14 Juli 2010


Wer nach dem Abgang von Amare Stoudemire damit gerechnet hat, dass Phoenix in die Niederungen der Western Conference abfallen könnte, der kann beruhigt aufatmen, denn das Team aus der Wüste bleibt am Ball wie die Hand eines gedoppelten Steve Nash bei einem Hesitation Dribble. Die Suns können seit zwei separaten Trades gestern mit zwei weiteren Neuzugängen aufwarten, die massig spielerische Qualität in den Kakteenstaat mitbringen.

Neuerwerbung Nummer eins ist Hedo Turkoglu, der im Tausch für Leandro Barbosa und Dwayne Jones aus Toronto kam. Turkoglu gilt als 'Point Forward', als jemand, der gut mit dem Ball umgehen und Scoring-Szenarien für sich und seine Mitspieler kreieren kann. So geschehen vor zwei Jahren, als die Orlando Magic auch wegen Turk's starker Form das NBA-Finale erreichten. In Toronto fand der Small Forward dagegen nie zu seinem Spiel. Mickrige 11.3 Punkte bei unterirdischen 41 Prozent aus dem Feld brachte der Türke zustande. Nicht zuletzt deshalb war Turkoglu so etwas wie der Lieblings-Sündenbock der Raptors-Fans letztes Jahr, die seinen Abgang nach Arizona sicherlich begrüssen werden. In Phoenix soll Hedo in Teilen das Scoring des abgewanderten Amare Stoudemire ersetzen, sowie Steve Nash als Playmaker entlasten. Das heisst nicht zwangsweise: Turkoglu als Point Guard. Aber gerade als zweiter Spielgestalter könnte der Neuzugang im Suns-Angriff den grössten Wert generieren. Sein Jumpshot hingegen ist sehr streaky, weswegen er als Scharfschütze und Pick-n-Pop Partner für Nash nicht wirklich ideal ist. Turkoglu ist spielerisch definitiv ein Upgrade gegenüber Leandro Barbosa, allein schon wegen der Matchup-Probleme, die er hervorbringt. Wenn er Nash zudem etwas Schonpause während der regulären Saison erschaffen kann, hat sich die Verpflichtung doppelt gelohnt. Einzig und allein das Preisschild des ehemaligen Most Improved Players wiegt schwer: Turkoglu kassiert weitere 44 Millionen $ für vier Jahre.

Leandro Barbosa geht im Tausch für Turk zu den Toronto Raptors. Über die Motivation der Raps bei diesem Deal lässt sich im Moment nur spekulieren. Zum einen kommt der Brasilianer sicherlich billiger (2 Jahre/knapp 14 Mio $). Zum anderen ging es dem Manager Bryan Colangelo auch darum, die eigenen Fehler in der Vergangenheit auszuradieren - die Verpflichtung von Turkoglu gehörte sicherlich mit dazu. Sportlich gesehen stösst der pfeilschnelle Barbosa, dessen Stärken im Transition Game liegen, zu einem Team hinzu, dass bereits über 6 Guards verfügt (Calderon, Jack, DeRozan, Belinelli, Weems, Banks). Barbosa ist ... genau, ebenfalls ein Guard. Wer auch immer mehr als 100 Kilo wiegt, sollte die Raptors schleunigst anrufen und sich vorstellen. Für den Frontcourt werden noch Männer gesucht. Recycling-Spieler Dwayne Jones, der zweite Spieler in dem Deal, wird in den Planungen der Raptors kaum eine grosse Rolle spielen.


Der zweite Trade der emsigen Suns heisst: Zweitrundenpick 2012 gegen einen signed & traded Josh Childress aus Atlanta. Ich hatte schon früher erwähnt, dass die Hawks noch die Rechte am restricted Free Agent besassen, der die letzten beiden Jahre beim griechischen Abonnementsieger Olympiakos Piräus verbrachte. Atlanta hätte jedes Angebot abgleichen können. Dummerweise für die Hawks war nach dem Megavertrag von Joe Johnson kein Cent mehr im Sparschwein - und Childress ist nun weg. Des einen Leid ist des anderen Freud: Phoenix erhält einen beinharten Verteidiger, der vielseitiger ist als ein (fluffiges) Schweizer Taschenmesser. Lasst euch von dem Grinsen nicht aufs Glatteis führen: J-Chill kann alles auf dem Platz, und das meiste besser als durchschnittlich. In seiner letzten NBA-Saison war der ehemalige Pac-10 Spieler des Jahres der wohl beste Reservespieler der Liga und massgeblich beteiligt am damaligen Höhenflug der Falken aus Atlanta. Seine Karriere-Durchschnittswerte in der besten Liga der Welt:

11.1 Punkte, 5.6 Rebounds, 1.8 Assists, 1 Steal, 52 Prozent FG%, 36% Dreier

Dem Spiel der Suns wird Childress dank seiner extremen Vielseitigkeit und Toughness (zwei Jahre Euroleague und griechische Liga unter dem Druck unzähliger enger Spiele härten ab) eine neue Qualität verleihen. Er wird viel cutten und abseits des Balls auf seine Gelegenheiten warten. Second-Chance Points und viel Drive zum Korb sind das perfekte Pendant zu den anderen Komponenten im Suns-Angriff: Steve Nash Pick'n'Rolls satt und grossflächige Dreierbombardements. Zuguterletzt kommt Phoenix durch die Verpflichtung von Childress seinem (insgeheim) grössten Ziel ganz nahe: ein Team, bestehend nur aus Forwards. Lopez, Nash und Dragic stehen dem grossen Plan (noch) im Weg.



nbachef meint: Vorteil Phoenix