20 Juli 2010


Eins muss man ihm lassen: Allen Iverson ist kein Quitter. War er nie, wird er auch nie sein. Nach seinem erbärmlichen Abgang inmitten der letzten Saison, als er seine Philadelphia 76ers wegen persönlicher Probleme verliess, hatten viele Beobachter mit dem endgültigen Karriereaus des ehemaligen Most Valuable Players (2001) gerechnet. Nicht so schnell, Freunde.

Sein peinliches Intermezzo bei den Memphis Grizzlies, die ihn vor der Saison verpflichtet hatten, dauerte ganze 3 Spiele an. Auf ein Vertragsangebot von einem anderen Team wartend, spielte Iverson wochenlang die 'Retirement'-Karte. Erfolgreich, wie man feststellen musste. Philadelphia, sein ehemaliger Arbeitgeber, kam angerannt und holte seinen ehemaligen Franchise-Spieler in einer gefühsduseligen Aktion in die Starting Lineup zurück. Iverson erzielte in 25 Partien 13.9 Punkte und 4.1 Assists im Schnitt. Ab Januar blieb er der Mannschaft dann fern. Massive familiäre Probleme, sowohl mit seiner kranken Tochter sowie einer bevorstehenden Scheidung, hinderten ihn an einer Rückkehr ins Team - bis zum Saisonende ward der Shooting Point Guard nicht mehr gesehen.

Mittlerweile hat Iverson sein Privatleben wieder im Griff. Seine Tocher ist gesund, auch mit seiner Lebensgefährtin Tawanna ist alles wieder im Lot. Zeit also für 'The Answer', wieder an Basketball zu denken. Seit Wochen trainiert der elfmalige All-Star für sein Comeback und meint es ernst mit einer Rückkehr in diesem Herbst. "Allen trainiert und bereitet sich darauf vor, zurück zu kehren", liess sein persönlicher Manager Gary Moore vor kurzem wissen. "Egal was kommt, er wird nächstes Jahr spielen. Er will einem Contender zu einer Meisterschaft verhelfen, auf jede nur erdenkliche Weise. Das hat er auf jeden Fall noch drauf."

Die Frage bleibt, welches Team sich auf ein Engagement des vierfachen Scoringchampions (Karriereschnitt 26.7 Punkte) einlassen will. Iverson wurde vor kurzem 35 Jahre alt und hat bei seinen letzten Stops bewiesen, dass er sich immer noch als Alpha-Spieler in der Offensive sieht, obwohl seine Effektivität mit der schwindenden Athletik erkennbar nachgelassen hat. Das an Arroganz grenzende Selbstvertrauen, das ihn zum besten Punktesammler relativ zur Körpergrösse aller Zeiten hat werden lassen (24000+ Pts) steht ihm einer spielerischen Neuerfindung im Weg. Nur wenn er sich anpasst, kann Iverson potentielle Interessenten davon überzeugen, ihm eine letzte Chance zu geben. Er muss sein Ego zurück stellen, sich bereit erklären, von der Bank zu kommen, und all die kleinen, teamdienlichen Dinge tun, die ihm 20-25 Minuten Spielzeit bei einem Titelkandidaten einbringen. Ich bin überzeugt, dass Iverson das mittlerweile erkannt hat, und trotz seines Selbstverständnisses, immer noch regelmässig 25 und 8 pro Spiel abdrücken zu können, auf seiner letzten Runde kleinere Brötchen zu backen bereit wäre. Kommt er irgendwo unter, hat er noch 1, maximal 2 Jahre im Tank. Ein Titel wäre für ihn selbstredend der Balsam auf die geschundene Seele und ein Stückchen Frieden in seinem lebenslangen Kampf gegen die Dämonen, die ihn verfolgen.

Beim Blick auf potentielle Adressen für ein letztes Hurrah fallen einige Teams ins Auge, bei denen Iverson - vorausgesetzt, er umarmt seine vorgesehene Ersatzrolle wie Larry Brown auf dem Foto rechts - durchaus beitragen könnte in der W-Spalte. Alle Kandidaten sind selbstredend Playoff-Teams. Mannschaften wie Utah/San Antonio (passt nicht zur Philosophie), Oklahoma City/Portland (andere Politik), Atlanta (Jamal Crawford ist the man von der Bank), Phoenix (Teamchemie) oder Milwaukee/Dallas/Chicago (zu tief) kann man ausschließen. Bleiben insgesamt also 6 Teams übrig: Orlando, Miami, Denver, Boston, Charlotte und die Lakers.

Bei den Bobcats wäre Iverson mit seinem Mentor und Freund, Larry Brown, wieder vereint. Charlotte könnte seinen Scoring-Punch von der Bank gut vertragen. Zudem ist die Point Guard Position nach dem Abgang von Starter Raymond Felton etwas verwaist. Probleme mit der Teamchemie wird es bei der Konstellation Brown-Michael Jordan nicht geben. Iverson respektiert die Grössen der Sports auf ehrfurchtsvolle Weise.

Auch Denver hatte in den Playoffs unter anderem mit massiven Scoring-Problemen zu kämpfen. Eine Rückkehr von Iverson in die Mile High City, von wo aus er im Tausch für Nuggets-Anführer Chauncey Billups nach Detroit getradet wurde, würde die Nuggets endgültig zu einem der zwei gefährlichsten Teams im Westen machen (Stichwort: zweite Fünf).

Boston beklagt den Abgang von Shooting Guard Tony Allen, der nach Memphis abgewandert ist. Bisher bleibt Nate Robinson der einzige kleine Mann, der von der Bank aus energizen kann. Iverson könnte dieses Loch stopfen. Unter Doc Rivers und der absoluten, unbedingten Team-first Mentalität bei den Grünen wäre A.I. zahm wie ein Lämmchen.

Orlando, das erst gestern Matt Barnes nach Toronto verlor, sucht immer noch nach einem dritten Point Guard. Chris Duhon wurde als Ersatz für Jason Williams geholt, aber wer erzielt bei den Magic die Punkte, wenn Dwight, Carter, Jameer & co. mal eine Pause brauchen ? Iverson wäre ein Idealkandidat von der Bank.

Das selbst erklärte Superteam in Miami braucht auf seinem Weg zu den selbst erklärten 7 oder 8 Titeln auch ein wenig Substitution-Support. So gut, wie die Starting Five sich präsentiert, so elendig sieht die Bank - vor allem der Backcourt - bisher aus. In einer solchen Mannschaft hätte Iverson keine andere Wahl, als sich unter zu ordnen. Fürs Liga-Minimum auf jeden Fall ein Gamble wert für Riley & co.

Bei den Lakers schließlich hätte Iverson am wenigsten zu befürchten. Das Teamgefüge und die Hierarchie sind festbetoniert, der Coach meditiert inmitten von Tsunamis und der erneute Weg ins NBA-Finale ist bereits vorgestanzt - auch ohne Iverson. Backcourt-Spieler sind in LA immer eine Notwendigkeit, ein bisschen extra Scoring-Punch von der Bank kann auch bei den Champs nicht schaden. Stichwort Champion: hier hätte Iverson die besten Chancen auf den einen begehrten Ring. Arrangieren sich beide Parteien, eine klare Win-Win Situation.

Die guten Free Agents sind mittlerweile allesamt vergriffen. Übrig geblieben sind Spieler wie Carlos Arroyo, Travis Diener oder Keith Bogans - nicht gerade Impact Player vor dem Herrn. Ein geläuterter Iverson wäre sicherlich der verbliebene Kandidat, um aus einem Titel-Contender in diesem Jahr einen Titel-Defender im nächsten zu machen. Fragt sich nur, ob jemand anbeisst...