09 August 2010


Falls irgend jemand in der Vergangenheit an James Dolan's Geisteskrankheit gezweifelt hat, die Ereignisse des Wochenendes bestätigten ein und für alle mal den Irrsinn des milliardenschweren Knicks-Besitzers: ausgerechnet Isiah Thomas ist wieder in New York und hat von Dolan höchstpersönlich eine Anstellung als Berater bei den Knickerbockers erhalten. Demselben Team, das Thomas von 2003 bis 2008 in diversen Kapazitäten (Coach, General Manager, Team-Präsident) betreut - und ruiniert hatte. Personelle Desaster, fehlgeschagene Akquisitionen von historischen Ausmassen, Salary Cap Fiaskos und Niederlagen satt gehen allesamt auf Isiah's Kappe. Die Knicks mutierten nach und nach von der illustren Franchise der 70er bis 90er zu einem NBA-Kalauer. Zu allem Überfluss sorgte Thomas auch noch für die extrem peinliche Boulevard-Episode mit Anucha Browne Sanders. Die Frau zerrte Thomas wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz vor Gericht und klagte insgesamt 11.6 Millionen US-Dollar an Entschädigungsgeldern erfolgreich ein. Es bleibt bis heute eine der höchsten Schadensersatz-Summen aller Zeiten. Der Ruf der Franchise war endgültig zerstört.

Vor zwei Jahren dann übernahm Donnie Walsh das Ruder hinter den Kulissen des Madison Square Garden. Der neue Manager machte sich auf dem Schrottplatz am Penn Plaza an die Arbeit, sortierte nach und nach den Sperrmüll aus dem Kader und schaffte es in nur zwei kurzen Jahren, die Knickerbockers einer Radikal-Renovierung zu unterziehen. Walsh räumte massig Platz unter dem Salary Cap frei und schiffte alle überbezahlten Spieler der Thomas-Ägide aus dem Kader. Auch die Eddy Curry-Katastrophe ist so gut wie ausgestanden. Der Vertrag des Großcousins von Jabba the Hut läuft nur noch ein Jahr. Das grosse Ziel (Lebron James/Dwyane Wade) wurde in diesem Sommer zwar nicht erreicht - das ging 28 anderen Franchises aber genauso. Dennoch war New York (bisher zumindest) einer der Gewinner dieses wilden Sommers. Die Neueinkäufe Amare Stoudemire, Raymond Felton, Anthony Randolph, Kelenna Azubuike, Ronny Turiaf, Roger Mason & co. bringen eine lange vermisste Qualität ins Team. Der Kader ist jung, athletisch und mit Geld unter dem Salary Cap ausgestattet. Eine Playoff-Teilnahme scheint ganz realistisch möglich zu sein.

Just in dieses kleine Zwischenhoch hinein zielt James Dolan mit der Verpflichtung von Isiah Thomas - und zerschmettert es mit voller Wucht. Die Anstellung des Ex-Paria ist an sich schon verblüffend genug, auch wenn Thomas "nur" als Berater engagiert wurde. Sicher: Thomas ist ein Experte in Sachen Talentevaluation und Draft Picks. In diesen Bereichen macht ihm so schnell keiner etwas vor. Dennoch kam dieser Move völlig unerwartet. Oder vielleicht doch nicht...

Beobachter wurden schon vor Wochen stutzig, als der zweifache NBA-Champion aktiv in den Wechsel von Free Agent Amare Stoudemire nach New York involviert war. Wie sich nun heraus stellt, ist die Dolan-Thomas Bande noch viel stärker geknüpft. Obwohl sich Donnie Walsh nach einem Gespräch mit Thomas eindeutig, auch öffentlich, gegen dessen Engagement ausgesprochen hatte, kamen Thomas und Dolan hinter verschlossenen Türen und hinter Walsh's Rücken zu einer Übereinkunft. Verblüffenderweise befürwortet niemand in der Organisation der Knicks die Anstellung des ehemals desaströsen Managers. Walsh ist ausser sich vor Wut und fühlt sich von Dolan übergangen, der ihm eigentlich vollste Kontrolle über alle 'basketball-related transactions' zugesichert hatte, auch die Anstellung von Scouts und Beratern. Eine Lüge, wie sich nun heraus stellt.

Neben dem potentiell desaströsen Domino-Effekt für die Knicks hält die Angelegenheit auch für die Liga ein paar dicke Fragezeichen bereit. Thomas ist seit 2009 Head Coach der Florida International University, einer NCAA Divison I Schule. Erstaunlicherweise scheint einer Doppelanstellung von Thomas, sowohl in der NBA als auch an der FIU, bisher nichts entgegen zu stehen. Der Universitäten-Verband hat Thomas bereits grünes Licht erteilt, die NBA hat (bisher) noch keine offiziellen Einwände dargebracht (überprüft aber zur Zeit die juristischen Implikationen des Thomas-Signings). Das Ganze ist äusserst skurril, aus zweierlei Gründen.

Zum einen verbieten Liga-Statuten jeglichen Kontakt zwischen NBA-Angestellten und High School-/College-Spielern bis kurz vor dem jährlichen Draft. Ein College-Coach wie Thomas hat selbstredend beliebigen Zugang zu allen Nachwuchs-Spielern des Landes, darf mit ihnen kommunizieren, telefonieren und sie sogar offen rekrutieren. Allein einen College-Spieler namentlich zu erwähnen zieht für NBA-Trainer, Spieler und Funktionäre empfindliche Geldstrafen nach sich. Das träfe auf Thomas freilich nicht zu. Er hätte als Angestellter der Knicks einen Freipass, könnte massiven Einfluss auf Spieler ausüben und so den Wettbewerb vor dem Draft illegal verzerren.

Noch viel schlimmer jedoch wäre zum anderen die Rückwirkung auf die Liga und die noch strikte Trennung zwischen Preps (College/High Schoo) und Pros (NBA). Erlaubt man Thomas, gleichzeitig als College-Coach und als Funktionär eines NBA-Teams zu arbeiten, würde man hier einen Präzedenzfall schaffen. Andere Teams würden augenblicklich nachziehen wollen. Bald schon hätte jede Profimannschaft einen eigenen College-Coach, vielleicht sogar ein komplettes Universitäts-Programm, das ausschließlich ihr zuarbeitet. Rick Pitino wäre dann Coach in Kentucky und gleichzeitig Consultant bei den Chicago Bulls. John Calipari würde wohl Kentucky und die Miami Heat gleichzeitig trainieren. Und Mike Krzyzewski würde in seiner Doppelfunktion als Blue Devil/Boston Celtic jede Saison um gleich mehrere Titel mitspielen. Ein Horrorszenario.

Hier ist jetzt NBA-Boss David Stern gefordert, der Thomas vor die Wahl stellen
muss: entweder New York oder FIU. Auf gar keinen Fall beides.