn Young erzielte 24 Punkten bei 10 von 14 aus dem Feld. Obwohl die ganze Welt Arenas in die Vorbild-Rolle drängen will - was angesichts seiner mittlerweile 28 Jahre auch irgendwo verständlich ist - weiss er selbst am Besten, dass er das nie sein kann. Rookie John Wall ist mit seinen erst 20 Lenzen jetzt schon reifer, als es Gilbert jemals sein wird. Arenas ist und bleibt eine Ulknudel, ein unsteter Geist, eine Borderline-Persönlichkeit mit absolut instabilen Beziehungen zu anderen - und zu sich selbst. Das paradoxe Verhalten gehört bei ihm einfach dazu, es zeichnet ihn aus. Wohlwissend, dass er niemals jenes aalglatte Profil eines Tim Duncan oder Derek Fisher erreichen wird, versucht es Arenas erst gar nicht, sondern bleibt seiner Linie treu. Nach dem Motto: ihr ändert mich ja doch nicht. Was seine Rolle bei den Wizards anbelangt, ist sich der dreimalige All-Star seiner Sache wohl sicher: wenn er gesund ist, muss Washington ihn einsetzen. Ein Trade ist in den nächsten Jahren so gut wie unmöglich - und langfristig auf die Bank verbannen lassen sich 111 Millionen auch nicht. Sein Leben ist geregelt, und das wird er wird in Zukunft wieder in allen Zügen und auf ganz eigenwillige Art und Weise geniessen wollen. Die Preseason war erst der Anfang...