03 August 2010


Was für ein verblüffender Sommer in der National Basketball Association. Nach dem epischen Finalshowdown zwischen den Los Angeles Lakers und Boston Celtics erwischte uns der "wildeste Free Agent Sommer aller Zeiten" mit voller Wucht. Miami angelte sich die grossen Drei. Chicago rüstete sich im Hintergrund für einen Angriff auf die Ost-Elite. New York ist dank seiner Neuzugänge wieder im Rennen um die Playoff-Plätze. LA und Boston addierten weitere Komponenten zu ihren Finalteams hinzu. Und David Kahn setzte seinen beispiellosen Ausverkauf in Minnesota fort. Apropos David Kahn: es war natürlich nicht alles berauschend. Einige Geschichten verdutzten und warfen hunderte von Fragen auf. nbachef fasst die wacksten Storylines der letzten Wochen zusammen.


6. Wesley Matthews unterschreibt in Portland für 5 Jahre, 33.4 Mio $

Noch vor einem Jahr war Matthews ein ungedrafteter Rookie. Utah verpflichtete den Shooting Guard und eröffnete ihm relativ viel Spielzeit im Backcourt. Matthews dankte es mit 9.4 Punkten und guten Trefferquoten (48% FG, 38% Dreier). Dann kam Portland angewackelt und unterbreitete dem guten Verteidiger ein kolossales Offer-Sheet: 33.4 Millionen für 5 Jahre. Das neue Vertragsangebot war extrem vorderlastig. Matthews wird dank mehrerer Boni in der nächsten Saison knapp 9 Millionen Dollar verdienen. Utah liess geschickterweise die Finger von Matthews, glich das Angebot nicht ab, und liess den jungen Guard ziehen. Matthews ist ein solider Spieler, allerdings keine 6 bis 7 Millionen im Jahr wert. Portland verwendete seine komplette Midlevel Exception auf ihn - für einen Rerservespieler (Brandon Roy wird er nicht aus der Startformation verdrängen können) eindeutig zu viel. Ron Artest unterschrieb letzten Sommer ebenfalls einen Full MLE Deal bei den Lakers. Jahresverdienst: zwischen 6 und 7 Millionen. Nicht gerade die gleiche Leistungsklasse.


5. Memphis Grizzlies verlängern Rudy Gay für 82 Mio $, verpokern sich im Fall Xavier Henry

Rudy Gay war ein restricted Free Agent, die Grizzlies hätten jedes Angebot von ausserhalb abgleichen und ihren jungen Forward behalten können. In der Regel (eigentlich immer) wartet man in solchen Fällen ab, was die Konkurrenz macht, zumal man als 'Heimteam' einen entscheidenden Vorteil geniesst: man kann mehr Geld bieten. Der jährliche monetäre Zuwachs von über 10 Prozent ist ein weiteres As im Ärmel. Dennoch feuerte Memphis gleich am ersten Tag der Free Agency einen Max-Vertrag für Gay raus. Insgesamt ist es der 6.-lukrativste Deal des Sommers, für einen Spieler, der nicht einmal unter den 10 besten Free Agents geführt wurde und dessen Skillset keinen Max-Deal rechtfertigt. Gay liess nämlich in den letzten beiden Jahren jedwelche signifikante Verbesserung in seinem Spiel vermissen.

Weitaus verstörender als Gay's neuer Deal sind jedoch die immer noch andauernden Vertragsverhandlungen der Grizz mit ihrem Lotterie-Pick Xavier Henry. Die Parteien haben sich immer noch nicht auf einen Rookie-Deal geeinigt, weshalb Henry auch nicht an der Summer League teilnehmen konnte und immer noch kein offizieller Grizzly-Spieler ist. Es geht summa summarum um ca. 300000 Dollar, die das Team nicht bezahlen will. Teams haben die Möglichkeit, ihren Erstrunden-Rookies zwischen 80 und 120 Prozent eines fest geschriebenen Gehaltssatzes auszuzahlen. Alle Franchises drücken so gut wie immer den Maximalsatz ab. Nicht so die Grizzlies, die auf leistungsbezogene Boni bestehen. Die Rookie-Deals wurden vor einigen Jahren mit dem Hinteregdanken eingeführt, langwierige Vertragspoker wie diesen hier auszumerzen - was auch gelang. Bezeichnend, dass ausgrechnet Memphis den hässlichen Trend der 90er wieder beleben muss.


4. Toronto Raptors verlängern Amir Johnson für 5 Jahre/34 Mio $, verkacken Matt Barnes-Deal, treten verbal gegen Ex-Spieler nach

Der neue Deal für Forward/Center Amir Johnson ist äusserst verblüffend. Für ein Team, das sich nach dem Weggang von Franchise-Spieler Chris Bosh im Wiederaufbau befindet, absolut unverständlich, wieso man einem Reservespieler von Johnson's Format knapp 7 Millionen pro Jahr aufs Konto überweist. Johnson hat Karrierewerte von 4.7 Punkten und 4.2 Rebounds. Noch schlimmer: seine Karriere-Foulrate ist astronomisch hoch (knapp 3 PFs in mickrigen 15 Minuten pro Spiel). Kein Profispieler foulte in der abgelaufenen Saison häufiger. Hochgerechnet auf einen Startplatz bedeutet das: Johnson wird bei seinem Foulpensum keine 25 Minuten auf dem Platz verbringen. Sein Offensivspiel ist sehr unausgereift, ausserhalb der Zone ist er ziemlich unbrauchbar (insgesamt nur 31 Treffer in den letzten zwei Jahren). Alles in allem also mehr als eine MLE für einen marginalen Bankspieler, der seit fünf Jahren in der Liga ist und bisher noch nichts gezeigt hat.

Matt Barnes war bereits auf dem Weg nach Toronto, man kündigte im Internet seinen 2-Jahres, 10 Millionen Deal an. Problem: Toronto hatte nach dem Johnson-Signing kein Geld mehr unter dem Salary Cap. Auch ein versuchter Sign & Trade mit den Magic fiel ins Wasser, denn Orlando hatte keine Bird-Rechte an Barnes und konnte nicht höher als 2 Millionen gehen. Toronto hatte schlicht vergessen, die aktuellen CBA-Statuten zu konsultieren - ein peinliches Versagen des Front Office. Barnes landete schließlich bei den Lakers, weit weg vom Chaos in T-Dot.

Raptors-GM Brian Colangelo hat schon lange seinen ehemals guten Ruf als einer der Top-Manager der Liga eingebüsst. Neben seinen recht zweifelhaften Transaktionen liess sich Colangelo zu allem Überfluss auch noch dazu hinreissen, verbal gegen seine abgewanderten Ex-Spieler Chris Bosh und Hedo Turkoglu nachzutreten. Wenngleich etwaige Anschuldigungen, wie etwa Bosh's mangelnder Einsatzwillen in den letzten Wochen der Saison, durchaus nachvollziehbar sind, muss ein GM über diesen Dingen stehen, sich in Interviews etwas zügeln. Vielleicht merkt Colangelo aber selbst, dass ihm die Dinge in Toronto zunehmend entgleiten.


3. Joe Johnson verlängert in Atlanta für gigantischen 6 Jahres/124 Mio $ Deal

Um es mit den Worten eines Journalisten-Kollegen zu sagen: "Wann immer man einem Spieler, der im Conference Halbfinale 12 Punkte pro Spiel erzielte während sein Team mit 20 unter die Räder kam, 120 Millionen in den Arsch schieben und seine Franchise ruinieren kann, muss man es einfach tun." In einem Sommer, gespickt mit Mega-Free Agents und All-NBA-Spielern, schaffte es ausgrechnet Joe Johnson, den dicksten Gehaltsfisch an Land zu ziehen. 124 Millionen Dollar, das sind weit mehr als 20 Mille pro Jahr. Johnson ist jetzt bereits 29 Jahre alt und hat sich in den letzten drei Saisons kein Stückchen verbessert. Dennoch wird er 2016 der teuerste Spieler der Liga sein - mit dann 35 Jahren. Johnson verschwand in den letztjährigen Playoffs (mal wieder) in der Versenkung, brachte es gegen Orlando auf miniaturhafte 12.8 Punkte bei bestialischen 29 Prozent aus dem Feld. Obwohl Atlanta's Move oberflächlich betrachtet verständlich anmutet (man wollte keine Rückschritt machen nach sechs Jahren Leistungssteigerung in Folge), wären die Hawks langfristig ohne Johnson wohl besser gefahren. JJ ist kein Franchise-Spieler, und wird das auch nie werden. Ein Max-Deal in dieser Grössenordnung für einen Spieler seines Kalibers ist in der heutigen Zeit völlig abgefahren.


2. David Kahn und sein Kaschperleverein in Minnesota

Wo anfangen, wo aufhören bei soviel Elend ? Man könnte beim Draft beginnen, wo Kahn DeMarcus Cousins links liegen lässt, um sich Wesley Johnson zu ziehen. Wenige Minuten später wird Draftpick Luke Babbitt im Paket mit Ryan Gomes nach Portland getradet, im Tausch für Martell Webster. Problem: Webster spielt die gleiche Position wie Wesley Johnson und Corey Brewer, einem der wenigen produktiven Wölfe in der letzten Saison. Kein Problem für Kahn. Er löst die Blockade auf der Small Forward Position auf die ihm eigene Art: er draftet einfach einen weiteren Small Forward, Lazar Hayward. Dann der Vorschlaghammer: Minnesota verlängert Darko Milicic, den legendären Draft-Flop des 2003er Drafts. Milicic, einer der "besten Passing Big Men aller Zeiten", erhält einen 4-Jahres Deal (20 Mio $) und wird zum neuen Starting Center postuliert. Heisst das etwas, dass Franchise-Center Al Jefferson redundant geworden ist ? Yep, genau das heisst es. Jefferson wird für nen halben Apfel und kein Ei nach Utah getradet. Minnesota geht weiterhin in die Vollen. Free Agent Point Guard Luke Ridnour wird ins NBA-Niemansland gelotst, für 4 Jahre und 16 Mio $. Michael Beasley wird aus Miami geholt. Die befürchteten Charakterprobleme eines DeMarcus Cousins (Hauptgrund für ein Nicht-Draften des Kentucky Big Man) hat man durch das Beasley-Signing um ein Vielfaches potenziert. Am gleichen Tag, an dem die Verletzung von Johnny Flynn, dem Starting Point Guard bekannt wird, verschifft Kahn noch einen seiner besten Spieler, Ramon Sessions, nach Cleveland. Im Tausch kommen Delonte West und Sebastian Telfair. Keiner der beiden wird wohl bei den Wolfswelpen bleiben. Was genau aus dem ursprünglichen Plan der T'wolves geworden ist, einen konkurrenzfähigen, kompatiblen Kader für ihren Heilsbringer Ricky Rubio zusammenzustellen, weiss mittlerweile kein Mensch mehr. David Kahn inbegriffen.


1. 'The Decision'

Den modrigen Nachgeruch dieses perfiden Events wird man in NBA-Zirkeln noch lange vernehmen können. Angefangen bei der geheimen Abmachung von Dwyane Wade, Chris Bosh und Lebron James, über die Medienfarce und die fingierten Meldungen in den Tagen vor dem 8. Juli bis hin zu diesem marketingstrategischen Eigentor von Lebron, Maverick Carter, LRMR und ESPN - The Decision war das mit Abstand Erbärmlichste, was dieser Sommer zu bieten hatte. James' Entscheidung, nach Miami zu wechseln, ist vollkommen legitim und ihm als Free Agent auch gegönnt. Extra zu diesem Anlass im (inter-) nationalen Fernsehen eine abgekartete, verlogenene, pathetische Sondersendung einberaumen zu müssen, in der man seinem alten Team den Rücken kehrt und erklärt, man würde "seine Talente nach South Beach mitnehmen", unterstreicht aber die Selbstverliebtheit, Gigantomanie und mentale Defizienz eines Lebron James mitsamt Beratern. Total daneben, und verdientermassen die um Längen wackste Storyline unseres NBA-Sommers.

Honorable Mentions: Orlando Magic, die Panik der New Jersey Nets, 100 Mio $ für Amare Stoudemire