29 September 2010



Sie vegetierten bereits seit Jahren vor sich hin, auf und ausserhalb des Parketts nur noch ein Schatten ihrer erfolreichen Vorgänger aus den 1990ern/frühen 2000ern. Klinisch tot. Just als man sich bereits damit abgefunden hatte, dass die Auswahl von Paul George und Lance Stephenson im Draft der einzige Atemzug der Indiana Pacers in diesem Sommer bleiben würde, als man wieder einmal annehmen musste, dass die Tempomacher völlig planlos in die neue Saison starten würden - just in dem Moment passierte der Trade, der alles veränderte: Darren Collison kam in jenem 4-Team Trade Anfang August aus New Orleans und weckte eine basketballverrückte Provinz aus ihrem kollektiven NBA-Koma. Man vertraut darauf, dass D.C. die heilsbringende, so dringend benötigte Medizin ist, um in Indianapolis die chronischen Krankheiten der letzten Zeit zu kurieren und das Krankenbett im Keller endlich verlassen zu können.

Collison, der im letzten Jahr seine erste NBA-Saison absolvierte, stellte als Ersatz-Starter für den verletzten Chris Paul seine Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis: 19 Punkte und 9 Assists erzielte D.C. in 37 Spielen von Beginn an. Diese Werte darf man von ihm in Indiana nicht gleich auf Anhieb erwarten. Er muss ein neues System erlernen und sich erst an seine neuen Mitspieler gewöhnen, wird aber dennoch eine extrem grosse Rolle im Offensivsystem von Coach Jim O'Brien einnehmen, der ein geschwindes Uptempo-Game bevorzugt. Das wird seinem pfeilschnellen Aufbauspieler selbstverständlich bestens gefallen.

Flankiert wird Collison vom grossen Star der Mannschaft, Danny Granger, sowie dem sich stetig verbessernden Center Roy Hibbert. Granger gehörte in der letzten Spielzeit zu den erfolgreichsten Scorern der Liga, erzielte allabendlich 24.1 Punkte pro Partie. Nach dem Abgang von Troy Murphy in Richtung New Jersey und den Leistungsabfällen von Mike Dunleavy und TJ Ford erwarten viele von Granger heuer den Aufstieg zur absoluten Leitfigur bei den Pacers - auf und ausserhalb des Platzes. Man hofft darauf, dass sich der Small Forward vor und während der Basketball-WM in der Türkei einiges von seinen Mitspielern dort abgeschaut hat, was 'Leadership'-Qualitäten anbelangt und in der kommenden Saison mit gutem Beispiel voran gehen wird.

Hibbert gehört ganz klar die Zukunft. Der 23-jährige hatte letztes Jahr noch einen schweren Stand unter O'Brien, der ihm nur 25 Minuten pro Spiel zugestand und ihn oft kritisierte. Dennoch deutete Hib sein grosses Potential schon da an, und so verwundert es nicht, dass er in Zukunft ohne Murphy und als einzig relevanter Big Man im Team eine prominentere Rolle spielen soll. Hibbert hat in der Offseason gearbeitet wie ein Besessener, sich unzählige Trainingseinheiten an der Seite von Center-Legende Bill Walton angetan, 9 Kilogramm abgenommen und seinen Körperfettanteil auf nicht mehr wahrnehmbare 10 Prozent reduziert. Obwohl es noch ein ganzes Weilchen dauern wird, bis sich der 2,18m Riese als Low-Post Präsenz etabliert hat - die nötigen Tools sind bei ihm durchaus vorhanden. Sein Aufstieg wird eines der Pacers-Highlights '10/11.


Mit Collison-Hibbert-Granger hat Indiana also endlich wieder ein Trio beisammen, um das herum sich in den kommenden Jahren etwas Großes aufbauen lässt. Beim Blick auf den Rest des Teams weicht die Euphorie aber schnell einer kalten Ernüchterung. Die Power Forward Position ist nach dem Abgang des menschlichen Double-Doubles Troy Murphy komplett verwaist. Die Kandidaten: Josh McRoberts, Tyler Hansbrough (der nach knapp 9 Monaten Karantäne aufgrund einer Ohrinfektion erstmals wieder auf Parkett zurück kehrte) und der knapp 60-jährige Jeff Foster. Autsch. Ein weiteres Problem stellt die überbevölkerte Shooting Guard Position dar, wo sich zwar viel Masse tummelt, dafür aber kaum Klasse. Brandon Rush, Paul George, Mike Dunleavy, Dahntay Jones und Lance Stephenson werden sich um Minuten auf der Zwei streiten, wenngleich der ein oder andere auch ein paar Backup-Minuten auf der Drei abstauben wird (nicht mehr als 6-8 pro Partie, weil Granger 40+ abspult). Als weitere Sorgenkinder gelten die Off-Court-Probleme von Brandon 'Weed' Rush (dritter vermasselter Drogentest in den letzten Jahren) und Rookie Lance Stephenson (häusliche Gewalt), die durch ihre Fehltritte das in Indianapolis angestrebte Sauberimage verunreinigten - das letzte Wort ist da noch nicht gesprochen.

Und zuguterletzt müssen auch die Leistungen auf dem Platz besser werden. Letzte Saison war das Team von Basketball-Legende
Larry Bird (Director of Basketball Operations) das 3-schlechteste Team bei der Trefferquote, 5-schlechteste bei der offensiven Effizienz und 8-schlechteste bei den erlaubten Punkten pro Spiel. Will man wirklich um einen der letzten zwei Playoff-Plätze in der Eastern Conference mitspielen, muss sich vor allem die Defensive steigern. Hibbert allein wird's in der Zone nicht richten können. Es muss noch mindestens ein gestandener Power Forward verpflichtet werden. Rebounds fehlen nämlich vorne und hinten. Bird wird aber ohnehin irgendwie versuchen, seinen ungleich gewichteten Roster auszubalancieren. Mit den auslaufenden Verträgen von Dunleavy (10.5 Mio $), Ford (8.5) und Foster (6.7) stehen gleich drei attraktive Trade-Häppchen parat, die neues Spielermaterial zu den blau-gelben lotsen sollen.

Wenngleich es, zumindest mit diesem Kader, noch nicht ganz für die Playoffs reichen wird, so sollte Indiana sich dennoch in vielen Bereichen stark verbessert präsentieren. 34 bis 38 Siege sind durchaus drin im Osten. Collison ist der klare neue Taktgeber, Hibbert der Big Man der Zukunft, und Granger die Go-to-Option im Team. Nach und nach wird man im Conseco Fieldhouse auch die dazu passenden Puzzlestücke zusammenfinden und ein junges, attraktives und bald auch erfolgreiches Produkt auf den Platz stellen. Davon sind durchschnittliche Beobachter und Experten gleichermassen überzeugt. Auch wenn der Weg zur vollständigen Genesung noch weit ist - die Indiana Pacers leben wenigstens wieder.