10 September 2010



Flashback. Das Jahr ist 2007. Der jährliche NBA-Draft rückt heran, und zwei Spieler stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses:
Greg Oden und Kevin Durant. Der eine: ein Bär von einem Mann, 2,13m gross, 130 Kilo schwer. Ein echter Franchise-Center (dachte man). Einer, um den man ein Team herum aufbauen kann. Einer, der die Defensive verankert und die Zone dicht macht. Ein Shotblocker par excellence. Der andere: ein spindeldürrer Forward, ulkig anmutend mit viel zu langen Gliedmassen (Spannweite 2,25m), der aber scoren kann, bis der Arzt kommt. Der in seiner einzigen College-Saison 26 Punkte und 11 Rebounds pro Partie verbuchte - als Freshman wohlgemerkt. Wer Durant während seiner Zeit in Texas spielen sah, konnte da schon erahnen, wie gut dieser Junge in 5 bis 8 Jahren erst sein wird.

Portland gewinnt das Lotterie-Spiel und darf zuerst wählen. Das ewig junge Vabanque-Spiel geht in eine neue Runde. Das Team, angeführt vom damaligen General Manager Kevin Pritchard, bestellt sowohl Oden als auch Durant zum Workout. Man will akribisch sein, schließlich steht das Schicksal der Franchise auf dem Spiel. Zieht man eher den traditionellen Center, der das Rückgrat eines Championship-Teams sein soll, oder den Scorer, die potentielle statistische Wundertüte die einmal alle 10 Jahre daher kommt ? Sprungkrafttests, Sprints, Bankdrücken - die beiden Top Prospects müssen das volle Programm absolvieren. Man will auf Nummer Sicher sicher gehen. Portland (und die gesamte Liga) dreht komplett am Rad, als Durant beim Bankdrücken nicht mehr als 84 Kilogramm gestemmt bekommt. "Viel zu schwach, der setzt sich niemals durch. Die NBA-Spieler fressen ihn bei lebendigem Leibe auf. Er wird Probleme bekommen, vor allem als Scorer, gegen die aggressiven Verteidiger. Zu hohes Risiko." Portland entscheidet sich für Oden, und fühlt sich auf der sicheren Seite. Immerhin spielt mit Brandon Roy bereits ein ergiebiger Punktesammler in den eigenen Reihen. Oden soll nun das letzte Puzzlestück sein, das die Blazers zum Titel führt und sie als Dynastie im Westen auf Jahre hinaus etabliert.


"Grosser Fehler damals", meldet sich heute
Jeff Ma zu Wort. Ma ist ein Superhirn, ein Absolvent des weltbekannten M.I.T., der in den 90ern zusammen mit ein paar Kollegen durch simples Karten-Zählen beim Blackjack mehrere Millionen Dollar in Las Vegas ergatterte - eine recht unfassbare Geschichte, die später als Grundlage für den Hollywood-Streifen '21' diente. Ma war vor drei Jahren noch Chefstatistiker bei den Trail Blazers und gilt als Branchen-Vorreiter in Sachen 'basketball metrics' - statistische Werte wie 'effective FG%', 'rebound rate' oder 'adjusted pace', die weit über Punkte und Assists hinaus gehen und einen viel komplexeren Blick auf Spielerleistungen ermöglichen. "All unsere Untersuchungen ergaben damals, dass Durant der mit Abstand bessere Spieler war und in Zukunft sein würde. Das haben ich und mein Team auch so an das Front Office weiter gegeben", erklärt Ma. "Dennoch erschien die Wahl Oden's damals die logischere Alternative angesichts des Rosters und den Dringlichkeiten, die addressiert werden mussten. Einen zweiten Scorer brauchte man nicht unbedingt. Einen Langen dagegen schon. Die Clubführung entschied sich gegen unsere Empfehlung."

Während Oden noch vor Beginn seiner Rookie-Saison am rechten Knie operiert werden musste und seither gerade mal 82 Partien in drei ganzen Spielzeiten absolvieren konnte, schlug Kevin Durant in Seattle/Oklahoma City/der NBA ein wie eine Atombombe. Letzte Saison wurde er jüngster Scoring-Champion aller Zeiten und zweiter bei der MVP-Wahl. In diesem Jahr führt er die US-Auswahl bei der Basketball-WM in der Türkei eigenhändig Richtung Titelgewinn und gilt zudem als aussichtsreichster Kandidat für die Trophäe des wertvollsten Spielers in der kommenden Saison 2010/11. Hinzu kommt, dass sich seine Mannschaft unter seiner Führung vom Kellerkind zu einem der besten Teams der Liga mausern konnte, während Portland seit 2007 auf der Stelle tritt.


Natürlich ist man im Nachhinein immer schlauer. Hätte, rätte, tätte sozusagen. Abschreiben sollte man Oden, den 22-jährigen der aussieht wie 65, jetzt noch nicht. Keine seiner Verletzungen seit dem College (gebroches Handgelenk, Mikrofraktur rechts, Kniescheibenbruch links) waren miteinander verwandt. Da war extrem viel Pech mit dabei, und es ist durchaus vorstellbar, dass er in naher Zukunft als effektiver Center Spiele entscheiden wird, so wie er das letzte Saison phasenweise schon angedeutet hat.

Trotzdem gehen einem irgendwie die Bilder von 1984 nicht aus dem Kopf. Nachdem die Houston Rockets den damaligen Hauptgewinn Hakeem Olajuwon mit dem ersten Pick selektierten, waren die Portland Trail Blazers an der Reihe. Sie hatten die Wahl zwischen dem Center, dem Grossen, der die Zone beherrschen und das Rückgrat der Mannschaft bilden sollte und dem Scorer, dem Ballfresser, der One-Man Show. Portland hatte damals bereits Clyde Drexler in den eigenen Reihen und entschied sich folgerichtig mit dem 2. Pick für
Sam Bowie - und gegen Michael Jordan, der einen Pick später an Chicago abfiel. The Rest is history...