18 August 2010



Ganz heiss diskutiert wird dieser Tage die Situation von Carmelo Anthony. Die Medien überschlagen sich mit wilden Spekulationen, neue potentielle Trade-Partner tauchen täglich in den Schlagzeilen auf, selbst Fussball-Portale widmen sich hierzulande (gewohnt planlos) dem Thema. Dabei dürfte die Entwicklung in dieser Angelegenheit nur den Laien wirklich überraschen. Ein Abgang des 26-jährigen aus seiner bisher einzigen Profiheimat Denver steht schon länger ausser Frage. Es geht nur noch um das Wann und Wie.

Seit Anfang Juni liegt ein verlängertes Vertragsangebot der Denver Nuggets auf Melo's Wohnzimmertisch. Konditionen: 3 Jahre, 65 Millionen Dollar. Zum Mitschreiben nochmal langsam: das macht knapp 22 Millionen pro Saison. Anthony würde damit auf Anhieb zum zweitbesten NBA-Verdiener nach Kobe Bryant (Jahressalär 24 Mille) aufsteigen. Das Angebot der Klumpen ist umso verlockender, als doch 2011/12 ein potentieller Lockout ins Haus steht, und die Gehälter auch bei einer Einigung zwischen Teambesitzern und der Player's Association wohl drastisch reduziert werden. Anthony könnte also richtig absahnen - will es aber ganz offensichtlich nicht.

Bis heute liess sich der dreimalige All-Star nicht dazu drängen, seine Signatur unter den Vertragswisch zu setzen, und signalisiert damit unmissverständlich: hier will ich nicht länger bleiben. Das weiss auch Stanley Kroenke, der Teambesitzer. Das weiss er deshalb nur zu gut, weil er als Gast auf Anthony's Hochzeit geladen war. Eine Reihe von Promis waren zugange an jenem 11. Juli in Manhattan, darunter bekannte NBA-Grössen wie Chris Paul, Amare Stoudemire oder Ronny Turiaf. Wie wir alle wissen, erhob Chris Paul sein Glas zum Toast und deutete ganz vorsichtig an, dass er, Amare und Carmelo nun ihre eigene Big Three Variante bei den Knicks formieren müssten, um der neuen Supermacht in Miami Einhalt zu gebieten. Stoudemire und Turiaf forderten Anthony weitaus vehementer auf, gefälligst nach New York zu wechseln. Die Menge lachte laut und freute sich überschwenglich. Als dann Kroenke, der Nuggets-Besitzer, ebenfalls zum Toast ausholte, wurde es peinlich still im Raum.

Die Verbindungen von Anthony nach New York sind vielschichtig. Er ist in Brooklyn geboren, ein waschechter New Yorker also. Seine College-Karriere absolvierte er bei den Orangemen in Syracuse - ebenfalls NY. Seine Frau Lala Vasquez, eine bekannte Grösse im Showbusiness, stammt ebenfalls aus New York. Wie jeden Profi zieht es auch Anthony früher oder später in die Heimat. Nach mittlerweile 7 Jahren in der Mile High City völlig verständlich, zumal der Schritt in den Big Apple nicht nur privat motiviert wäre.

Auch sportlich denkt Anthony voraus. Zwar spielen seine Denver Nuggets im Moment noch erfolgreicher als New York (siehe Conference Final-Teilnahme 2009). Ob das in zwei oder drei Jahren aber immer noch der Fall sein wird, ist mehr als fraglich. Die Verträge von Chauncey Billups und Nene laufen übernächsten Sommer aus, JR Smith, Kenyon Martin und Ty Lawson werden schon in einem Jahr Free Agents. Gut möglich, dass die Nuggets spätestens 2012 also nur noch NBA-Mittelmaß sind. George Karl, der Head Coach, kehrt nach seiner schweren Krebserkrankung zwar wieder auf die Trainerbank zurück. Ob und wie er die Strapazen einer langen Saison wegstecken wird, bleibt aber offen. Die Karriere ist zumindest bedroht. Die Nuggets sind momentan immer noch ohne General Manager, nachdem die bisherigen Entscheidungsträger Mark Warkentien und Rex Chapman vor kurzem gegangen wurden.

Bei den Knicks fände Anthony ein aufstrebendes, junges Team vor. Spieler wie Amare Stoudemire, Anthony Randolph oder Danilo Gallinari. Ein Coach, dessen offenes, schnelles Spielsystem perfekt auf einen Gunner wie Anthony angepasst ist, mehr noch als die Offensive von Coach Karl. Hinzu kommt die realistische Möglichkeit, dass sich ein Point Guard wie Tony Parker oder Chris Paul ebenfalls nach New York verirrt. Das wäre der Jackpot für die Knicks und Anthony. Der hat übrigens vor kurzem sein Haus in Littleton, Colorado verkauft. Seine Freunde posaunen bei jeder Gelegenheit heraus, dass Melo in Zukunft in New York spielen will. Einer seiner Vertrauten erzählte erst kürzlich dem US-Sender CBS: "Carmelo already wants to play in New York. He doesn't need anybody to bring him there. He's a gunslinger. That situation is perfect for him."

Denver wird handeln müssen, ganz sicher sogar. Das Team kann selbstverständlich immer noch darauf hoffen, dass Melo die angebotene Vertragsverlängerung annimmt. Hinter den Kulissen hat man aber schon damit begonnen, passende Trade-Szenarien auszukundschaften. Man will nicht enden wie Cleveland oder Toronto und nach dem Abgang seines Franchise-Spielers mit leeren Händen da stehen. Je früher man handelt, desto grösser der Gegenwert für Melo. Je mehr man sich der Trade Deadline im Februar nähert, desto schlechter logischerweise die Angebote von anderen Teams. Zyniker sehen die Chancen der Knicks bei etwa Null, sich Anthony via Trade angeln zu können, und katapultieren Mannschaften wie Houston, Orlando oder New Jersey auf die Favoritenplätze im Anthony-Sweepstakes. Dabei lassen sie jedoch ausser Acht, dass Anthony sich schon nächsten Sommer als Unrestricted Free Agent sein neues Team ganz alleine aussuchen darf. Und was Isiah Thomas jetzt schon weiss, wird dann Realität: Carmelo Anthony, your new New York Knick.